Clemes Berger: „Das Streichelinstitut“

Das Streichelinstitut von Clemens BergerSebastian hat Philosophie studiert und bereits zwei Dissertationen für andere verfasst. An seiner eigenen ist er allerdings bisher gescheitert.
Seine Freundin Anna arbeitet an einem Institut und hat einen geregelten Tagesablauf und genau das ist etwas, was Sebastian zu fehlen scheint. Von Zeit zu Zeit steht er im Supermarkt und würde gerne einmal mit der Kassiererin tauschen und etwas tun. Obwohl…eigentlich lieber doch nicht.
Sebastian weiß einfach nicht, mit was er Geld verdienen soll, ihm fehlt seiner Ansicht nach ein Talent. Eins kann er allerdings: Er kann Anna so streicheln, dass sie sich vollkommen entspannen kann.
Bei Ratten hat man festgestellt, dass die Ratten die jeden Tag gestreichelt, oder von der Mutter geleckt worden sind, wesentlich stressresistenter sind, als die, die nicht gestreichelt wurden.
Wie vielen Menschen könnte man durch bloßes Streicheln helfen und so den Therapeuten sparen? So entsteht die Idee eines Streichelinstituts.
Zu Annas großer Überraschung meldet Sebastian wirklich ein Gewerbe an und es kommen auch Kunden. Doch sind es nicht immer die, die Sebastian sich wünschen würde. Sein Leben jedenfalls wird nach und nach immer geregelter. Doch sein Wunsch nach der Zufriedenheit stellt sich dennoch nicht wirklich ein.

Wäre Clemens Berger ein Autor eines anderen Schlages, hätte man hinter diesen Titel vielleicht ein leichtes und lockeres Buch, in dem es um Anekdoten und sonstige Absonderlichkeiten in einer Streichel-Praxis geht, vermutet. Dem ist zum Glück nicht so, denn Clemens Berger selbst hat in Wien Philosophie studiert und das merkt man diesem Buch an. Wie leicht hätte dieser Text kippen können. Aber das tut er an keiner Stelle. Die Geschichte ist nicht auf Skurrilitäten angelegt und das rechne ich dem Autoren hoch an.
Es geht vielmehr um die Zufriedenheit im Leben bzw. darum, dass der Protagonist nach etwas Schönerem, Besseren und Angenehmeren sucht, aber mit nichts Erreichtem jemals längere Zeit zufrieden ist. Dass er immer auf Anzeichen dafür lauert, wann denn das richtige Leben anfängt.
Hinzu kommen zum Beispiel philosophische Passagen über das Thema Haut, oder Überlegungen darüber, warum wir uns eigentlich bei anderen Menschen entschuldigen, wenn wir sie in der Straßenbahn streifen. Viele ganz alltägliche Begebenheiten, die dazu anregen, sich einmal Gedanke zu machen.
Was vielleicht anzumerken ist, ist, dass es sich hier um kein Buch handelt, das man einfach so zwischendurch mal runterliest. In dieser Geschichte gibt es viele Dinge zu entdecken und es wäre schade, wenn man sie einfach so überlesen würde.

Eva Menasse kommentierte „Das Streichelinstitut“ übrigens mit folgenden Worten: „Ein besonderes, witziges, amüsantes und auch sehr kluges Buch“ – dem kann ich nur zustimmen.

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ISBN: 978-3-442-74849-5
Verlag: btb
Preis: 10,99 €


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3 thoughts on “Clemes Berger: „Das Streichelinstitut“
Henrik

Hallo 🙂

Die Rezension zu diesem ziemlich unbekannten Titel ist sehr ansprechend. Ich finde, du beschreibst dieses Buch ziemlich schön und ich erwäge, es auf meine Wunschliste zu setzen. Alleine der Titel ist schon sehr Ansprechend, wenn auch etwas abschreckend. Aber ich glaube deinen Worten und denke, dass dieses Buch noch genügend Aufmerksamkeit bekommen wird.

Liebe Grüße
Henrik

Friederike

Hallo Henrik,

es freut mich sehr, dass meine Beschreibung Dich anspricht und ich finde, dieses Buch hat wirklich etwas mehr Aufmerksamkeit verdient. Inzwischen habe ich auch herausgefunden, dass dieser Titel, als er in gebundener Form (bei Wallstein 2010) erschienen ist, sehr gute Besprechungen (zum Beispiel in der FAZ) bekommen hat und vor allem in Österreich erfolgreich gewesen ist. Das hat mich sehr gefreut!

Viele Grüße,
Friederike

Let 'em eat books

Huhu,

ich muss sagen, dass genau das, was du dem Buch hoch anrechnest – dass es nicht kippt – mich dazu gebracht hat, es von Minute 1 an zu hassen. Ich fand es leider sehr trocken und er hat so viele Chancen auf eine große Handlung verpasst. An so vielen Stellen hätte er in viele verschiedene Richtungen abzweigen können, aber er bleibt bei dieser spannungsarmen Erzählung von Protagonisten, die die schlechtesten Eigenschaften der Menschen vereinen und bei denen man sogar hofft, dass sie es wenigstens wie Goethes Werther halten und ihr Selbstmitleid endlich beenden. Ich habe nichts gegen Bücher, die zum Denken anregen. Aber das hier hat es bei mir nicht getan, muss ich sagen. Einfach, weil Sebastian so unglaublich unsympathisch, pervers und hasserfüllt ist, dass man gar nicht mit ihm mitleiden kann, dass er jedes Mitgefühl und damit auch jede Selbstreflektion des Lesers im Keim erstickt.

Aber das ist nur meine Meinung, ich möchte dich damit in deiner sicher nicht kritisieren und ich hoffe, du verstehst das nicht so. Vielleicht eher als Zusatz dazu, dass es kein Buch ist, dass man einfach runter liest. Wenn man ein Problem mit Charakteren hat, die schwierig sind, wird man mit dem Buch nicht glücklich.

LG
Taaya von Let ‚em eat books

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