Judith W. Taschler: “Das Geburtstagsfest”

Judith W. Taschler: “Das Geburtstagsfest”

Dieses Buch konnte ich nicht mehr zur Seite legen, denn es ist (wie alle Taschler-Romane, die ich bisher gelesen habe) sehr spannend, raffiniert komponiert und außerdem hat es mir die Geschichte Kambodschas nähergebracht.

Jonas Vater Kim wird fünfzig Jahre alt und dem Anlass entsprechend, plant Jonas ihn zu überraschen. Von seiner Mutter und Großmutter weiß er, dass sein aus Kambodscha stammender Vater einem Mädchen namens Tevi das Leben rettete, indem er es tagelang durch den Dschungel trug.
Kim selbst spricht allerdings nicht darüber und auch nicht über seine Kindheit in Kambodscha, was Jonas und seine beiden Geschwister sehr schade finden.

Daher hat Jonas nun eben jene Tevi, die inzwischen in den USA lebt, ausfindig gemacht und sie als Überraschungsgast zum Geburtstagsfest eingeladen.
Tevi zögert zunächst zuzusagen, doch Jonas versichert ihr, dass sein Vater, seine Mutter und seine Großmutter sich sehr freuen werden.
Wenn er sich da mal nicht täuscht…

Das erste Buch, das ich von Judith W. Taschler gelesen habe, war “Sommer wie Winter”. In diesem Roman geht es um eine Familie, die ins Krankenhaus eingeliefert wird.
Alle fünf erzählen nun in therapeutischen Einzelsitzungen, was geschehen ist. In diesen Sitzungen wird klar, dass es in der scheinbar idyllischen Familie, die aus der Mutter, den drei Töchter und dem Pflegesohn besteht, schon lange brodelt.

In diesem Roman, der 2011 erschienen ist, lässt Judith W. Taschler in jedem Kapitel eine andere Person zu Wort kommen, eine Technik, mittels derer sie die Spannung hoch hält.
In “Sommer wie Winter” sind es die Aufzeichnungen des jeweiligen Therapiegesprächs, in “Die Deutschlehrerin” (die mir ebenfalls sehr gut gefallen hat) Mails, in denen die beiden Hauptpersonen Erinnerungen austauschen.
Auch in “Das Geburtstagsfest” bleibt die Autorin dieser Technik treu und hat mich damit ans Buch gefesselt. Abwechselnd erzählt sie von der Familie Mey, die in den 70er Jahren Kambodscha lebt, den 80er Jahren in Österreich und der Gegenwart, Kims 50. Geburtstag.

Das ist das Eine, weshalb ich dieses Buch so gut finde. Das Andere ist die Thematik, denn hier geht es nicht “nur” um eine Familiengeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, sondern um die Roten Khmer und den Genozid in Kambodscha (1975-79), der zwei Millionen Menschen das Leben kostete.

Kim konnte gemeinsam mit Tevi den Roten Khmer entkommen und nach Österreich fliehen. Beide sind traumatisiert und werden von Monika und Ines (Jonas Mutter und Großmutter) aufgenommen.
Wir erfahren, wie schwierig es am Anfang gewesen ist, Kim und Tevi immer nur zu allem genickt haben und kein Wort herausbrachten.
Wie sie sich weiterentwickelten und wie Tevi sich zu Ines bester Freundin mauserte.

Wenn die Freundschaft zwischen den beiden doch so eng gewesen ist, weshalb ist dann der Kontakt mit Tevi abgebrochen und weshalb redet niemand mehr über sie?
Oder ist es Tevi, die nichts mehr von Ines wissen will? Ist sie sauer, weil Ines und Kim schließlich geheiratet haben, oder war die Beziehung davor schon problematisch?
Die Lage ist jedoch verzwickter, vielschichtiger und überraschender, als wir es vermuten würden.

Bücher, die es schaffen, mich gleichzeitig zu unterhalten und mir eine Thematik näherzubringen, mit der ich mich bisher noch nicht befasst hatte, schätze ich sehr.
Wie diesen Roman, der den harmlosen Titel “Das Geburtstagsfest”trägt, hinter dem sich jedoch so viel mehr verbirgt.
Denn Judith Taschler erspart dem Leser nichts und man hat nach dieser Lektüre eine Ahnung vom Ausmaß der Gewalt und von der Willkür der Schreckensherrschaft der Roten Khmer. Und davon, dass man manchmal im Leben keine Wahl hat.

Daumen hoch!

» zur Leseprobe


ISBN: : 978-3-426-28188-8
Verlag: Droemer
Erscheinungsjahr: 2019
Seiten: 352
Preis: 22,00 €


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archive