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Oliver Hilmes: “Berlin 1936 – Sechzehn Tage im August”

Es gibt Bücher, bei welchen man gleich auf der ersten Seite merkt, dass man etwas ganz Besonderes entdeckt hat. “Berlin 1936” ist ein solches Buch.

Im Sommer 1936 finden sie statt: Die Olympischen Spiele in Berlin. Nichts wollen die Nationalsozialisten mehr, als der Welt zeigen, wie weltoffen und liberal sie sind, obwohl sich hinter den Kulissen genau das Gegenteil abspielt. Während im Olympiastation gejubelt wird, wird gleichzeitig das KZ Sachsenhausen errichtet.

Kaleidoskopartig läßt uns Oliver Hilmes diese Zeit voller Widersprüche miterleben und das ist schlichtweg großartig gemacht. Hier kann man als Leser so viel an Wissen über verschiedene Persönlichkeiten dieser Zeit mitnehmen.
Zum Beispiel erfahren wir gleich zu Beginn, dass der Komponist Richard Strauss von diesem ganzen “Sportunfug” so gar nichts hält, aber dennoch gerne für seine Komposition “Olympische Hymne” 10.000 Reichsmark einstreichen würde, was im olympischen Budget nicht vorgesehen ist.
Weshalb er dann doch auf ein Honorar verzichtet und auch an den Textänderungen die Goebbels vornimmt nichts auszusetzen hat, hat andere Gründe: Seine neue Oper soll uraufgeführt werden und das Libretto stammt von Stefan Zweig. Einem Juden. Durch den Verzicht auf ein Honorar erhofft Strauss sich, dass die Opern dennoch aufgeführt werden darf. Doch hofft er vielleicht umsonst?

Richard Strauss` Gattin Pauline jedenfalls präsentiert sich in der Öffentlichkeit etwas seltsam und stellt ihren Gatten gerne bloß.
Aber auch andere Ehemänner sind vom Verhalten der eigenen Ehefrau irritiert. So auch Joseph Goebbels, als er feststellen muss, dass seine Frau Magda eine Affäre hat. Ausgerechnet mit seinem Intimfeind, Kurt Georg Lüdecke, einer “windigen Figur aus den Anfangstagen der NSDAP”.
Peinlicher geht es kaum, wie wir aus Goebbels Tagebuchaufzeichungen erfahren. Aber noch schlimmer ist es für Goebbels, als er herausfindet, dass Magda (deren Familiengeschichte sehr kompliziert ist) einen jüdischen Vater hat.

Was wir auch erfahren ist, dass es in der ersten Augusthälfte 1936 auffällig viele Selbstmorde in Berlin gibt, was zeigt, wie verzweifelt die Menschen sind, während im Stadion gejubelt wird.
Auch der amerikanische Autor Thomas Wolfe jubelt, denn sein Landsmann Jesse Owens gewinnt eine Medaille nach der anderen. Wolfe ist in Deutschland, um sich mit seinem Verleger Ernst Rowohlt zu treffen und freut sich über die weltoffene Stimmung. Erst nach und nach erfährt er, was hier zu Propagandazwecken inszeniert wird und wie die wirklichen Machenschaften Hitlers und der NSDAP aussehen.

Dieses Buch ist voll von spannenden Momenten und interessanten Perspektiven und wir müssen uns immer vor Augen halten, dass es sich hier nicht um einen Roman, sondern um wahre Begebenheiten handelt – so absurd diese auch sein mögen. Oliver Hilmes, der über die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts promovierte und den die “Welt” als „das Wunderkind unter den deutschen Biografen“ bezeichnet hat, hat akribisch recherchiert und präsentiert seine Ergebnisse sowohl kenntnisreich als auch extrem unterhaltsam. Man will gar nicht mehr aufhören zu lesen und immer mehr Wissen in sich einsaugen. Das ist große Kunst.

Bisher war ich, rein lesetechnisch gesehen, weder im Fachbereich Geschichte, noch im Bereich der Biographien anzutreffen. Das hat sich nun geändert. “Berlin 1936” ist so mitreißend und dicht erzählt – ich habe mir unglaublich viele Stellen angestrichen, die ich mir merken wollte.
Schon nach den ersten Seiten habe ich geschaut, was Oliver Hilmes noch geschrieben hat und eine Kollegin erzählte mir, dass seine Biografie über Alma Mahler-Werfel “Witwe im Wahn” auch so großartig sei. Des Weiteren gibt es noch “Herrin des Hügels – Das Leben der Cosima Wagner”. Das ist bestimmt auch hochinteressant.

Durch Oliver Hilmes habe ich gemerkt, wie spannend Biografien sein können und “Berlin 1936” wird garantiert nicht das letzte Buch sein, das ich von ihm gelesen habe.

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ISBN: 978-3-8275-0059-5
Erscheinungsjahr: 2016
Verlag: Siedler
Preis: 19,99 €


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