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Zora del Buono: „Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt“

In der aktuellen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gibt es nur wenige Autoren, die sich an einen Amerika-Roman wagen. Die Schweizer Schriftstellerin Zora del Buono hat es getan und spielt gekonnt mit den Themen NSA und Edward Snowden und vergißt dabei nicht das Zwischenmenschliche, die zarte Liebe zwischen einem College-Studenten und seiner Dozentin.

Vita Ostan gibt einen Sommerkurs im Fach Journalismus an einem amerikanischen College an der Ostküste. Das Besondere hierbei ist, dass keiner der Studenten, und auch nicht die Professoren, ihre Muttersprache Englisch sprechen dürfen. Der Sommer steht ganz im Zeichen der Fremdsprachen (Chinesisch, Spanisch, Deutsch…), die es zu erlernen und zu verbessern gilt.
Wie in jedem Jahr wird Vita mit ihren Studenten eine Zeitung erstellen, in deutscher Sprache natürlich.

Wir schreiben das Jahr 2013, das Jahr des Whistleblowers Edward Snowden.
Viele in Vitas Kurs sind der Meinung, dass er ein Verräter sei, nur einer tritt für ihn ein. Zev, ein sehr intelligenter junger Mann, der beschließt einen Artikel für die Studentenzeitung über die NSA zu schreiben.

Vita ermutigt ihn und stellt einen Kontakt zum Vater eines NSA-Mitarbeiters her, dessen anfängliche Begeisterung für ein Interview sehr schnell wieder abflaut. Man habe ihm abgeraten, außerdem werde sein Handy wahrscheinlich abgehört und er wolle nicht in Schwierigkeiten kommen. Das behauptet Zev zumindest. Kann man ihm glauben? Und wem kann man überhaupt trauen in dieser amerikanischen Collegewelt, die streng reglementiert ist.

Unglaublich viel ist verboten. Wenn zum Beispiel ein Dozent mit einem Studenten ein Einzelgespräch führt, so ist dies bei offenen Türen abzuhalten, denn die Universität hat Angst, vor eventuellen Klagen bezüglich sexueller Übergriffe.
Auch davor, dass die Studenten (bzw. deren Eltern) sich ungerecht benotet fühlen könnten hat man Angst am College, weshalb am Ende des Sommers Notenempfehlungen an die Dozenten seitens der College-Leitung gegeben werden, die natürlich zu berücksichtigen sind.

Es ist ein paranoides Amerika, das uns Zora del Buono da näher bringt. Die ständige Angst vor Überwachung schwingt mit und macht auch vor dem privaten Bereich nicht halt. Dem Bereich, in dem Vita sich eingestehen muß, dass sie sich in den unangepassten Zev verliebt hat. Er ist so anders, als die anderen, hinterfragt die Dinge, nimmt nicht alles als gegeben hin. Sie sieht sich selbst als junge Studentin in Zev und spürt, dass auch er ihr nicht abgeneigt ist. Oder täuscht sie sich da vielleicht?

Zora del Buono gelingt es die einerseits doch lockere Sommeratmosphäre am College einzufangen (wobei ich mir vorstellen könnte, dass ihre eigenen Erfahrungen als Gastdozentin in den USA, Deutschland und der Schweiz hier miteingeflossen sind) und dennoch aufzuzeigen, wie unfrei die Protagonisten in ihrem Handeln sind.
Privat, als auch beruflich, zumal der Direktor der Universität seine Dozenten doch stark spüren läßt, nach wessen Pfeife hier getanzt wird und schließlich sogar zur Zensur greift.

Privat lernen wir hier eine Frau in den mittleren Jahren kennen, die sich vollkommen jung fühlt und den Fehler begeht, sich von den Studenten duzen zu lassen, wodurch die professionellen Grenzen zu verschwimmen beginnen. Auch setzt sie sich über Regeln hinweg, um mit Zev alleine zu sein, was den Studenten und Kollegen nicht verborgen bleibt.
Vita ist eine starke Frau mit Sinn für Gerechtigkeit und einem Faible für eigensinnige Persönlichkeiten.
Wird ihr dies zum Verhängnis werden?

Abgesehen davon, dass ich mir wünschen würde, dass dieses Buch umfangreicher wäre, hatte hatte ich schöne und spannende Lesestunden mit “Hinter Büschen, an eine Hauswand gelehnt”. Ich bin vollkommen eingetaucht, in eine Welt, in der man ständig aufpassen zu müssen scheint, was man sagt, wem man sich anvertraut und in der man sehr leicht paranoid werden kann. Zu Recht? Zu Unrecht? Wir werden sehen…

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Zora del Buono liest am am Donnerstag, den 27. Oktober 2015 um 20 Uhr im Rahmen des Literaturfestivals “Zürich liest” in einem privaten Wohnzimmer in Zürich.

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ISBN: 978-3-406-69690-9
Verlag: C.H. Beck
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: 18,95 €


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