Tolle Tage in der Schweiz – Das Buchfestival „Zürich liest ´16“

Tolle Tage in der Schweiz – Das Buchfestival „Zürich liest ´16“

Seit Sonntagnacht bin ich nun wieder zurück aus Zürich und es ist sehr seltsam wieder hier zu sein, so ganz ohne Veranstaltungen, gemeinsamen Bloggerfrühstück mit dem Kaffeehaussitzer, Buzzaldrins Bücher, pinkfisch und Kapri-ziös und ohne den täglichen Gebrauch von Google Maps :).

Die vier Tage in Zürich waren schlichtweg der Wahnsinn – ich bin so vielen spannenden, lieben Menschen begegnet, habe interessante Gespräche geführt und bin sehr dankbar dafür.

Außerdem weiß ich jetzt, dass ich bei auswärtigen Übernachtungen besser auf drei (!!!) Wecker zurückgreife, da auch das persönliche Klopfen an der Zimmertür nicht den erhofften Effekt hatte.
Den schönsten Kommentar zu meiner Wecker-Resistenz erhielt ich übrigens von einem charmanten Mitarbeiter des Hotel Rothaus, welcher meinte:
“Vielleicht schlafen Sie einfach gerne.”
Das fand ich so schön – das hat mich wirklich gerührt. .

Wie übrigens so vieles. Einen absoluten Gänsehautmoment hatte ich zum Beispiel, als Lea vom Unionsverlag mir von ihrem aktuellen Lieblingstitel “Ein wenig Glück” (Claudia Piñeiro) erzählte und als Claudia Vamvas (Die Akkordeonistin) aus ihrem Buch “Sitze im Bus” vorlas habe ich so lachen müssen, wie schon lange nicht mehr.

Aber alles schön der Reihe nach:

Besser hätte mein Auftakt nicht sein können: Bei meinem Besuch des Salis-Verlags habe ich zwei so herzliche Verlagsmenschen getroffen und mit ihnen interessante Gespräche über den Buchhandel und die Verlagswelt geführt. Ich wäre gerne noch länger geblieben. Eine Vorstellung des Verlags folgt.

Tim Parks und Peter Stamm – Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen

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Dann ging es zur Lesung von Tim Parks ins Literaturhaus Zürich. Dort traf ich zum ersten Mal auf Mara von Buzzaldrins Bücher, Janine von Kapriziös und Uwe, den Kaffeehaussitzer, die ich ja alle bisher nur vom PC aus kannte. Aber es war so, als würden wir uns schon ewig kennen.

Tim Parks las aus seinem Buch “Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen” und sprach mit dem (übrigens wunderbar ironischen) Schweizer Schriftsteller Peter Stamm darüber, dass es bei vielen Büchern besser wäre, wenn man die Lektüre vorzeitig beenden würde. Seine Aussage, dass dies besonders bei Charles Dickens der Fall sei, sorgte für allgemeine Erheiterung. Sowieso war Tim Parks äußerst amüsant, ich liebe seinen trockenen Humor.

Des Weiteren unterhielten sich die beiden Protagonisten des Abends über verschiedene Literaturpreise, wobei natürlich auch der Nobelpreis erwähnt wurde und dass es in diesem Jahr wohl das erste Mal sei, dass kaum jemand die niedergeschriebenen Texte des Preisträgers auf Papier gesehen hätte.

Auch stellte Parks sich die Frage, wie das Nobelpreis-Komittee eigentlich das Werk der Autoren beurteilen könne, zumal sie ja in vielen Fällen der Sprache des Autors nicht mächtig seien, oder es keine Übersetzungen ins Schwedische gäbe.
Am besten könne man das Werk eines Autors beurteilen, wenn man aus dem gleichen Kulturkreis komme, bzw. aus dem gleichen Land, wenn man die Befindlichkeiten des Autors und seiner Umgebung nachempfinden könne und wenn man die gleiche Sprache spreche.

Daher empfindet Parks es übrigens auch als Fehler, dass der Booker-Prize für amerikanische Autoren geöffnet worden ist. Die Briten könnten das Werk eines Amerikaners doch gar nicht beurteilen.
Die Amerikaner selbst seien übrigens clever genug, ihre Literaturpreise nicht für Autoren aus anderen Ländern zu öffnen, sondern unter sich zu bleiben.

Ein spannender Abend und wer mehr über Tim Parks Ansichten über den Literaturbetrieb wissen möchte, der lese einfach “Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen”.
Sophie von Literaturen hat dies bereits getan.
Hier geht es zu ihrer Besprechung.

Food Tasting at The Bookshop – Zu Gast bei Orell Füssli

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Der Freitag startete mit der Abholung von pinkfisch am Bahnhof und einem Besuch bei Kein & Aber. Danach folgte sogleich ein kulinarisch-süßes Highlight beim “Foodtasting at The Bookshop” in der Buchhandlung Orell Füssli.
Zwischen vielen englischsprachigen Backbüchern waren Leckereien aufgebaut und es gab das beste Milionaires Shortbread, welches ich je gegessen habe. Man hätte eine Audio-Datei mit meinen “Mhhhhhs” aufnehmen sollen. Einfach gigantisch. Der Kaffehaussitzer war übrigens auch begeistert.

Mit den Gebirgspoeten auf einer Schifffahrt

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Danach durften pinkfisch und ich mit den Gebirgspoeten auf Schifffahrt gehen.
Als ich mir im Netz eine Hörprobe des Trios angehört hatte, hatte ich ja zunächst Bedenken, dass ich ihr aktuelles Bühnenprogramm “Radio Alpin” auch wirklich verstehen würde, zumal die drei ausschließlich Schwiizerdütsch sprechen.
Doch da ich ja auch des alemannischen Dialekts mächtig bin, war es für mich kein Problem und so konnte ich unter anderem dem “Bericht eines Lawinenverschütteten” folgen und habe mich wunderbar amüsiert.
Die Kulisse des Zürichsees war zudem schlichtweg einzigartig.

Die Gebirgspoeten sind übrigens nicht nur auf CD erhältlich, sondern haben bereits einige Romane bzw. Gedichtbände verfasst.
Hier eine kleine Auswahl: Matto Kämpf: “Heute Ruhetag”, Rolf Hermann: “Kartographie des Schnees – Gedichte”, Achim Parterre “Im Chäsloch”.

Meine Abschlussveranstaltung des Freitags war sehr besonders und hieß “Im Bett mit Thomas Meyer”.
Der Titel ist wörtlich zu nehmen, denn der Schweizer Autor las wirklich im Schlafanzug in einem Hotelzimmer im Hotel Rothaus. Das war doch mal ganz etwas anderes und höchst originell, wie der Autor selbst. Ich war hin und weg und werde später ausführlicher berichten.

Buchtaufe: Der Eskimo stirbt sowieso

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Am Samstag wurde erstmal opulent gefrühstückt im Cafe Odeon, in welchem viele Schriftsteller und Künstler ein und ausgingen und dem Café den Ruf eines Intellektuellentreffpunktes einbrachten.
Unter ihnen waren: Stefan Zweig, Franz Werfel, William Somerset Maugham, Erich Maria Remarque, Kurt Tucholsky, Ernst Rowohlt, Klaus Mann und Alfred Kerr. James Joyce lebte zusammengenommen ca. fünf Jahre in Zürich und verbrachte ungemein viele Stunden davon im Café Odeon.

Nun durften pinkfisch und ich an diesem geschichtsträchtigen Ort gemeinsam mit zwei reizenden Schweizer Damen frühstücken und unser erstes Bircher Müesli kosten. Sehr lecker. Die Brioches waren übrigens auch ein Traum.

Der eigentliche Anlass unseres Cafe-Besuchs war allerdings ein anderer und zwar eine Buchtaufe.
Der Journalist und Restaurantkritiker Urs Bühler las aus seinem neuen Kolumnensammlung “Der Eskimo stirbt sowieso”, welche von André Sandmann illustriert worden ist und der die Lesung zeichnend begleitete.

Angst vor der weißen Seite hat Urs Bühler übrigens keine und somit auch kein Schreibritual. Er schreibt einfach drauf los, am Schluß könne man immer noch Sachen löschen.
(Nur so nebenbei: Der Tennisprofi Roger Federer fokussiert sich vor dem Aufschlag, also seiner “weißen Seite”, auf die Grashalme.)
Was das Sportliche anbelangt, so hat Urs Bühler schon viel ausprobiert. Als er feststellte, dass das Joggen nichts für ihn war, versuchte er es mit einem Hometrainer. Das war allerdings auch nichts.
Jedenfalls bis zu dem Moment, als er feststellte, dass die Zeit auf dem Hometrainer viel schneller verging, wenn er dabei schrieb. Seither trainiert er und schreibt gleichzeitig. Perfekt.

In seinen Kolumnen schreibt Urs Bühler vom allgegenwärtigen Blödsinn und von der Schönheit des Alltags.
So zum Beispiel darüber, wie es ist, 250 Freundschaftsanfragen auf Facebook von Damen zu haben, die er überhaupt nicht kennt und die ihn wohl mit einem anderen Herrn namens Bühler verwechselt haben oder aber zum Beispiel über das Aussterben des Bindestrichs und die Tauben auf seinem Dachbalkon.

Diese Buchtaufe war ein wunderbarer Start in den Tag und ich freue mich sehr darauf, weitere Kolumnen von Urs Bühler zu lesen.

»  zur Lesprobe von “Der Eskimo stirbt sowieso”

Danach folgte der “Nachmittag der offenen Verlage” bei Nagel & Kimche, Unionsverlag und Dörlemann. Ich werde gesondert darüber berichten.
Es war jedenfalls ein großartiger Nachmittag mit spannenden Gesprächen über Bücher, wobei ich es leider nicht zu Dörlemann geschafft habe. Ich habe mich vollkommen verplaudert (unter anderem mit Tabea von buchbunt) und mich in der Zeit vertan. Aber das ist bestimmt nicht das letzte Mal, dass ich in Zürich gewesen bin, vielleicht ergibt sich ja noch eine Gelegenheit – wer weiß?

Gleich im Anschluss ging es zu Teresa Präauers Lesung “Oh Schimmi” ins Literaturhaus Zürich, das schöner nicht gelegen sein könnte: Direkt am Wasser, was natürlich gleich im Bild festgehalten werden mußte:

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Salonpalaver im Strauhof

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Den Tagesabschluss bildete eines meiner Highlights, das “Salonpalaver” im Strauhof mit der Akkordeonistin Claudia Vamvas, Jens Nielsen, Dimitrij Gawrisch und dem Musiker  Nehad El Sayed.

Auf die Akkordeonisten hatte ich mich sehr gefreut, zu Recht, denn ich habe Tränen gelacht, als sie Tweets (sie ist eine meiner Twitter-Königinnen) aus ihrem Alltag vorlas.
Sie ist der Hit und ihr Buch “Sitze im Bus” gibt es jetzt auch in gedruckter Form.
Ein ganz heißer Geschenktipp.

Genial war auch der Auftritt von Jens Nielsen. Bei seinen absurden Beschreibungen des möglichen Zusammenhangs zwischen Wald, Größe und Gewicht mußte ich so lachen – wobei anzumerken ist, dass mancher Wald so dicht ist, dass man in ihm stecken bleibt und verhungert.

Wer mehr über diese Thematik und zum Beispiel darüber wissen möchte, was passiert, wenn der Bankautomat kein Geld, sondern Gras auswirft, der lese doch bitte Jens Nielsens neuestes Werk “Flusspferd im Frauenbad”.

» zur Leseprobe

Frühstücken mit Laura de Weck – Politik und Liebe machen

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Der Sonntag begann für mich und Mara erneut mit einem opulenten Frühstück im Café Odeon.
Der Zufall wollte es, dass der Schweizer Regisseur des Filmes “Finsteres Glück” (Filmstart 17.11.2016), der auf dem gleichnamigen Roman von Lukas Hartmann basiert, an unserem Tisch saß und wir uns blendend unterhalten haben. Ich bin sehr gespannt auf seinen Film, der auf Schwiizerdütsch gedreht worden ist.

Der Anlass dieses erneuten Café-Besuchs war die Schauspielerin, Autorin und Kolumnistin Laura de Weck, die selbst viel Zeit im Odeon verbracht hat.
An diesem Tag war sie jedoch nicht als Gast da, sondern um aus ihren neuen Kolumnen “Politik und Liebe” zu lesen.

In diesem Band geht es um sogenannte “Sorgenprofis” und unter anderem darum, dass Regisseure Schauspielerinnen gerne ausschließlich in Rollen einsetzten, in denen die Frau einfach nur liebt. Mal rasend, mal glücklich, mal unglücklich. Aber immer nur liebt. Dabei hätten Schauspielerinnen doch so gerne mal eine liebesunabhängige Rolle. Was sich allerdings als schwierig erweist…

Laura de Wecks Themen sind vielfältig. Es geht in ihren Kolumnen zum Beispiel um die Frauenquote, um die Rolle des Ausländers in der Schweiz, um Flüchtlinge, um Steuern, um finanzielle Privatsphäre, um Big Data, aber auch um Kinderreime – die sich allerdings als hochpolitisch entpuppen.

Über all diese Themen schreibt sie konsequent und eloquent.

» zur Leseprobe von “Politik und Liebe”

“Israelische Schattenwelten – Die beiden Krimiautoren Liad Shoham und Dror Mishani im Gespräch”

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Nach einem kurzen Spaziergang zum See ging es zu “Israelische Schattenwelten – Die beiden Krimiautoren Liad Shoham und Dror Mishani im Gespräch” in den wunderschönen “Salon” in der Weststrasse.

Die Veranstaltung ist von Omanut, dem Verein zur Förderung jüdischer Kunst in der Schweiz, auf die Beine gestellt worden und das nicht zum ersten Mal.
Im letzten Jahr wurden zum Beispiel die Bücher der Kriminalautorin Batya Gur thematisiert, indem drei Autoren jeweils zwei Krimis der bereits verstorbenen Schriftstellerin lasen und über diese diskutierten.

In diesem Jahr waren nun die israelischen Krimiautoren Liad Shoham, der in seinen Romanen sozialkritische und explosive Themen wie die Situation der Flüchtlinge in Israel oder die Korruption auf kommunalpolitischer Ebene aufgreift, und Dror Mishani eingeladen.
Liad Shohams Kriminalroman „Das Blut an euren Händen“ habe ich bereist gelesen und weiß jetzt, weshalb der Autor auch als der „John Grisham Israels“ bezeichnet wird.

» zu meiner Besprechung von „Das Blut an euren Händen“

Da unter den Zuschauern viele des Hebräischen mächtig waren, lasen die Autoren jeweils kurze Textabschnitte in ihrer Muttersprache.
Danach folgte eine Lesung mit einem Schauspieler und zwar nicht mit irgendeinem Schauspieler.
Ich dachte erst, ich hätte mich getäuscht, als ich ihn am Eingang des Cafés entdeckte, doch dies war nicht der Fall.
Thomas Sarbacher war wirklich da und las grandios. Was für eine Stimme und welch wunderbarer Abschluss für diese Reise nach Zürich.

Ich habe so viele spannende Gespräche geführt und interessante Menschen kennengelernt und möchte mich ganz herzlich bei Zürich liest, bei Monika von Adibuma und bei Zürich Tourismus bedanken. Es war schlichtweg großartig.

Tiptop.


Mehr zum Buchfestival gibt es hier:

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