Leila Slimani: “Dann schlaf auch Du”

Leila Slimani: “Dann schlaf auch Du”

Da Frankreich 2017 Gastland der Frankfurter Buchmesse ist, erscheinen dieser Tage viele Romane französischer Schriftsteller in deutscher Sprache.
Darunter ist auch dieses Werk, für das Leila Slimani mit dem wichtigsten Literaturpreis Frankreichs ausgezeichnet worden ist: Dem Prix Goncourt.

Myriam und Paul leben in Paris und haben eine kleine Tochter. Paul arbeitet in der Musikbranche und ist sich sehr sicher, dass er es als Musikproduzent bald zu etwas bringen wird. Myriam hingegen war noch im Studium, als sie mit Mila schwanger wurde.
Kurz nach Milas Geburt machte sie ihren Abschluss und ist seither zu Hause. Sie sind sehr glücklich und merken nicht, dass ihre Freunde still und heimlich den Kopf schütteln, wenn Paul und Myriam ihr Baby mit in die Kneipe bringen. Davon einen Babysitter zu engagieren hält Myriam nichts.

Als Mila anderthalb Jahre alt ist, wird Myriam erneut schwanger. Sie erzählt allen, dass dies nicht geplant gewesen sei, doch dass sie und Paul sich sehr darüber freuen.
In Wahrheit ist es allerdings so, dass ihr Sohn Adam Myriam als Ausrede dient, damit sie noch etwas zu Hause bleiben kann. Die Mutterschaft schützt sie vor der Welt dort draußen und sie liebt ihr Kind über alles.
Jedoch hat Myriam nicht damit gerechnet, dass das Leben mit zwei Kindern so schwierig sein könnte. Arztbesuche, der Einkauf, oder das schlichte Baden eines Kindes – das alles ist sehr anstrengend und Myriams Nerven beginnen sich anzuspannen.
Die Tage werden lang und ihr geht Milas ständiges Geplapper auf die Nerven. Sie beginnt ihren Mann zu beneiden, der arbeiten gehen darf und ganz anderen geistigen Input bekommt, während sie immer nur für die Kinder da ist.
Da sie auch das Gefühl hat, nichts anderes erzählen zu können als Geschichten von den Kindern, hört sie auch auf, andere Leute einzuladen und kapselt sich ab. Die Antwort auf die Frage: “Und was machen Sie beruflich?” beschämt sie.

Als sie einen ehemaligen Studienkollegen trifft, wird ihr klar, dass es so nicht weitergehen kann. Sie möchte wieder arbeiten. Pauls Reaktion besteht darin, zu sagen: Ja, klar, aber was machen wir mit den Kindern? Für einen Krippenplatz sei es zu spät.
Aber wenn es ihr so wichtig sei, könne man ja eine Kinderfrau engagieren – und fügt im Nachsatz hinzu, dass diese zwar so viel verdienen würde, wie seine Frau, aber wenn es so wichtig sei…
Man merkt, dass Paul nicht begeistert ist. Es lief doch alles so gut.

Auf ihre Anzeige hin kommen ein paar Bewerberinnen für die Stelle, doch keine von ihnen kommt infrage. Paul ist sichtlich genervt von diesen Bewerbungsgesprächen. Das alles ist ihm lästig.
Ja und dann kommt Louise.

Schon bevor “Dann schlaf auch du” den Prix Goncourt bekam, war dieser Roman ein Bestseller, denn er greift wichtige gesellschaftliche Themen auf: Die Vereinbarung von Familie und Beruf und die Klassenunterschiede in der Gesellschaft.
Besonders in den kleinen Szenen wird Letzteres deutlich: Als es zum Beispiel darum geht, wen man zum Bewerbungsgespräch für die Kinderbetreuung einlädt, bringt Paul klar zum Ausdruck, dass für ihn keine Nanny ohne Papiere infrage kommt. Soweit so gut. Doch fügt er im Nachsatz hinzu, dass dies bei Malern, oder einer Putzfrau ja vollkommen in Ordnung sei – die Leute müssen ja irgendwie arbeiten…

Eine Freundin hat Myriam den Rat gegeben, darauf zu achten, dass die zukünftige Nanny besser keine eigenen Kinder hier in Frankreich hat. Die Ihrige habe Kinder vor Ort und das sei so unpraktisch. Sie könne nie länger bleiben, oder oder abends babysitten.
Myriam findet dieses Einstellungskriterium diskriminierend, doch kommentiert sie Emmas Aussagen nicht, da sie weiß, dass Paul genauso denkt.

Sich eine Nanny ins Haus zu holen ist natürlich ein zweischneidiges Schwert, das merkt Myriam bald.
Einerseits ist sie sehr erleichtert, dass sie entlastet ist und Louise (die wirklich perfekt zu sein scheint) sich so verständnisvoll um die Kinder kümmert, andererseits ist da eben jetzt eine Fremde im Haus. Aber sie sieht zunächst die Vorteile und ist begeistert, dass Louise alles so perfekt aufräumt und auch für die Familie zu kochen beginnt – und schließlich gewöhnt sie sich daran ein Dienstmädchen zu haben.

Jedoch wird es schwierig, als Myriam feststellt, dass sie und Louise verschiedener Auffassung sind, zum Beispiel wenn es darum geht, ob ein Essensrest weggeworfen oder noch verspeist werden kann.
Hier wird klar, dass die beiden Frauen einen ganz anderen Lebensstandard haben und dass sie eben keine Freundinnen sind, sondern Chefin und Angestellte.
Doch wie soll man eine geschäftsmäßige Beziehung zueinander aufbauen, wenn das Arbeitsfeld so privat ist? Geht das überhaupt?

Die Familie beginnt von einer Frau abhängig zu werden, die sie kaum kennt und für deren Hintergrund sie sich nicht interessieren. Sie vertrauen Louise ihre Kinder an, wissen aber eigentlich nichts von ihr.
Natürlich merken sie, dass Louise Sorgen hat, zum Beispiel als ein Brief vom Finanzamt eintrifft, in welchem sie davon unterrichtet werden, dass Louise ihre Steuern nicht bezahlt hat. Hier könnten die beiden aufhorchen und Lebensumstände des Kindermädchens hinterfragen, doch sie maßregeln Louise regelrecht und fordern sie auf, die Sache zu erledigen.
Zu diesem Zeitpunkt die beiden bereits genervt von Louise und machen sich über sie lustig, wenn diese nicht zugegen ist.
Bemerkenswert ist auch, wie Myriam und Paul zunächst versuchen, Louise nicht merken zu lassen, dass sie finanzielle besser gestellt sind und zum Beispiel neu gekaufte Dinge vor ihr verstecken. Gleichzeitig schenkt Myriam Louise aber ihre abgelegten Kleider, wobei diese ja gar keine Chance hat das Geschenk abzulehnen. Das wäre ja undankbar.

Wäre es nicht an der Zeit dieses angespannte, verfahrene Arbeitsverhältnis zu beenden?
Dass Problem ist, dass Myriam einen Ersatz finden müsste und sind wir mal ehrlich, sie hat allen so begeistert von Louise erzählt, ihrer Perle, da wäre es ja schon seltsam, wenn sie zugeben müsste, dass ihr die Nanny etwas unheimlich geworden ist – und sie manchmal den Raum verlässt, wenn Louise diesen betritt. Denn Louises Verhalten wird immer seltsamer.
Was auffällt, ist die Tatsache, dass es Myriam und Paul nicht primär um das Wohl der Kinder zu gehen scheint, sondern darum ein bequemes Leben zu haben.
Das hat jedoch, wie wir bereits zu Beginn des Romans erfahren, einen hohen Preis.

Wer hier allerdings einen wirklichen Krimi erwartet, wie es der Klappentext nahelegt, der wird enttäuscht sein. Denn das ist “Dann schlaf auch Du” nicht.
Es handelt sich her eher um eine Milieustudie, in der Leila Slimani aufzeigt, in welcher Zwickmühle viele Frauen in der heutigen Zeit stecken. Einerseits sollen sie perfekte Mütter sein, aber andererseits werden sie schräg angesehen, wenn sie sagen, dass sie ihren Beruf nicht ausüben, sondern sich um die Kinder kümmern.
Des Weiteren zeigt sie uns eine Gesellschaft, die aus zwei Klassen besteht und in der es wieder salonfähig geworden ist, Dienstboten zu haben. Wobei es aber gleichzeitig wichtig zu sein scheint, so zu tun, als gäbe es diese Klassenunterschiede nicht.
Was nicht funktioniert.

Dass  Louise vom Leser jedoch nicht, oder nur ein wenig, bemitleidet wird, ist Slimani hoch anzurechnen. Sie hat keinen Roman geschrieben, in dem die Fronten klar und die Charaktere schwarz bzw. weiß sind. Man kann beide Seiten verstehen, jedoch keine klaren Sympathiepunkte vergeben. Denn beide Parteien sind schwierig.

Der Spiegel berichtet, dass Leila Slimani von einem wahren Fall inspiriert worden ist, der sich in New York abgespielt hat und bei welchem eine Nanny die Kinder ihrer Arbeitgeber umgebracht haben soll.
Ich finde, dass diese Morde in Slimanis Roman gar nicht nötig gewesen wären.
Mir persönlich hätte ein Sezieren des Milieus vollkommen gereicht – eine feine Kunst, die die Autorin beherrscht.
Den etwas, wie ich finde, reißerische Auftakt, der sich zwar sprachlich von vielen Krimis abhebt, jedoch vom Aufbau her in die gleiche Kerbe schlägt, hätte dieses Buch nicht gebraucht.

Allerdings kann es gut sein, dass dieser Roman dann nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen hätte. Eine mordende Nanny bringt mehr Leser, als eine, die einfach entlassen wird.
Aufgrund dieses Aufhängers bin auch ich auf “Dann schlaf auch du” aufmerksam geworden.

Wenn ein Buch mit einem solchen Plot den Prix Goncourt bekommt, muss es schon besonders sein – und das ist es.

Eine Lösung für die angesprochenen gesellschaftlichen Probleme bietet Leila Slimani hingegen nicht. Aber das ist auch nicht Aufgabe der Literatur.

» zur Leseprobe


ISBN:  978-3-630-87554-5
Verlag: Luchterhand
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Amelie Thoma
Seiten: 224
Preis: 20,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

7 thoughts on “Leila Slimani: “Dann schlaf auch Du”
Marina

Mich hat das Buch irgendwie enttäuscht. Die Leseprobe fand ich noch gut, aber dann habe ich mich doch gewundert, warum es den Prix Goncourt erhalten hat. Meine Besprechung kommt auch in Kürze …
Liebe Grüße!

Anna

Was für ein großartiges Thema! Das spricht mich sehr an, da ich viele Mütter in meinem Umfeld habe und den Alltag mit Kind selbst kenne. Das zusätzlich eine Milieustudie aufgegriffen wird ist sehr spannend – das muss ich mir merken 🙂

Liebe Grüße,
Anna

Marie

Fand das Buch sehr sehr gut und ergreifend, sprachlich dicht und in der kürze für mich sehr überzeugend

Natalia

Ich fand es sehr gut!
Du musst unbedingt #minimalismus von Andreas Bielmeier lesen.
Das ist soooo ein tolles Buch und soo inspirierend:)

Pingback: Der Literatur-Spiegel im September 2017 - Meine Highlights
Mariette

Ich habe mir Leila Salmani in einem frz. TV Büchermagazin-Video angesehen. Danke für diese Rezension zu einer frz.sprachigen Autorin. Könntest du bitte weitere Autoren aus Frankreich auflisten, deren Romane auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden?

    Friederike

    Ich habe es vor und hoffe, dass ich es zeitlich schaffen werde.

    Viele Grüße,
    Friederike

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: