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Jill Alexander Essbaum: “Hausfrau”

Es ist ein sehr faszinierendes Buch, mit dem Jill Alexander Essbaum da aufwartet.
Das liegt vor allem am Charakter der Hauptfigur, die so ganz anders mit dem Leben in einem fremden Land umgeht. Nämlich gar nicht. Sie verweigert sich der Umwelt, oder besser gesagt, sie hat ihre eigenen Methoden zur Ablenkung vom Dasein in der Schweiz gefunden.
Glücklicher und sympathischer macht sie das zwar nicht, aber genau diese Art der Lebenseinstellung hat mir ein einzigartiges Leseerlebnis beschert.

Anna ist Amerikanerin und lebt seit acht Jahren in Dietlikon in der Schweiz. Ihr Mann ist Schweizer und arbeitet bei einer Bank. Was genau er da allerdings tut, weiß Anna nicht. Des Weiteren ist sie Mutter zweier Söhne und vor Kurzem ist noch eine Tochter hinzugekommen, Polly.
Bisher hatte sie mit den Kindern immer zu tun, was Anna auch als Ausrede benutzt hat, um nicht in einen Deutschkurs zu gehen, obwohl dies sehr sinnvoll gewesen wäre, denn sie spricht nur sehr schlecht Deutsch. Hinzu kommt, dass in der Schweiz logischerweise Schweizerdeutsch gesprochen wird, was für einen nicht Muttersprachler noch schwerer zu verstehen ist.

Auch hat Anna es bisher nicht geschafft, sich mit den hiesigen Müttern anzufreunden. Natürlich, man winkt sich freundlich zu, doch das Verhältnis bleibt nach wie vor sehr distanziert.
Auch das Verhältnis zur Schwiegermutter ist nicht das Beste, zumal die Schwiegermutter in Anna eher das “notwendige Übel” zur Erfüllung ihres Wunsches nach Enkelkindern sieht. Dennoch ist Anna froh, Ursula zu haben, damit sie ihr von Zeit zu Zeit die Kinder überlassen kann.
Zum Beispiel, wenn sie zu Dr. Messerli geht, einer Analytikerin, zu der sie immer mit dem Bus fährt, denn Anna hat keinen Führerschein, obwohl das auf dem Land eigentlich nicht schlecht wäre. Aber wie den Deutschkurs hat sie das immer vor sich her geschoben. Außerdem hat sie Schlafstörungen und steht manchmal mitten in der Nacht auf und geht nach draußen.

Anna ist einsam und erträgt die lähmende Stille im Haus nicht mehr. Sie weiß auch gar nicht so wirklich, was sie gut kann. Ihr Leben steht still. “Anna fühlte sich einsam und entfremdet, wohin sie auch ging.” Sie läßt andere (ihren Mann Bruno) für sich entscheiden, so dass sie nicht ihr Leben lebt, sondern gelenkt wird. Und Bruno lenkt gerne. Aber Anna ist auch gerne passiv. Das liegt in ihrem Naturell.
Auch hat sie gelernt sich sehr leise zu verhalten, wenn Bruno seine Ruhe haben will. Sonst kann er schnell unleidig werden.
Als sie sich schließlich überwindet und doch zum Deutschkurs geht, fällt ihr Archie auf, ein Schotte und schon bald landen die beiden im Bett. Bei Archi bleibt es nicht – zu mancher Zeit hat Anna drei Liebhaber gleichzeitig. Allerdings glaubt Archie nicht, dass dies an Annas Langeweile liegt, denn: “Gelangweilte Frauen gründen Clubs und übernehmen Ehrenämter. Traurige Frauen fangen eine Affäre an.”
Ja, es stimmt, Anna ist traurig, denn die derzeitigen Herren sind nicht Annas erste Seitensprünge, zuvor gab es noch einen weiteren Herrn – einen Amerikaner, dem Anna auch heute noch hinterhertrauert…

Anna zu mögen fällt schwer. Eine sympathische Frau ist sie nicht. Doch gerade das finde ich an diesem Buch so spannend, denn ich glaube, für Autorin wäre es bestimmt leichter gewesen, eine nette Figur zu erfinden, die unter den Umständen, der Schwiegermutter, der Sprachlosigkeit und dem dominanten Ehemann leidet, als eine, der man mit ambivalenten Gefühlen gegenüber steht.
Mit Anna hat hat Jill Alexander Essbaum jedenfalls eine Protagonistin geschaffen, die man nicht so schnell vergißt. (Genauso ging es mir übrigens mit den Figuren aus T.C. Boyles “Hart auf hart”: Allesamt unsympathisch, aber das Buch war eines meiner Highlights aus dem Jahre 2015 und einfach richtig gut.)

Als sie zum Beispiel ihre Affäre mit dem Amerikaner hat, versucht sie Schuldgefühle zu entwickeln, doch dies klappt einfach nicht, denn sie spürt nur unendliches Leid. Allerdings ist sie nicht im Stande zu agieren.
Sie reist dem Amerikaner nicht nach, sondern ergibt sich ihrem “Schicksal” in der Schweiz. Sie nimmt es hin, wie sie auch die Kinder hingenommen hat.
Eigentlich wollte sie ja gar keine. Vor allem kein Drittes. Jetzt ist es einfach passiert und Anna deklariert das neue Kind zum “Trostpreis” dafür, dass sie nicht das Rückgrat hat etwas in ihrem Leben zu ändern. Das Kind ist ihr Trost. Ein Trost, der sie nur noch enger an ihren Mann Bruno bindet, für den sie eigentlich nicht mehr viel empfindet, ohne den sie aber in der Schweiz gar nichts ist.  
Sie hat nicht einmal ein eigenes Bankkonto. Sie ist vollkommen unselbständig.

Jegliche freundschaftliche Annäherung blockt sie ab und suhlt sich in ihrer Unzufriedenheit. Ihre Therapiestunden zielen darauf ab, dass sie umfassender am Leben Teil nimmt, doch das tut Anna nicht – sie schwimmt in ihrer Bahn auf und ab und hat ab und zu Sex mit anderen Männern. Das sind ihre Highlights. Mehr hat sie nicht. Und ich habe auch den Eindruck: Mehr will sie nicht. Oder besser: Sie weiß nicht, was sie sonst tun sollte, also lässt sie alles so, wie es ist.
Aber gerade diese Passivität ist es, die Jill Alexander Essbaum so präzise und gekonnt in Worte zu fassen vermag und das hat mich beeindruckt. Ich mußte immer weiter und weiter lesen und konnte gar nicht aufhören, denn “Hausfrau” ist so ganz anders, als andere Bücher, in denen es um Menschen geht, die sich einsam fühlen und alleine in einem fremden Land sind.
Es ist hart, es ist sehr direkt, nicht wirklich mitfühlend, sondern eher neutral verfasst und das Ende hat mich vollkommen überrascht. Es ist ein rundum gelungenes, feinsinniges Buch, das mich mit seinem kühlen Tonfall komplett für sich eingenommen hat.

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ISBN:  978-3-404-17496-6
Verlag: Bastei Lübbe
Erscheinungsjahr: 2016
Übersetzung: Eva Bonné
Preis: 11,00 €

Die gebundene Ausgabe ist 2015 bei Eichborn erschienen.


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