Jakob Arjouni: “Happy Birthday, Türke!”

Jakob Arjouni: “Happy Birthday, Türke!”

“Hausaufgaben” von Jakob Arjouni war eines meiner Lieblingsbücher des vergangenen Jahres und einige weitere Bücher des jung verstorbenen Autors standen bei mir jahrelang ungelesen im Regal.
Das hat sich nun geändert, denn nun habe ich endlich Bekanntschaft mit seinem kultigen Privatermittler Kayankaya gemacht.

Es ist der elfte August neunzehnhundertdreiundachtzig, Kemal Kayankayas Geburtstag und in Frankfurt ist es fürchterlich heiß. Der Blick aus dem Fenster erweckt in ihm die Sehnsucht nach einer gutaussehenden Klientin, aber wo soll die denn herkommen. Bei der Hitze geht doch kein Schwein freiwillig vor die Tür.

Daher ist er verblüfft, als plötzlich eine türkisch-sprechende Türkin vor der Tür steht. Hierbei sei erwähnt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass alle türkisch-aussehenden Menschen auch wirklich türkisch sprechen – Kayankaya ist der lebende Beweis.
Seine Eltern stammen aus Ankara, doch da die Mutter bei der Geburt starb, entschied sich der Vater nach Deutschland zu ziehen, wo er nach drei Jahren bei der städtischen Müllabfuhr von einem Postauto überfahren wurde. Daher wuchs Kemal bei Adoptiveltern auf und lernte nur deren Muttersprache. Deutsch eben.

Davon ist unsere türkisch-sprechende Türkin jetzt aber gar nicht begeistert, hat sie doch im Telefonbuch extra nach einem vertrauenserweckenden türkisch klingenden Nachnamen gesucht, da sie einen Privatermittler benötigte. Und jetzt kann der nicht einmal türkisch.

Aber er hat Kuchen und nachdem beim Nachbarn ein zweiter Teller und eine zweite Gabel ausgeliehen ist, erzählt sie bereitwillig, weshalb sie eine Privatdetektei aufgesucht hat: Ihrem Mann hat man vor ein paar Tagen in der Nähe des Bahnhofs ein Messer in den Rücken gerammt, was dieser nicht überlebt hatte.
Der Polizei alleine traut die Frau die Aufklärung des Falles nicht zu, daher der Gang zu Kayankaya, der nun einen neuen Fall hat.  

“Happy Birthday, Türke!” ist gespickt mit vielen amüsanten Alltagsbeobachtungen, trockenen Kommentaren Kemals und wartet mit einem Personal auf, das mich prächtig unterhalten hat. Sehr gerne erinnere ich mich an die Kioskbesitzerin, die ihre Kunden bittet, oder besser gesagt streng auffordert, ihr direkt bei der ersten Bestellung die Anzahl der Biere zu nennen, die sie insgesamt zu ordern gedenken, damit sie nicht zweimal an den Kühlschrank gehen muss.
Oder an Kayankayas trockene Worte beim Anblick zweier Kinder, die einen Ball abwechselnd an eine bröckelnde Altbauwand krachen lassen: “Ich überlegte, ob sie es schaffen würden, den gesamten Putz bis zum Abend herunterzuholen.”.

Des Weiteren bedient sich Kayankaya fragwürdig-kreativer Ermittlungsmethoden und es wird das eine oder andere Mal im hessischen Dialekt gebabbelt, was sehr zur Stimmung und zum Amüsement des Lesers beiträgt.
Hierbei sei erwähnt, dass der Dialekt in diesem Fall nicht dazu eingesetzt wird, um auf Teufel-komm-raus Lokalkolorit zu produzieren, denn Arjouni schreibt hier keineswegs einen Regionalkrimi.
Er liefert hier Hochwertiges und wer, wie ich, auch so langsam keine psychopathischen Killer, mordlustige Metzler und rachedurstigen Gefängnisinsassen mehr sehen kann, dem empfehle ich zur Abwechslung und Entschleunigung einen Ausflug mit Jakob Arjouni in die Welt der achtziger Jahre.
Und sowieso die Lektüre von Arjounis Werken. “Cherryman jagt Mr. White” ist übrigens auch grandios…

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P.S.: Dieses Buch ist ein Titel der Aktion #GoldenBacklist, in der es darum geht, das Augenmerk auf Titel zu lenken, deren Erscheinungsdatum schon länger (mehr als fünf Jahre) zurück liegt.

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ISBN: 978-3-257-21544-1
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr: 1985 (Buntbuch-Verlag), später bei Diogenes
Preis: 10,00 €


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4 thoughts on “Jakob Arjouni: “Happy Birthday, Türke!”
Birgit

Die Kayankaya-Krimis sind einfach klasse! Da wünsche ich Dir noch viel Spaß mit den weiteren Bänden!

    Friederike

    Danke, werde ich sicher haben 🙂

Petra

Ich habe mir gerade die schön illustrierte Büchergildeausgabe gekauft, ein Grund, das Buch noch einmal zu lesen. Ich freue mich drauf! Viele Grüße!

    Friederike

    Dann wünsche ich Dir viel Spaß! Bei mir liegt schon der Schuber mit allen Kayankayas parat 🙂

    Viele Grüße,
    Friederike

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