Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 8.Dezember 2017-Ein Kommentar

Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 8.Dezember 2017-Ein Kommentar

Da war ich platt. Fest davon überzeugt, dass Thomas Gottschalk Stephen Kings “Sleeping Beauties” vorstellen wird, habe ich den Fernseher eingeschaltet und war dann sehr überrascht, festzustellen, dass Thea Dorn dieses Buch ausgesucht hat. Thematisch passt das schon ins Bild, aber sprachlich?
Da war ich schon sehr erstaunt.

Ebenso verblüfft war ich, dass Thomas Gottschalk Peter Handkes “Obstdiebin” vorstellte. Das hätte ich nicht gedacht und mich würde sehr interessieren, wie er auf diesen Schriftsteller gekommen ist. Doch das erfahren wir in dieser Sendung leider nicht.

Peter Handke: “Die Obstdiebin”

Nun zum Roman, der mit der Beschreibung eines Bienenstichs beginnt und damit, dass sich der Erzähler auf den Weg macht. Man freue sich auf eine Liebesgeschichte, so Gottschalk, doch da wird man enttäuscht. Denn es geht ums Unterwegssein und ums Schweigen im Hier und Jetzt, wobei der Leser sprachlich auf eine andere Empfindungsebene getragen werde.

Dann übernimmt die Obstdiebin. Sie wird in einem Abschnitt von einem Pizzaboten begleitet, findet in einer sehr schönen Szene ihre Katze und vereint sich mit der Familie.
Das letzte Wort des Werkes ist “Seltsam”.

Thomas Gottschalk hat dieses Buch vollkommen begeistert. Er hat sich auf die Entschleunigung des Textes eingelassen und ist ein “Auf Handke Geworfener”. Falls er einmal ins Krankenhaus müsse, würde er Handke als Aufenthaltslektüre wählen.

Christine Westermann hingegen kann nicht viel mit diesem Werk anfangen und sagt selbst, dass sie es nicht verstanden habe. Ja, es hat sie stellenweise sogar so wahnsinnig gemacht, dass sie beim Lesen dachte: Bitte lass den Erzähler nicht an NOCH einer Bäckerei vorbeikommen, sonst dauert das Ganze ja noch länger. Es passiere einfach nichts.
Bei Karl Ove Knausgards Büchern, die ja ebenfalls den Alltag minutiös schildern, geht es Christine Westermann hingegen anders. Wenn er seitenweise beschreibt, wie er ein Ei auslöffelt, da sei sie gefesselt und begeistert.
Außerdem habe sie mit so manchen Wortspielen Handkes ihre Schwierigkeiten.

Thea Dorn erklärt, dass Handke mit eiserner Unbeirrbarkeit gegen das grelle Gefühl der Überflutung anschreibe. Für ihn sei es ein Ereignis, wenn ein Mensch im Wald aus dem Schatten heraus ins Licht tritt. Das ist es, was er beschreiben möchte.
Allerdings gibt sie zu, dass ihr dieses Buch auch manchmal auf die Nerven gegangen sei. Besonders Handkes auktoriales Potenzgeprotze, wenn er zum Beispiel einen Adler beschreibt und dann sagt: “Aber nein, da ist kein Adler!” und so klar hervorheben muss, dass ER der Erzähler und somit der Bestimmer ist, der insgeheim weiß, dass die Tage einer solchen Erzählform gezählt sind.

Volker Weidermann hebt hervor, dass Handke ein romantisches Konzept gegen die Verzauberung der Welt habe, auf welches man sich einlassen müsse.

Ich fürchte, dass ich mit Handke nach wie vor nichts wirklich anfangen kann, freue mich aber sehr darüber, dass Thomas Gottschalk einen neuen Schriftsteller für sich entdecken konnte, der ihn begeistert. Da hat die Sendung ja etwas bewirkt.

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Stephen und Owen King: “Sleeping Beauties”

Thea Dorn stellt Stephen Kings neuen Roman vor, den er gemeinsam mit seinem Sohn Owen geschrieben hat.
“Sleeping Beauties” ist sozusagen eine aktualisierte Variante des Märchens Dornröschen, denn es geht hier darum, dass, sobald die Frauen einschlafen, sie in einen ekligen Kokon eingewebt werden und nicht mehr aufwachen – und darum, was geschieht, wenn nur die Männer übrig bleiben.

Thea Dorn ist fasziniert von der Tatsache, dass es zwei Männer sind, die sich einen solchen Plot ausgedacht haben, der sich mit der Angst der Männer beschäftigt, sich selbst abgeschafft zu haben.
Des Weiteren bemerkt sie, dass der erste Dialog im Buch auch von Handke sein könnte und bewundert Kings Gabe, das Elend einer Stadt in nur zwei Worten zu beschreiben.

Christine Westermann stellt sich die Frage wo denn die Literatur in diesem Buch sei. Sie hat über so manchen Dialog großflächig hinweggelesen und fand “Sleeping Beauties” einfach nicht spannend. Jedoch ist sie von der Tatsache fasziniert, dass man jederzeit, auch wenn man etwas übersprungen hat, wieder in den Roman hineinkommt.

Thomas Gottschalk hat schon viele Romane Stephen Kings gelesen (von daher lag ich mit meiner Einschätzung, dass er dieses Buch ausgewählt haben könnte, nicht so ganz daneben), meint allerdings, dass “Sleeping Beauties” den Leser auf eine falsche Fährte locke, da es sich hier mehr um Fantasy, denn um Horror handele.
Vielleicht sei es der Tatsache geschuldet, dass King hier mit seinem Sohn zusammen schreibt und ihn so wahrscheinlich als Schriftsteller pushen möchte.
Also ein bisschen so, so Gottschalk, als ob er selbst zu seinem Sohn sagen würde: Moderiere ein bisschen mit, aber halte Dich zurück.
Die beiden Kings funktioniern als Duo nicht zu hundert Prozent. Wenn das Hirn spritzt, sei das Buch großartig, doch oft bekommen die beiden den Bogen nicht. Es sei zu viel Weltgeschehen in diesem Buch, das sei unglaubwürdig.
Die Leser, die Stephen King kaufen, seiennicht auf der Suche nach einem Buch über die Rettung der Menschheit.

Volker Weidermann sieht das genauso. Auch er empfindet diesen Roman, der ja quasi Botschaftsliteratur ist, problematisch. Das was Stephen King kann, nämlich Horror-Literatur schreiben, leide sehr darunter.

Ich denke, das Thea Dorn das Thema einfach sehr reizvoll fand und ihre Wahl daher auf dieses Buch gefallen ist.
Meins ist es glaube ich nicht, wohingegen es mich nach wie vor reizen würde Stephen Kings Roman “Es” zu lesen. Vielleicht wenn ich in Rente bin…

Die Welt hat “Sleeping Beauties” bereits besprochen.

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Joachim Meyerhoff: “Die Zweisamkeit der Einzelgänger”

Wie vermutet stellt Christine Westermann den neuen Roman von Joachim Meyerhoff vor, in dem es um Joachim geht, der nach der Schauspielschule in Bielefeld und dann in Dortmund am Theater arbeitet und an beiden Orten eine Freundin hat.

Thea Dorn hat alle vier Romane Meyerhoffs sehr gerne gelesen und stellt die Frage, ob die anderen drei irgendjemanden kennen, der Meyerhoff nicht gut findet.
Stimmt, da gibt es Wenige. Ich kenne auch nur einen.

Dass er Meyerhoff schlecht finde, kann Thomas Gottschalk auch nicht so direkt sagen, aber er merkt an, dass er diesem Autor auf den Leim gegangen sei. Meyerhoff drechsele ihm zu viel.
Außerdem stellt er sich die Frage, ob das hier eine Biografie sein soll, solche Figuren könne es im wahren Leben doch gar nicht geben. Auch die Veralberung des elitären Dortmunder Adels habe ihm nicht gefallen.

Ich denke, dass es das erste Meyerhoff-Buch gewesen ist, dass Gottschalk gelesen hat und glaube, dass es sinnvoller gewesen wäre, mit einem anderen Buch des Autors zu beginnen. Mit “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war”, in welchem Meyerhoff von seiner Kindheit und Jugend erzählt und von seinem Vater, der Direktor einer Kinder- und Jugendpsychiatrie gewesen ist.
Ein großartiges Buch, das ich als etwas schmissiger empfunden habe, als “Die Zweisamkeit der Einzelgänger”.
Dennoch zählt dieses Buch zu meinen Lieblingsbüchern des Jahres 2017. Meyerhoff kann es einfach!

Thea Dorn gibt Thomas Gottschalk insofern Recht, dass die Figuren natürlich überzeichnet seien und das Ganze schon Züge von einer Art Slapstick habe. Allerdings sei dies wohl auch ein Geheimnis des Erfolgs, sowie auch der Hang zum Understatement: Meyerhoff macht sich erfolgloser, als er ist und das sei sehr charmant. Es sei ihr dabei vollkommen egal, was wahr sei und was nicht.
Er sei ein Beobachtungsgenie und der beste schreibende Schauspieler, den es derzeit gebe.
Auch Volker Weidermann meint, dass dieses Buch phantastische Momente habe.

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Ina Hartwig: “Wer war Ingeborg Bachmann?”

Volker Weidermann stellt dieses Buch vor, das dem Leser die bedeutendste Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts näher bringt.
Den Mythos Ingeborg Bachmann, ihre Selbstauflösung, ihren Größenwahnsinn und ihre vier Jahre mit Max Frisch, der Bachmann als Figur in seinem Roman “Mein Name sei Gantenbein” verarbeitet hat, weshalb jene ihn als “Mörder” bezeichnete.
Hartwig sei der Autorin nachgegangen und habe den Nebel weggepustet, der diese Frau umgeben habe.

Christine Westermann findet dieses Buch total spannend, hat sich aber ein wenig über die Art und Weise der Autorin geärgert, anzudeuten, dass sie mehr wisse, als andere. Zum Beispiel, indem sie schreibt, dass Bachmann vielleicht gerne ein Kind von ihrem Vater gehabt hätte. Das gehöre sich nicht, so Westermann.
Ihr komme dieses Buch vor, wie eine Art “Gala”, oder “Bunte” für die gehobene Leserschaft, worauf hin Weidermann bestätigt, dass Ina Hartwig mit Begeisterung jedem Gerücht folge.

Thomas Gottschalk meint, dass er ja aus genau dieser Welt komme, aus der Welt der Spekulationen. Ihn hat Ina Hartwigs Buch fasziniert, durch das er zu einem Werk Zugang bekommen habe, bei welchem er immer dachte “Um Gottes Willen!”. Er möchte Ingeborg Bachmann näher kommen, mehr erfahren über diese Schriftstellerin, für die er sich bisher nicht interessiert hat.
Das ist toll!

Dass diesem Buch so etwas gelingen könnte, hätte Thea Dorn nicht gedacht. Allerdings ist sie etwas irritiert darüber, wie man ein Buch über Ingeborg Bachmann schreiben kann, wenn die Faszination für ihr Werk doch spürbar nicht vorhanden sei.
Außerdem meint sie, dass diese Biographie dringend ein besseres Sprachlektorat gebraucht hätte.
Soviel dazu.

Eva Menasse (Die Zeit) hat dieses Buch bereits besprochen.

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Kurz noch die Fußballergebnisse:

Handke 3:1
King: unklar
Meyerhoff 3:1
Bachmann: 2:2

Insgesamt fand ich die Sendung an sich unterhaltsam. Ich war von Thomas Gottschalk sehr angetan, komme jedoch nicht umhin erneut festzustellen, dass Volker Weidermanns Sprachbeiträge noch immer auswendig gelernt erscheinen, was sehr schade ist. Allerdings fiel weder der Name Kafkas noch der Thomas Manns und das ist schon mal ein Fortschritt.
Jedoch muss ich sagen, dass mich die vorgestellten Romane, bis auf den Roman von Joachim Meyerhoff, den ich bereits gelesen habe, nicht wirklich interessiert haben.
Aber man kann ja nicht alles haben und so bin ich gespannt, welche Bücher in der nächsten Sendung am 2. März 2018 vorgestellt werden.
Ich würde mich sehr freuen, wenn Titel vorgestellt werden würden, die ich noch nicht auf dem Schirm habe.
Wie es zum Beispiel bei „Denen man vergibt“ von Lawrence Osborne der Fall gewesen ist, das eines meiner Lieblingsbücher des Jahres 2017 ist. Ohne das Quartett hätte ich dieses Buch nie entdeckt.

Auf die Weihnachtsbuchtipps der drei Kritiker war ich allerdings sehr gespannt und muss aber sagen, dass mich die Auswahl eher enttäuscht hat.
Es ging, so scheint es mir, bei so mancher Empfehlung eher darum den Intellekt des Kritikers in den Mittelpunkt zu rücken. Schade.
Allerdings, muss ich auch sagen, dass ich gerade gesehen habe, dass Volker Weidermanns Tipp beim Verlag bereits am Tag nach der Sendung nicht mehr lieferbar war. Das heißt, dass es eine Nachfrage gab und das wiederum freut mich sehr!

Thea Dorns Geschenktipp
Homer: “Ilias”

Schon im letzten Jahr war ein Werk Homers Dorns Weihnachtstipp und zwar die Neuübertragung der Odyssee.
In diesem Jahr ist es die Neuübertragung der Ilias.

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Volker Weidermanns Tipp:
Irmgard Keun: “Das Werk”

So viel Literatur gab es für 39,90 € noch nie, sagt Volker Weidermann.
Nämlich 2044 Seiten.

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Thomas Gottschalks Empfehlung:
Katharina Pektor (Hrsg.): Peter Handke

Ein Ausstellungskatalog.

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Christine Westermanns Geschenktipp:
Wiglaf Droste, Nikolaus Heidelbach, Vincent Klink: “Weihnachten”

Geschichten, Rezepte und Zeichnungen rund ums Thema Weihnachten.

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Ich gebe ja zu, dass Heidelbachs Illustrationen etwas speziell sind, doch ich persönlich mag sie ja sehr.

Er hat auch Franz Hohlers grandioses Werk: „Das große Buch – Geschichten für Kinder“ illustriert, in welchem der Autor uns unter anderem ganz plausibel erklärt, dass die Welt aus einer Erbse entstanden ist. Woraus denn auch sonst.
Außerdem gibt es einen tollen Auftritt eines Gartentors, das gerne ein Rennrad wäre.
Super!

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2 thoughts on “Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 8.Dezember 2017-Ein Kommentar
Bri

ich fand den Bruch, den sie da versucht oder zugelassen haben, klasse. Gottschalk, der vorher von vielen Seiten belächelt wurde, bringt Handke mit, Thea Dorn, die Philosphin bring Stephen King mit – was aber auch passt, da sie selbst ja auch Krimis/Thriller schreibt. Weshalb immer in Schubladen denken? Das war sehr wohltuend. Thomas Gottschalk ist mir seit jeher sympathisch – das mag an den ähnlichen Wurzeln liegen, wir kommen beide aus Franken – ist er doch immer mit einer sehr wertschätzenden Grundhaltung unterwegs. Weidermanns Beiträge empfinde ich als nach wie vor recht substanzlos. Und Meyerhoff, da bin ich komplett bei Gottschalk. MIr zu glatt, wie mit Schablone gezeichnet, da gibt es meiner Meinung nach besseres – und ich habe es mit dem ersten Band versucht ;). LG, Bri

Olaf Gütte

Hallo Friederike, ich denke, Du bist nicht die Einzige, die Mit Peter Handke nicht klar kommt. Selbst unser Literaturpapst hatte für den „dümmlichen“ Handke oft nur Verachtung und Spott übrig. ich persönlich halte mich vorerst noch raus, habe es noch nicht gelesen. Liebe Grüsse, Olaf

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