Louise Boije af Gennäs: „Blutblume”

Louise Boije af Gennäs: „Blutblume”

So etwas Tolles habe ich seit Stieg Larssons Millennium-Trilogie
(“Verblendung”, “Verdammnis”, “Vergebung”) nicht mehr gelesen! “Blutblume” ist definitiv eines meiner Highlights des Jahres 2019.
Wie Louise Boije af Gennäs hier wirkliche Fälle und Fiktion vermischt ist schlichtweg großartig – und wahnsinnig spannend.

Sara ist 25 Jahre alt und braucht dringend einen Tapetenwechsel. In ihrem Heimatort Örebro erinnert sie alles an ihren Vater, der bei einem Brand ums Leben gekommen ist. Ja, sie muss definitiv raus.
Dafür nimmt sie auch in Kauf, dass ihre neue Bleibe in Stockholm aus einem heruntergekommenen, vollkommen überteuerten Zimmer besteht und die Besitzerin nicht gerade entgegenkommend ist. Die Küche darf zum Beispiel nur zwischen 17:00 und 19:00 benutzt werden.
Aber was will man machen, der Wohnungsmarkt gibt derzeit einfach nicht mehr her.

Schon in einer der ersten Nächte hört Sara laute Geräusche aus dem Nebenzimmer, das von einem anderen Mieter bewohnt wird. Da es immer lauter wird, steht sie auf und beschwert sich beim Nachbarn. Als sie wieder zurück in ihr Zimmer möchte, stellt sie fest, dass ihre Tür abgeschlossen ist. Außerdem hört sie Stimmen aus dem Inneren.
Als die Vermieterin schließlich mit dem Ersatzschlüssel kommt, ist die Tür offen und das Zimmer ist leer.
Hat sich Sara dies alles nur eingebildet? Ist es die posttraumatische Belastungsstörung, die ihr zu schaffen macht?
Die Sache ist mehr als seltsam und an Schlaf ist nicht zu denken.

Saras neuer Job ist weniger aufregend. Sie arbeitet in einem Café und schält Berge von Kartoffeln, was jetzt auch nicht gerade ihr Traum gewesen ist. Aber die Arbeitsplätze liegen in Stockholm auch nicht gerade auf der Straße. Trotz ihres Studiums bekommt Sara ausschließlich Absagen.
Dann jedoch eine Frau das Café, die nicht dem sonstigen Klientel entspricht. Sie ist gut gekleidet, trägt eine teure Sonnenbrille und hat sich wohl verirrt.
Doch am nächsten Tag kommt sie wieder, unterhält sich mit Sara, stellt sich als Bella vor und fragt, was Sara bisher so in ihrem Leben gemacht hat. Schließlich bietet Bella Sara einen Job in einer angesagten Werbeagentur an, für die sie als Headhunterin arbeitet.
Das ist fast zu schön, um wahr zu sein. Wo ist der Haken?

Es scheint keinen zu geben, außer dass die Arbeitstage sehr lange sind, aber in welcher Agentur sind sie das nicht.
Doch die seltsamen Kleinigkeiten in Saras Leben beginnen sich langsam aber sicher zu häufen. Zum Beispiel werden Fotos von ihr auf Instagram veröffentlicht, die Sara in Situationen zeigen, in welchen sie vollkommen unbeobachtet gewesen ist. Als sie die Bilder jemandem zeigen möchte, sind sie unauffindbar.
Was wird hier gespielt?

Viele denken jetzt sicherlich: Und so eine Aschenputtel-Stalking-Story soll mit Stieg Larssons “Verblendung” vergleichbar sein? Bin ich hier im richtigen Artikel?
Definitiv ja! Denn das oben Beschriebene ist nur der Einstieg in eine unglaublich spannende und raffinierte Geschichte, die ich nicht mehr weglegen konnte und es sehr bedauere, dass Band zwei erst 2020 erscheint.
Das ist mir seit Stieg Larsson nicht mehr passiert. Denn Louise Boije af Gennäs hat nicht nur eine fiktive Geschichte geschrieben, sondern sie mit wahren Begebenheiten angereichert.
Sara findet in den Unterlagen ihres Vaters, eine Sammlung von real existierenden Zeitungsartikeln, die sich mit Fällen beschäftigen, die sich in Schweden wirklich zugetragen haben.

Wie zum Beispiel dem Tod des Konteradmirals Carl-Fredrik Algernon, der 1987 vor Gericht darüber aussagen sollte, wie Waffen der Konzerne Bofors und Nobel Kemi jahrelang gesetzeswidrig in die Kriegsgebiete des Mittleren, Fernen und Nahen Ostens gelangen konnten. Kurz vor seiner Aussage fiel Algernon vor eine U-Bahn und starb.
Ob es sich hierbei um ein reines Unglück handelt, ob es Selbstmord war, oder ob da jemand nachgeholfen hat, ist bis heute ungeklärt.

» zum Artikel im Spiegel vom 9.2.1987

Des Weiteren befinden sich in der Sammlung von Saras Vater zum Beispiel auch Artikel über die Geijer-Affäre, bei welcher es darum ging, dass Politiker (unter anderem der Justizminister Lennart Geijer ) in den 70er Jahren ein Bordell besucht haben sollen, in welchem Minderjährige zur Prostitution gezwungen worden sind.

Warum hat Saras Vater, der für die Behörde für internationale Entwicklungszusammenarbeit (Sida) gearbeitet hat, all diese Artikel aufgehoben?
Hat er versucht Beweise für irgendetwas zu sammeln? War der Brand, bei dem er starb gar kein Unglück? Musste er vielleicht sterben, weil er über irgendwen irgendwas wusste? Und warum hat Sara das Gefühl, dass um sie herum seltsame Dinge geschehen, deren einzige Zeugin sie selbst ist?
Fragen über Fragen und ich giere wirklich darauf, mehr zu erfahren.

Natürlich kommt “Blutblume” nicht ohne die Erwähnung des noch immer nicht aufgeklärten Mordes an Ministerpräsident Olof Palme aus. Dieser Fall ist hochinteressant und ich habe im Nachhinein viel über verschiedene Theorien, was damals geschehen sein könnte (z.B. die Unterwanderung des schwedischen Geheimdiensts von Rechtsextremisten etc.) nachgelesen. Hochinteressant!
Der schwedische Autor Leif GW Persson hat den Palme-Fall übrigens in einem seiner Krimis verarbeitet. “Zweifel” heißt er und ich glaube, ich muss mein seit Jahren existierendes Vorhaben endlich etwas von Persson zu lesen unbedingt in die Tat umsetzten.

Am besten ich mache das jetzt gleich, zumal ich gerade sowieso in der Palme-Thematik stecke und vertreibe mir so die Zeit bis zum Erscheinen des zweiten Bandes (“Scheintod”) der sogenannten “Widerstandstrilogie” von Louise Boije af Gennäs im März 2020.
Ja, richtig gelesen: “Trilogie”. Das heißt, es kommt auch noch ein dritter Band. Von mir aus könnten es gerne auch fünf sein.
Ich bin hin und weg.
Super!

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ISBN: 978-3-95890-241-1
Verlag: Europa Verlag
Erscheinungsjahr: 2019
Übersetzung: Ulrike Brauns
Seiten: 504
Preis: 18,00 €


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5 thoughts on “Louise Boije af Gennäs: „Blutblume”
Tastenklecks

Hallo!
Ach, das Buch klingt wirklich sehr vielversprechend – danke für diesen Tipp! Sehe ich tatsächlich zum ersten Mal.
Lesereiche Grüße,
Sara Merzo
-Tastenklecks.de-

    Friederike

    Liebe Sara,

    immer gerne. Ich habe bisher leider auch noch keine anderen Besprechungen entdeckt, aber vielleicht kommt das ja noch!
    Ich hoffe es sehr, denn dieser Krimi verdient meiner Meinung nach wesentlich mehr Beachtung.

    Viele Grüße,
    Friederike

Katharina

Ich habe hier schon so viele tolle Tipps bekommen und tolle Bücher entdeckt.
Dieses hier gehört nicht dazu. Ich habe 200 Seiten gelesen und entnervt aufgegeben. Die Hauptfigur war mir extrem unsympathisch. Sehr selbstmitleidig! Und dann diese gestelzte Sprache – liegt das an der Übersetzung? Für mich las es sich wie ein Schulaufsatz, jedenfalls was die Wortwahl angeht.
Habe meine knappe Zeit dann lieber anderem Lesestoff gewidmet.

    Margrith

    Liebe Katharina
    Mir erging es beim Lesen ähnlich. Der Schreibstil ist sehr gewöhnungsbedürftig (der Begriff „Schulaufsatz“ umschreibt diesen treffend). Ich habe mich dann bis zum Ende des Buches durchgerungen, in der Hoffnung, es müsst doch noch was kommen … (irgendwie hat mir das ganze keine Ruhe gelassen, insbesondere auch wegen der Buchbesprechung) Belohnt wird man schlussendlich tatsächlich mit einer spannenden Geschichte, die aber irgendwie nie so richtig in die Tiefe geht und oberflächlich bleibt.

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