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Anna Enquist: “Die Eisträger”

Anna Enquists kühle Art zwischenmenschliche Beziehungen auszuloten, fasziniert mich immer wieder aufs Neue.
In “Die Eisträger” stellt sie unter Beweis, dass sie diese Kunst auch auf kleinstem Raum beherrscht.

Loes arbeitet als Lehrerin und lebt mit ihrem Mann Nico, der in einer psychiatrischen Anstalt in einer hohen Position arbeitet, in einem Haus in den Dünen.
Ein Symbol für die unterkühlte Beziehung zwischen den beiden ist der Garten, der nicht recht gedeihen will, da der Boden zu einem großen Teil aus Sand besteht. Da kann Loes gärtnern wie sie will, es wächst einfach nichts so, wie es soll.

Dies Basis der Beziehung zwischen Nico und ihr ist mit den Jahren auch immer poröser geworden. Man spricht nicht mehr miteinander, beziehungsweise Nico erzählt nichts mehr von seinem Alltag in der Klinik. Er läßt Loes nicht mehr an seinem Leben teilhaben und scheint sich auch gar nicht mehr für sie zu interessieren, was Loes schweigend hinnimmt.

Das Schweigen zwischen den beiden ist noch deutlicher, seit ihre Tochter von zu Hause abgehauen ist, ohne zu sagen, wie und wo man sie erreichen könne. Sie ist wie vom Erdboden verschluckt.
Ist sie vor dem Schweigen der Eltern geflohen, oder vielleicht vor ihrem dominanten Vater, der, wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat von nichts abzubringen ist – eine Eigenschaft, die ihm übrigens auch im Klinikalltag im Weg steht, von der er aber nicht ablassen kann?
Als er zum Nachfolger der Klinikleitung auserkoren wird, beginnt die Situation zu eskalieren. Sowohl privat, als auch beruflich.

Dieses Buch ist bereits im Jahre 2002 in deutscher Sprache erschienen und ist jetzt in der wunderschönen Reihe „Pas op, Boekenwurm! SNEL LEZEN!“ bei Wagenbach neu aufgelegt worden.
Zum Glück, denn hier halten wir ein literarisches Kleinod in den Händen, das durch seine Themenvielfalt und Präzision auf engstem Raum besticht.
Das Schweigen zwischen den Eheleuten ist direkt spürbar und auch die hoffnungslose Situation, aus der keiner der beiden es wagt auszusteigen – sie wüßten auch gar nicht wie.

Auch kehrt hier ein Thema wieder, das mich in einigen meiner Lektüren der letzten Zeit begleitet hat: Dass Eltern sich wünschen, dass ihre Kinder anders wären. Erfolgreicher, wie zum Beispiel in “Was ich euch nicht erzählte” von Celeste Ng oder beliebter und aktiver wie in “Boy” von Wytske Versteeg.

Ein typisches Thema für Anna Enquist ist das des Gesundheitswesens, ist sie doch selbst Psychoanalytikerin. Während sie in “Die Betäubung” den Fachbereich der Anästhesie betrachtet und sich in “Streichquartett” mit der Altenpflege auseinandersetzt, wendet sie sich in “Die Eisträger” den psychiatrischen Kliniken zu und zeigt dabei zwei grundsätzlich verschiedene Herangehensweisen an eine Therapie auf, was sehr interessant ist.

“Die Eisträger” ist auf allen Ebenen sehr gelungen und hat mich beeindruckt zurückgelassen, wobei ich nicht verschweigen möchte, dass ich besonders das Ende großartig finde und das kommt bei mir nicht häufig vor.
Also: “SNEL LEZEN!”

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ISBN: 978-3-8031-2758-7
Verlag: Wagenbach
Erscheinungsjahr: 2016
Übersetzung: Hanni Ehlers
Preis: 9,99 €


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