Isabelle Autissier: “Herz auf Eis”

Isabelle Autissier: “Herz auf Eis”

Dieser Roman zählte zu den Neuerscheinungen, auf die ich mich in diesem Frühjahr besonders gefreut habe – zu recht, wie sich schon nach wenigen gelesenen Seiten herausstellte.

Ludovic und Louise führen ein schönes Leben in Paris. Ludovic arbeitet bei einer Eventagentur, Louise in einem Büro und sie hat inzwischen auch das gefunden, für was sie wirklich brennt: Das Bergsteigen, ein Hobby, das ihren Eltern so gar nicht zusagt.
Ginge es nach Louise, so könnte alles so weitergehen, wie bisher und irgendwann würden sie und Ludovic eben Kinder zusammen bekommen. Doch Ludovic packt die Abenteuerlust und als er seinen Freunden zu erzählen beginnt, dass er darüber nachdenkt, ein Sabbatjahr einzulegen und über den Atlantik zu segeln, weiß Louise, dass sie nachgeben und mitkommen muß.

Ludovic ist ein sehr gutaussehender junger Mann, dessen Leben vollkommen behütet und ohne schwierige Phasen verlaufen ist. Sorgen kennt er eigentlich nicht und das macht seine Gegenwart so angenehm. Man fühlt sich gleich leichter – Louise fühlt sich leichter, leidet sie doch sehr darunter, dass sie als “unauffällig” gilt. Da sie Angst hat, Ludovic zu verlieren, wenn sie nicht in dieses Abenteuer einwilligt, sagt sie schließlich ja und reicht ihr Sabbatjahr ein.

Das Segeln funktioniert wunderbar, die beiden werden ein gutes Team, das alles richtig macht – bis zu dem Tag, an dem sie beschließen auf einer Insel anzulegen, die eigentlich Naturschutzgebiet ist und nur von Forschungsschiffen angefahren wird.

Was nun folgt, ist sehr tragisch, denn Ludovic setzt sich in den Kopf die Insel zu erforschen und weigert sich umzukehren, auch als Louise ihn auf das schlechter werdende Wetter aufmerksam macht.
Schließlich müssen sie die Nacht bei Sturm in einer alten Hütte verbringen, während das Boot am Strand festgemacht ist. Am nächsten Morgen ist es nicht mehr dort – und niemand weiß, wo Louise und Ludovic sich aufhalten.

Romane, die ein geschlossenen Setting haben finde ich hochinteressant. Keiner kann sich zurückziehen, oder fliehen – die Protagonisten sind gezwungen miteinander zu agieren. Ob sie nun noch enger zusammenrücken, oder das Gegenteil der Fall ist, es wird vor allem eines: Extrem.
Louise und Ludovic sehen sich sehr bald mit dem ersten Problem konfrontiert: Dem Fehlen der Nahrung. Sie haben nur noch ein paar Äpfel dabei, die Ludovic gleich verspeisen möchte, was Louise erschreckt: Wie kann man denn nur so kurzsichtig denken?
Diese Szene ist eine der ersten Interaktionen der beiden auf der Insel überhaupt und hier offenbart sich, dass die beiden grundverschiedene Einstellungen haben.
Ludovic ist es gewöhnt, den Hunger gleich zu stillen, während Louise durch ihre Erfahrungen im Bergsteigen weiß, dass man sich alles einteilen muß, zumal das Nahrungsangebot auf der Insel sehr begrenzt ist.  

Pinguine und Walrösser sind das Einzige, das es auf der Insel gibt und so drängt es sich auf, dass diese zur Nahrung von Louise und Ludovic werden müssen. Dies ist eine Stelle im Roman, die mich etwas stutzig hat werden lassen, denn beide scheinen von Anfang an keine Problem damit zu haben, diese Tiere zu erlegen.
Aber nun gut, das ist jetzt auch nur ein Detail, denn dass sie töten müssen ist ja unumgänglich.
Das Wetter ist ein weiteres Problem, denn die beiden Protagonisten sehen sich gezwungen, sich damit auseinanderzusetzen, was geschieht, wenn sie auf der kargen Insel überwintern müssen – und eigentlich möchten sie diesen Gedanken gar nicht denken.

Isabelle Autissier kennt sich mit dem Segeln aus, denn 1986 segelte sie erstmals einhand über den Atlantik. Eine Weltumseglung folgte, bevor es 1999 zu einem Unfall kam, nach welchem die Autorin beschloss, sich keiner solchen Extremerfahrung mehr zu stellen.
Was allerdings klar ist, ist, dass Isabelle Autissier weiß, wovon sie schreibt. Sie weiß, wie es ist, einsam und alleine mit der Natur zu sein und das merkt man dem Roman an.
Sehr gefühlvoll und intensiv beschreibt sie die aufkommende Verzweiflung, die aber keinesfalls zugelassen werden darf, da dies der Anfang vom Ende wäre. Ebenso, wie den aufkeimenden Hass aufeinander, die gegenseitigen Schuldzuweisungen, die aber ebenfalls nicht ausgesprochen werden dürfen, denn nichts wäre schlimmer als eine schlechte Stimmung und als die vollkommene Einsamkeit.

Bei der Lektüre dieses Buches mußte ich gleich an ein anderes Werk denken, das sich mit der gleichen Thematik beschäftigt: An den Roman “Niedergang” von Roman Graf.
Auch hier geht es um ein junges Paar, das zu einer Bergtour aufbricht, wobei die Frau eigentlich keine wirkliche Lust dazu hat und ihrem Partner einen Gefallen tun möchte. Auch hier sind die Probleme vorprogrammiert, doch vom Berg kann man fliehen, von Autissiers Insel jedoch nicht.

Das Besondere an “Herz auf Eis” ist, dass wir erfahren, wie es nach dieser Extremsituation auf der Insel weiter geht und schließlich wissen, ob die beiden überlebt haben, oder nicht. Das hat dieses Buch für mich noch intensiver gemacht, denn es geht nicht nur um das Überleben in einer Extremsituation, sondern auch um die Folgen in der “normalen” Welt, um die Folgen für die Eltern und die Familien.
Dies vollkommen ohne Pathos und Kitsch zu schreiben ist große Kunst – und genau das ist Isabelle Autissier gelungen.

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P.S.: “Herz auf Eis” war für den Prix Goncourt, den bekanntesten französischen Literaturpreis, der mit symbolischen zehn Euro dotiert ist, nominiert.


ISBN:  978-3-86648-256-2
Verlag: mare
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Kerstin Gleinig
Preis: 22,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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3 thoughts on “Isabelle Autissier: “Herz auf Eis”
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Bowkowski

Dankeschön für den tollen Beitrag! Ich habe ihn bei meinen anknüpfenden Überlegungen zum Spannungsspiel von Freiheit, Sicherheit und Verantwortung erwähnt 🙂
https://ranzundgloria.wordpress.com/2017/08/04/buchkritik-isabelle-autissier-herz-auf-eis/

Interessanter Hinweis zu dem Roman „Niedergang“ von Roman Graf, werde da auch mal hineinschauen. Etwas argwöhnisch macht mich der Fakt, dass dort ebenfalls eine Louise involviert ist – da aber deutschsprachige und französische Literatur sich selten gegenseitig wahrnimmt, gehe ich wohlwollend von einem Zufall aus 😉

Besten Gruß!

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