Sofi Oksanen: “Hundepark”

Sofi Oksanen: “Hundepark”

Olenka sitzt auf einer Bank im Park und wirft einen kurzen Blick auf die Frau, die sich neben ihr niedergelassen hat. Wie man das eben so macht: Kurz zunicken und dann damit weitermachen, was man eben bis dahin gemacht hat.
In einem Buch, oder einer Zeitschrift lesen, oder die Menschen im Park betrachten.
Wie Olenka, die eine Familie beobachtet.

Doch die Frau, die sich auf die Bank gesetzt hat, ist keine Fremde.
Es ist Daria.
Die Frau deren Leben Olenka zerstört hat…

“Hundepark” ist eine der Neuerscheinungen, auf die ich mich in diesem Jahr am meisten

gefreut habe.
Zum einen liegt das daran, dass ich von Sofi Oksanens  “Fegefeuer”*  sowohl sprachlich, als auch thematisch begeistert war. Ich habe durch diesen Roman sehr viel über die Geschichte Estlands im 20. Jahrhundert erfahren.
Zum anderen hat mich der Klappentext von „Hundepark“ extrem neugierig gemacht: Wer ist Olenka, was macht sie auf der Bank – und was hat sie Daria angetan?
Inzwischen weiß ich, was passiert ist – und ich weiß noch etwas: Mit “Hundepark” habe ich mein erstes Highlight des Jahres 2022 gefunden.

Wie bereits in “Fegefeuer” arbeitet Sofi Oksanen mit Rückblenden, die viel Tempo in die Handlung bringen und die Geschichte sehr spannend machen.
Doch “Hundepark” ist viel mehr, als eine spannende Geschichte. Es handelt sich um ein aufrüttelndes, sehr intensives Buch, das wütend macht.

2006 kehrt Olenka zu ihrer Mutter in die Ukraine zurück. Sie hatte als Model im Ausland gearbeitet – und es war gründlich schief gegangen. Eine Zeitschriftenwerbung für Fleckenentferner und eine für Autoersatzteile sind schließlich nichts, worauf man stolz sein kann.
Offiziell ist es das Heimweh, das Olenka nach Hause getrieben hat.
In Wirklichkeit konnte sie schon seit ein paar Jahren kein Geld mehr nach Hause schicken. Und das war ja der Grund, weshalb sie überhaupt gegangen war. Eine bessere Zukunft für sich – und vor allem um Geld für die Familie zu verdienen.
Denn in Mykolajiw gab (und gibt) es weder noch.

Mit Olenka muss dort nun ein weiteres Maul gestopft werden. Nicht nur Nahrung ist knapp, sondern auch Trinkwasser. Denn das Brunnenwasser in Mykolajiw ist nicht trinkbar .
Olenka hat schon ein paar 30-Liter-Kanister bestellt, doch wovon sie diese bezahlen soll, weiß sie noch nicht.
Eins ist ihr aber klar: Auf keinen Fall wird sie auf den Vorschlag ihrer Tante eingehen und zulassen, dass Iwan mehr Mohn anpflanzt und somit mehr Rohopium herstellt.
Auf keinen Fall möchte sie von Iwans Auftraggebern abhängig sein.

Aus diesem Grund war sie ja ins Ausland gegangen. Wäre sie dort erfolgreicher gewesen, hätte sie das Mohngeschäft für immer abhaken können.
Doch dem ist nicht so und Olenka fühlt sich schuldig. Es muss doch noch etwas anderes geben, womit sich Geld verdienen lässt.

Klar, sie könnte (wie so viele Mädchen hier) auf einen ausländischen Mann hoffen und sich als Heiratskandidatin in einer Brautagentur anbieten.
Das kommt für sie aber nicht infrage, da sie weiß, dass diese Mädchen umsonst auf eine bessere Zukunft hoffen.
Per Zufall entdeckt Olenka dann einen anderen Geschäftszweig, der gut entlohnt wird.

Es gibt ja auf der Welt viele gut betuchte Menschen mit dem Wunsch nach einem Kind. Einem Nachfahren. Doch manchmal funktioniert es auf natürlichem Wege nicht so, wie man möchte. Aber man kann nachhelfen.
Mit Eizellen oder Leihmüttern aus der Ukraine….

Mich hat an diesem Buch besonders beeindruckt, dass Sofi Oksanen alle Seiten dieses “Business” beleuchtet. Man kann bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen, weshalb sich Olenka auf diese ganze Sache einlässt, zumal man gleich auf den ersten Seiten von den Lebensumständen ihrer Familie erfährt.
Sie ist sehr klug, gewitzt, sprachbegabt – und sie weiß, was die Westler wollen.
Daraus muss man doch etwas machen können!

Olenka möchte selbst keine Eizellen-Spenderin werden. Sie hat andere Pläne. Sie möchte auf der anderen Seite des Schreibtischs sitzen.
Den Willen dafür hat sie, die Kontakte wird sie auch bald bekommen. Hart arbeiten kann sie auch.
Jetzt braucht sie noch eine Spenderin, die sie zum “Star” aufbauen kann. Ein Mädchen, das zu ihr auf sieht, ihr blind vertraut – und das sie von sich abhängig machen kann.
Dann trifft sie Daria…

Das große Thema dieses Romans ist die Ausbeutung ungleicher Machtverhältnisse, das Ausnutzen von Frauen in Geldnot und das Geschäft mit dem Kinderwunsch und dem Körper der Frau.
Ich habe durch dieses Buch einiges gelernt, zum Beispiel Thailand bis vor einigen Jahren als DAS Land für Leihmutterschaften galt.
Doch nach verschiedenen Skandalen (u.a. der „Fall Gammy“) wurde kommerzielle Leihmutterschaft verboten.

Die Nachfrage allerdings wächst. Dass es in Deutschland seit 2017 so genannte “Kinderwunschmessen” gibt sprich für sich. Hier bieten ausländische Agenturen, Kliniken etc. ihre Dienste an. Die Sache ist, dass Verfahren (wie die Leihmutterschaft) angeboten werden, die in Deutschland verboten sind. In z.B. den USA und der Ukraine sind sie erlaubt.

Allerdings ist das Ganze in den USA teurer, als in der Ukraine. Dies schreiben Katharina Horban und Alicia Väth in ihrem Artikel “Das Geschäft mit der Leihmutterschaft” im Tagesspiegel.
Diejenigen die daran verdienen, sind in der Regel die Vermittlungsagenturen und Kliniken. Bei den Frauen selbst kommt zumeist nur sehr wenig Geld an, wie ich in einem Text des Vereins “Terre des femmes – Menschenrechte für die Frau” nachlesen konnte.

In “Hundepark” lässt Sofi Oksanen Olenka sehr trocken bzw. zynisch formulieren, dass die Gesetzgebung in der Ukraine “ […] doch einzigartig [war], wenn es um die Unterstützung bei der assistierten Anschaffung von Kindern ging: Nur die künftigen Eltern genossen juristischen Schutz, während Spenderinnen und Leihmütter keinerlei Rechte besaßen.”
Ich habe mich inzwischen etwas in diese Thematik eingelesen und fürchte sagen zu können, dass Olenka da sehr wahre Worte von sich gibt.

Weiterhin sagt Oksanens Protagonistin: “Bei uns konnte man das Geschlecht des Kindes wählen, bei uns erschien der Name der Leihmutter nicht in der Geburtsurkunde, bei uns würde man die Kunden nicht mit Prüfungen ihres Hintergrunds belästigen […]”.
Wer hier die Leidtragenden sind, dürfte klar sein.

Ich finde es immer großartig, wenn ich durch Romane dazu angeregt werde, mich mit Themen zu beschäftigen, mit welchen ich mich sonst nicht auseinandergesetzt hätte.
Sofi Oksanen ist dies gelungen.
Sie hat mit “Hundepark” einen sehr fesselnden, geschliffenen Roman geschrieben, der mich auf ganzer Linie überzeugt – und wütend gemacht hat.

Mit Olenka hat sie eine polarisierende, als auch faszinierende Figur geschaffen, an deren Moralvorstellungen man schon zu knabbern hat. Es aber zu schaffen, dass man sie in manchen Momenten versteht und auch Mitleid mit ihr bekommt, das ist große Kunst.
Zum Beispiel als sie jemandem rät: “Weißt du, es ist immer besser, sich heimlich zu rächen. Sonst bekommst du Probleme.”

Zu wem sie dies sagt, das verrate ich hier nicht. Dazu müsst ihr schon selbst zu diesem Roman greifen, dessen Lektüre ich nachdrücklichst empfehle.
Top!

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ISBN: 978-3-462-00011-5
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2022
Übersetzung: Angela Plöger
Seiten: 480
Preis: 23,00 €


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3 thoughts on “Sofi Oksanen: “Hundepark”
Frauke von wasfraukemacht

Das klingt sehr interessant und kommt gleich auf die Leseliste!

    Friederike

    Prima! Viel Spaß beim Lesen!

    Viele Grüße,
    Friederike

Pingback: {Rezension} Hundepark von Sofi Oksanen ♣ Bellas Wonderworld

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