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Marie Hermanson: “Der unsichtbare Gast”

Martina ist 22 Jahre alt und hat weder eine Ausbildung, noch nützliche Kontakte. Also gibt es für sie nur drei Arten von Jobs: Putzfrau, Telefonverkäuferin und persönliche Assistentin.
Natürlich nicht in Festanstellung, sondern als Aushilfe. Das bedeutet: Weder Urlaub, noch einen festen Monatslohn noch Krankengeld und natürlich ständige Bereitschaft einzuspringen, wenn jemand ausgefallen ist.

Martina putzt in einem Hotel und der Job ist alles andere als rosig. Aber was will sie machen – sie hat keine Wahl.
Zu allem Überfluß benötigt Martinas Vermieterin die Wohnung so schnell wie möglich für sich. Jetzt hat sie nichteinmal mehr ein Dach über dem Kopf. Ein Besuch bei ihren Eltern ist auch nicht erfolgreich, denn Martinas Kinderzimmer ist dem Umbau zum Opfer gefallen und aufdrängen möchte sie sich nicht.

Ein unverhofftes Treffen mit einer Freundin aus Kinderzeiten gibt Martina schließlich Mut zur Hoffnung.
Tessan hat eine Anstellung in einem Gutshof, allerdings keine ganz normale: Bei der Arbeit trägt sie ausschließlich Kleidung aus den 40er Jahren und bedient eine ältere Dame, die in früheren Zeiten steckengeblieben zu sein scheint.
Das Leben auf dem Gutshof gleicht einem Theaterspiel, denn Florence, die Gutsherrin, lädt gerne ihre Freunde zum Dinner ein. Tessan deckt den Tisch festlich ein, Florence verteilt die Tischkärtchen mit Bedacht und sagt dann, sie wolle sich kurz noch einmal hinlegen. Woraufhin sie nicht mehr auftaucht und der Tisch abgedeckt werden kann, denn Florences Gäste leben allesamt nicht mehr.
Im Prinzip spielen sie „Dinner for One“, nur eben auch unter dem Jahr.

Als Florence schließlich Martina als eine Art Privatsekretärin einstellt, ist diese im siebten Himmel. Zwar bezahlt Florence nur ein Taschengeld, doch Kost und Logis sind frei und man hat viel freie Zeit.
Ein paradiesischer Zustand, der allerdings schon bald rissig wird, denn es tauchen immer mehr junge Menschen auf, die diesen Zustand zu schätzen wissen. Und nicht alle haben gute Absichten…

Bevor mir dieses Buch in die Hände gefallen ist, habe ich zwei Titel abgebrochen, auf die ich mich eigentlich sehr gefreut hatte, die aber irgendwie nicht das Richtige für den Moment gewesen sind. Ich brauchte etwas, bei dem man sich nicht irrsinnig konzentrieren muss.
Von Marie Hermanson habe ich vor ein paar Jahren einiges gelesen und somit war sie für mich eine sichere Bank. Sie schreibt Spannungsromane in denen sie den alltäglichen Horror in unserer eigenartigen Zeit thematisiert.
In diesem Fall ist es die Arbeitswelt der “Generation Praktikum”. Martina hat keine richtige Ausbildung, da sind die Arbeitsmöglichkeiten eingeschränkt. Andreas (eine Figur, die später im Buch auftaucht) hingegen hat sein Biologiestudium abgeschlossen, findet allerdings auch keinen Job und seine Bewerbungen auf andere Stellen (Bürojobs etc..) bekommt er auch nur Absagen mit dem Kommentar, dass er überqualifiziert sei.

Um diese Thematik herum entwickelt die als Journalistin tätige Marie Hermanson eine spannende und sehr ungewöhnliche Geschichte, bei der man eben nicht das Gefühl hat, einen ähnlichen Plot schon irgendwann einmal gelesen zu haben. Hermansons Ideen sind neu, frisch und alles was ich mir bisher von ihr zu Gemüte geführt habe, hat mir sehr gut gefallen.
Müßte ich einen Vergleich ziehen, dann würde ich sagen, von der Richtung her wie Charlotte Link, nur viel subtiler und besser geschrieben, gepaart mit einem Schuß Martin Suter, nur skandinavischer eben.

Ich jedenfalls hatte viel Vergnügen mit diesem Buch. Marie Hermanson hat es geschafft, dass ich wieder Lust auf Krimis bekommen habe und die hatte ich schon lange nicht mehr.

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ISBN:  978-3-458-36193-0
Verlag: Insel
Erscheinungsjahr: 2016
Übersetzung: Regine Elsässer
Preis: 9,99 €

Die Paperback-Ausgabe ist 2015 bei Insel erschienen.


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