Judith Merchant: “Schweig!”

Judith Merchant: “Schweig!”

“Schweig!” war so spannend, dass ich während des Wartens im Zahnarztstuhl vollkommen vergessen habe, weswegen ich eigentlich dort war.
Das schafft wahrlich nicht jedes Buch!

Esthers To-Do Liste ist prall gefüllt. Der Wäschekorb quillt über, der Christbaum muss bis 14.00 abgeholt werden und zur Post muss sie auch noch. Das Geschenk für Jonas ist dort angekommen. In letzter Minute – zum Glück!
Auf der Post und auf den Straßen wird die Hölle los sein. Was am 23. Dezember auch ganz normal ist.

Des Weiteren muss sie noch zu ihrer Schwester fahren, um ihr das Weihnachtsgeschenk zu bringen. Sie hofft, dass sie vor 14 Uhr zurück sein wird, aber Esther weiß auch,

dass Besuche bei ihrer Schwester Sue länger dauern können.
Das ist zwar seltsam (zumal sowohl Esther, als auch Sue es kaum erwarten können, einander wieder los zu sein), aber unter Geschwistern ist das eben so.
Außerdem liegt es auch daran, dass Sue seit ihrer Scheidung alleine in einem großen Haus mitten im Wald lebt. Dorthin zu fahren dauert eben seine Zeit.

Aber Esther ist ihre Schwester sehr wichtig. Sie macht sich Sorgen um sie, denn Sue wird immer dünner. Dass dies passieren kann, wenn man um die eigene, kinderlose Ehe trauert, ist Esther schon bewusst. Aber trotzdem. Gesund ist das nicht.
Außerdem sollte an Weihnachten niemand alleine sein. Auch wenn er (wie Sue) so unzugänglich wie ein Kaktus ist.
Deshalb steckt Esther das Geschenk ein, (das ihre kleine Tochter Ella etwas schief, aber mit ganz viel Liebe, für ihre Tante eingepackt hat) und steigt ins Auto.

Zu diesem Zeitpunkt weiß Esther noch nicht, dass dieses Geschenk nie ausgepackt werden wird…

Im Sommer lese ich eigentlich keine Bücher, die in der Weihnachtszeit spielen. Das fühlt sich irgendwie seltsam an. Klar, in der Buchhandlung bestellen wir auch die neu erscheinenden Weihnachtsbücher im Hochsommer, aber das ist etwas, das sich nicht ändern lässt.
Was ich jedoch lese, kann ich mir ja selbst aussuchen, von daher beginne ich mit der Lektüre von weihnachtlich anmutenden Titeln zumeist erst gegen Ende Oktober.
Im Falle von Judith Merchants “Schweig!” war ich jedoch gezwungen, eine Ausnahme machen. Denn nach ein paar gelesenen Seiten bin ich einfach nicht mehr von dieser Lektüre losgekommen.

Das lag zum einen natürlich am Cliffhanger am Ende des ersten ( und zweiten und dritten….) Kapitels, aber auch an der Tatsache, dass Judith Merchant die beteiligten Personen abwechselnd zu Wort kommen lässt.
In jedem Kapitel schildern uns entweder Esther, Sue und Esthers Mann Martin die Ereignisse und ihre jeweilige Sicht der Dinge, was die Handlung sehr dynamisch, spannend und rasant macht.(Wer diese Art des Spannungsaufbaus mag, der kann einmal in die Bücher der österreichischen Autorin Judith Taschler hineinschauen. Zum Beispiel in “Das Geburtstagsfest” – das fand ich richtig gut.)

Dass die beiden Schwestern sehr verschieden sind, ist auf den ersten Blick klar. Esther ist ein Familienmensch, der zwar viel Stress mit der Organisation des Alltags mit zwei Kindern und einem Ehemann hat, aber im Grunde darin aufgeht.
Sie liebt die Weihnachtszeit, das Dekorieren und das heimelige Zusammensein mit der Familie am Abend mit einem guten Gläschen Wein.

Ganz anders ist Sue. Sie hat dem Trubel der Stadt abgeschworen und schätzt die Einsamkeit, in der ihr Haus liegt. Den Blick aus ihrem Panoramafenster, der aus Wald, Wald und nochmal Wald besteht. Eingeschneit wie jetzt, ist es wirklich zauberhaft.
Seit sie ihre Arbeit in einer Werbeagentur an den Nagel gehängt hat, fühlt sie sich viel besser.
Sie weiß die kleinen Dinge des Lebens zu schätzen. Die Ruhe. Keine Anrufe, keine Benachrichtigungen. Sue besitzt kein Mobiltelefon mehr. Der Festnetzanschluss funktioniert momentan auch nicht, aber damit kann sie auch leben.

Dass beim Zusammentreffen der Schwestern zwei Lebenswelten aufeinanderprallen ist klar.
Besonders zu einer so emotional aufgeladenen Zeit, wie Weihnachten.
Daher wusste ich, dass die Angelegenheit spannend werden wird.

Doch dass mit diesem Krimi ein Manipulationstableau der Extraklasse vor mir liegt, damit hätte ich nicht gerechnet.
Und auch nicht damit, dass Sue ihrer Schwester die Tür mit einem Messer in der Hand öffnet…

Richtig, richtig gut.
Daumen hoch!

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ISBN: 978-3-462-00133-4
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2021
Seiten: 352
Preis: 15,00 €


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