Dorothy Baker: “Zwei Schwestern”

Dorothy Baker: “Zwei Schwestern”

Wiederentdeckungen sind im Literaturbereich ein großes Thema.
“Stoner” von John Williams zum Beispiel erschien erstmals 1965 und schaffte es im vorletzten Jahr sogar auf die Spiegel-Bestsellerliste, was zeigt, dass dieses Stück Literatur auch quantitativ ein Erfolg gewesen ist. (Mein Kollege Oskar war (neben ganz vielen weiteren Lesern) übrigens auch ganz begeistert – das spricht für den qualitativen Aspekt)
Des Weiteren erschien zum Beispiel bei Arche “Adieu Paris” von Daniel Anselme, einen Antikriegsroman aus dem Jahre 1957 und im Mai 2016 wird “Die Rückkehr” von Rebecca West, der Geliebten von H.G.Wells neu aufgelegt.
Eine ebensolche Wiederentdeckung ist Dorothy Baker, die mit “Zwei Schwestern” einen außergewöhnlich modernen Roman über das Thema der inneren Freiheit geschrieben hat.

Cassandra und Judith sind eineiige Zwillingsschwestern. Cassandra hat in letzter Zeit unglaublich abgenommen, was nicht daran liegt, dass sie eine Diät gemacht hätte, nein. Ihr Gewichtsverlust hängt damit zusammen, dass die geliebte Schwester aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen ist. Vor neun Monaten schon.
Cassandra arbeitet gerade an ihrer Examensarbeit, damit sie eines Tages Lehrerin werden kann, aber schon seit geraumer Zeit kommt sie nicht richtig voran, was vielleicht wirklich auch daran liegen mag, dass ihr die Identifikationsperson abhanden gekommen ist – ihre Zwillingsschwester.
Von der Kleidung her waren die beiden nie Zwillinge, sie zogen sich nie gleich an und Judith kleidete sich eher schlampig, damit ihre Schwester hübsch sein konnte. Vor Männern hat Cassandra Angst, ihre Schwester allerdings nicht, wie sich eines Tages herausstellt, denn Cassandra erreicht nun die Nachricht, dass Judith heiraten möchte.

Bisher war Cassandra der Ansicht, dass außer der Familie keine weiteren Leute im Leben notwendig wären und dass ihre Schwester das bestimmt doch genauso sähe. Ein Irrtum. Ein furchtbarer Irrtum. Für sie ist es klar, dass sich ihre Schwester unterm Wert verkauft. Nicht dass sie den Auserwählten je gesehen hätte, aber ein einfacher Arzt – das kann ja nichts sein.
Noch dazu hat die Schwester beschlossen zu Hause, in den “heiligen Hallen” der Familie, zu heiraten und Cassandra soll die Brautjungfer sein. Cassandra beschließt einen Tag früher, als geplant anzureisen und ihrer Schwester diese Heirat auszureden, die bestimmt nur ein fürchterliches Missverständnis ist…

Dieses Buch ist eine Wiederentdeckung aus dem Jahre 1962 und ich bin sehr verblüfft, wie modern es geschrieben ist. Es könnte genauso gut heute spielen, denn die Befindlichkeiten der Menschen, die hier das Hauptthema bilden, haben sich ja nicht geändert.
Während Cassandra absolut fixiert auf ihre Schwester ist, möchte Judith sich von ihrer Schwester befreien und ein eigenes Leben beginnen. Doch Cassandra ist sehr verbohrt und gelangt zu keinerlei Einsicht was diese Angelegenheit anbelangt, sondern bleibt egoistisch.

Carson McCullers zählte zu einer der Bewunderer dieses Romanes. Doch für Dorothy Baker war das kein Erfolg.
Zeit ihres Lebens kam sie nicht darüber hinweg, dass sie nicht zu den amerikanischen Top-Autoren gehörte und war sehr deprimiert über ihre “sogenannte Karriere”.
Das finde ich sehr traurig, denn mit “Zwei Schwestern” hat sie ein einen vollkommen zeitlose Roman geschrieben, dessen Charaktere und Befindlichkeiten beeindrucken.
Sie schrieb auch ein Stück weit über sich selbst, in dem sie Frauen eine Stimme gab, deren sexuelle Neigung nicht eindeutig war. Vor “Zwei Schwestern” verfasste sie einen Roman und ein darauf basierendes Theaterstück, welches in New York wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses verboten wurde, denn es sprach ganz offen das Thema Homosexualität an.

Vielleicht war sie „einfach nur“ ihrer Zeit ein großes Stück voraus, doch das zu erkennen ist natürlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich und so litt sie ihr Leben lang unter ihrem Mangel an Erfolg.
Ich finde es sehr schade, dass sie diese Wiederentdeckung nicht mehr miterleben kann, denn “Zwei Schwestern” ist ein wirklich gutes und überraschend modernes Buch, das mich sehr bewegt hat.

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ISBN:  978-3-423-14559-6
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 10,90 €

Die gebundene Ausgabe dieses Titels ist 2015 ebenfalls bei dtv erschienen.


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One thought on “Dorothy Baker: “Zwei Schwestern”
Nanni

Liebe Friederike,

„Stoner“ liegt ja schon auf meinem SuB. „Zwei Schwestern“ wird auf jeden Fall noch hinzu kommen. Ich finde die Geschichte klingt sehr spannend.
Interessant, dass sich „die Befindlichkeiten der Menschen in den letzten Jahren“ nicht geändert haben. Sollte man doch meinen, dass es anders ist. Natürlich bin ich nun sehr neugierig, um welche es sich dabei handelt.

Viele liebe Grüße
Nanni

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