Deborah Feldman: „Überbitten“

Deborah Feldman: „Überbitten“

Im vergangenen Jahr war Deborah Feldmans “Unorthodox” mein Lieblingsbuch des Jahres.
2017 wird diesen Platz Feldmans “Überbitten” einnehmen, denn ich wüsste nicht, was dieses Buch noch übertreffen sollte. Ich bin tief beeindruckt und begeistert – vom Werk an sich und von der Autorin selbst.

Genau aus diesem Grunde ist es für mich nicht einfach, eine Besprechung zu schreiben, denn ich fürchte, dass sie diesem Werk nicht gerecht werden kann. Es steckt so viel in diesem Buch. Zum einen geht es hier um eine starke, mutige und unglaublich intelligente Frau, die ihren eigenen Weg geht und die ich zutiefst bewundere.
Eine Frau, die die Kraft besitzt, sich ohne Unterstützung einer unbekannten Welt zu stellen und die auf sich selbst vertraut.
Zum anderen ist es ein Buch über uns und unsere heutige Zeit. Man kommt gar nicht umhin, sich während dieser Lektüre zu fragen, in was für einer Welt wir eigentlich leben.

Deborah Feldman beschreibt in “Unorthodox” ihre Kindheit und Jugend in der ultraorthodoxen jüdischen Satmar-Gemeinde in Williamsburg (New York), aus der sie mit 23 Jahren ausstieg und seitdem keinerlei Kontakt zu ihrer Familie mehr hat. In “Überbitten” läßt sie uns an weiteren Details aus ihrem damaligen Leben teilhaben und berichtet davon, was sie nach ihrem Ausstieg erlebte und wie es dazu kam, dass sie sich in Berlin niedergelassen hat.

Bis zur Lektüre von “Unorthodox” war mir nicht bewußt, dass eine solch strenggläubige Gemeinde im heutigen New York existiert. Eine Gemeinde, die auch als Sekte bezeichnet wird, da sie sich unter anderem von der Außenwelt komplett abschottet und sehr strengen Lebensregeln unterwirft. So ist es zum Beispiel Mädchen und Frauen untersagt zu lesen.
In “Überbitten” erzählt uns Deborah Feldman von der Funktion der Frauen, die sich nicht weiterbilden sollen, denn ihre Aufgabe besteht darin, Nachkommen zu gebären und so die im zweiten Weltkrieg ermordeten Juden zu “ersetzen”.
Das Wichtigste hierbei ist, dass das Blut “rein” bleibt. Damit es nicht zu Inzucht kommen kann, wird eine Art “Blutdatenbank” angelegt. So kann vor einer Eheschließung kontrolliert werden, ob die beiden zu vermählenden Partner (wobei hier eigentlich das Wort “Partner” fehl am Platz ist, denn was hier vollzogen wird sind sehr oft Zwangsehen) auch Kinder bekommen dürfen.
Die Tatsache, dass es in der Sprache der Gemeinde kein Wort für “Glück” gibt, spricht für sich.

Deborah Feldman wird mit einem Mann verheiratet, der nach strengeren Regeln erzogen worden ist, als sie selbst und bekommt bald darauf einen Sohn. Zu diesem Zeitpunkt ist ihr bereits klar, dass sie die Welt der Gemeinde hinter sich lassen möchte.
Sie setzt sich selbst eine Deadline und zwar den Zeitpunkt, an welchem ihr Sohn in die Schule kommen wird. Sie möchte verhindern, dass sich ihr Sohn den dortigen Regeln unterwerfen muss.
Während dieser Zeit besucht sie selbst heimlich das Sarah-Lawrence-College in New York und erhält so einen Einblick in die Welt, die sie erwarten wird.

Dass dieser Ausstieg nicht einfach werden würde, war von Anfang an klar, zumal in Feldmans Kindheit die Menschen, die die Gemeinde verlassen hatten und scheiterten als abschreckendes Beispiel herangezogen wurden – viele von Ihnen haben sich das Leben genommen.
Wer geht, der wird von der Familie verstoßen. Auch Deborah Feldman erhielt Briefe von ihrere Familie, in welchen stand, dass sie sich umbringen solle.
Solche Reaktionen waren zu erwarten, dennoch wagt die Schriftstellerin diesen Sprung ins Ungewisse. Vor so viel Mut und Entscheidungskraft kann ich nur den Hut ziehen.
Ebenso vor ihrer Klugheit und ihrer literarischen Stimme – beides bewundere ich zutiefst.

Während ich hier sitze, durch “Überbitten” blättere und meine vielen angestrichenen Stellen Revue passieren lasse, so wird mir wieder bewußt, wie viel ich aus diesem Werk mitnehme.
An Emotionen, an Gedanken, an Wissen über eine andere Kultur und über unsere eigene. Denn Deborah Feldman hat einen anderen, sehr erhellenden Blick auf die Gesellschaft.
In ihrer Erziehung hat sie zum Beispiel gelernt, dass Reichtum unsittlich ist und die Hauptwurzel allen Übels sei. In einer Szene, die sie in New York erlebt, bestätigt sich genau dies.
Auch muss sie erfahren, dass es in dieser für sie neuen Welt keine Gerechtigkeit zu geben scheint. Dass es Kindern von reichen Eltern, die der Schule viel Geld spenden, erlaubt ist, andere Kinder zu drangsalieren, ohne dafür büßen zu müssen. Der Dollar steht über der Menschlichkeit.

Genau dieser Dollar ist es, der Deborah Feldman fehlt und sie schließlich zu einer Aktion treibt, deren Ausgang beweist, wie raffgierig Menschen doch sein können und Unwissenheit anderer ausnutzen. An dieser Stelle war ich schlichtweg sprachlos – und nicht nur an dieser.

Sehr interessant ist auch zum Beispiel, was Deborah Feldman uns über Widersprüchlichkeiten im religiösen Leben erzählt. Eines Tages begegnet sie in New York einem Konvertiten, der, hätte er gekonnt, am liebsten zu den ultraorthodoxen Satmarern gehört hätte.
Doch die Autorin weiß, dass dies nie möglich sein wird, zumal in der Gemeinde sehr abschätzig über Konvertiten gesprochen wird. Keiner traut “dem inbrünstigen Überschwang und Enthusiasmus eines typischen Konvertiten” und so ist es für diesen sehr schwierig eine Ehefrau zu finden. Es bestünde ja die Gefahr, dass der Konvertit seinen Glauben wieder ändere und mit seiner Frau abhaue. Oder aber zu extrem werden würde, um die Gemeinde von seinem festen Glauben zu überzeugen.

Deborah Feldman schlägt betreffendem jungen Mann vor, dass ja die Möglichkeit bestünde, seine Frau unter anderen Konvertiten, oder unter den Ba`alei Teschuva (Personen, die als nicht nicht praktizierende Juden geboren und erst später religiös werden) zu finden.
Das will der junge Mann aber nicht und sagt, dass er glaube, dass deren Glaube nicht so fest sei, wie der Seinige, wobei sich herausstellt, dass er derzeit mit einer Ba`alei Teschuva zusammen ist.
An dieser Stelle sei erwähnt, dass jegliche Berührung vor der Ehe nach den Regeln der ultraorthodoxen Gemeinde verboten ist. Auf die Frage, wann er den zuletzt mit einer Frau geschlafen habe, antwortet der junge Mann jedoch, dass dies am letzten Samstag geschehen sei – mit seiner aktuellen Freundin.
“Da haben wir die Art religiöser Männer, wie ich sie nur allzu gut kenne.” kommentiert Deborah Feldman.

Diese Episode finde ich sehr interessant. Wie viele Dinge, die Feldman in ihrem Buch schildert. Eine weitere Episode ist zum Beispiel diese, als Deborah Feldman nach Israel reist und an einem religiösen Feiertag, ich weiß jetzt nicht mehr an welchem, ins Restaurant geht. Dort bestellt sie Brot, doch bekam zur Antwort, dass das Restaurant aufgrund des Feiertags kein Brot servieren würde. Falls man sich dieser Regel widersetze, müsse das Restaurant eine Strafe bezahlen.
Wie kommt es, so fragt sich Feldman, dass sich ein ganzer Staat solch einer Regel freiwillig unterwirft?
Darüber musste ich viel nachdenken.

“Überbitten” ist allerdings nicht nur ein Buch über eine starke Frau und eine fremde Kultur. Es ist ein Buch über unsere heutige Zeit. Eine Zeit, in der wir vielleicht glauben, vorurteilsfrei zu sein, sensibel, tolerant, aufgeklärt und gerecht. Doch dieses Buch zeigt, dass wir noch sehr viel Arbeit vor uns haben.
Als Deborah Feldman beschließt auf den Spuren ihrer Großmutter zu wandeln und dafür nach Ungarn zu reisen, trifft sie Einen Bürgermeister, der sagt, dass es Antisemitismus, in Ungarn nicht gäbe. Doch schnell stellt Feldman fest, dass zum Beispiel die Frage: “Sind sie jüdisch?” in Ungarn als Beleidigung aufgefasst wird.

Des Weiteren erzählt ihr eine Bekannte vom Rassismus und Antisemitismus in Paris und als Deborah Feldman beim Frisörbesuch in Berlin sagt, dass sie Jüdin sei, wird sie gefragt, ob sie nicht auch der Meinung sei, dass man das mit dem zweiten Weltkrieg jetzt langsam mal zu den Akten legen solle…

Dieser Satz hat mich betroffen gemacht. Der zweite Weltkrieg, die Konzentrationslager, die Massenvernichtungen sind Teil unserer Geschichte – und das darf nicht vergessen werden.
Auch wenn ich mir zugegebenermaßen in der Schule manchmal ein anderes Thema gewünscht hätte, so bin ich heute sehr “froh” darüber, dass diese Zeit im Unterricht sehr ausführlich behandelt worden ist und dass wir damals nach Auschwitz und Natzweiler-Struthof gefahren sind.

Seit dem Besuch in Struthof läßt mich diese Thematik des Zweiten Weltkriegs nicht mehr los. Ich habe einige Berichte aus dieser Zeit gelesen, wie zum Beispiel “Das Mädchenorchester in Auschwitz” ( Fania Fénelon) und “Und Du bist nicht zurückgekommen” (Marceline Loridan-Ivens). Aber vieles auch noch nicht.
Wie zum Beispiel “…trotzdem Ja zum Leben sagen” (Viktor E. Frankl) und  kaum vorstellbar, ich weiß, Anne Franks “Tagebuch”.
Deborah Feldman hat mir Anne Frank ins Gedächtnis gerufen, denn sie selbst las es, als sie noch in der orthodoxen Gemeinde lebte. Heimlich versteht sich. Sie war sehr verstört, als sie feststellt, dass die Geschichte darin nicht erfunden, sondern wahr ist und ihre Großmutter Ähnliches durchlitten hat.

Die Großmutter selbst hat nie von dieser Zeit gesprochen, doch sie sagte ihrer Enkelin, dass es damals nach dem Krieg zwei Möglichkeiten gegeben habe: Entweder sich vom Glauben komplett loszulösen, oder sich diesem vollkommen zu verschreiben.
Sie wählte Letzteres, heiratete einen orthodoxen Mann, der die Satmar-Gemeinde in Williamsburg mitgründete. Die Gemeinde, die Deborah Feldman verlassen. Dass sie uns durch ihre Bücher an ihrem Leben und ihren Gedanken teilhaben läßt ist ein großes Glück.

“Überbitten” hat mich nicht nur angeregt, mich mit dem Holocaust zu beschäftigen, sondern mich auch sonst ins Grübeln gebracht.
Über die politische Situation in den USA, über den Umgang mit Geschichte und was dies über uns und unsere Welt aussagt. Und natürlich stelle ich mir auch die Frage, wohin das alles führen wird.
Nun, ich weiß es nicht, aber ich würde mir wünschen, dass dieses Buch viele, viele Leser erreicht und ebenfalls zum Nachdenken bringt.

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ISBN: 978-3-906910-00-0
Verlag: Seccesion
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Christian Ruzicska
Seiten: 704
Preis: 28,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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4 thoughts on “Deborah Feldman: „Überbitten“
L. Martin

Sehr schön, sehr informativ!

Friederike

Vielen Dank.

Verena

Mich hat vor allem beeindruckt, wie unglaublich klug und klar Deborah Feldmann ihre Gedanken wie in einem Fluss aufschreiben kann.
Manche Gedankengänge waren so gut zu verstehen, bei anderen musste ich länger grübeln.
Mich hat beschämt, wie unglaublich unsensibel manche Menschen mit unserer Holocaustvergangenheit umgehen. Als könnte diese Schuld verjähren?!
Ein absolut faszinierendes Buch.

    Friederike

    Ja, das ist es!

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