Colum McCann: “Apeirogon”

Colum McCann: “Apeirogon”

“Apeirogon” ist nicht erfunden. Es handelt sich hierbei um eine wahre Geschichte.
Ein fesselndes, beeindruckendes Buch, das mir viele Aha-Momente beschert und mich sehr berührt hat. Kein Wunder, dass es eines meiner Highlights des Jahres 2021 ist.

Ramis Tochter Smadar ist fast vierzehn Jahre alt und mit ihren Freundinnen in Jerusalem unterwegs, um Schulbücher zu kaufen, als sie von drei palästinensischen Selbstmordattentätern in die Luft gesprengt wird.
Bassams Tochter Abir ist zehn Jahre, als sie von einem israelischen Grenzsoldaten mit einem Gummigeschoss getötet wird. Sie wollte gerade Süßigkeiten kaufen.

Colum McCann hat die Väter der beiden Mädchen getroffen und erzählt uns ihre Geschichte.

Er erzählt uns von Anata, einer palästinensischen Stadt im Westjordanland, die unter israelischer Besatzung steht. Direkt neben der Stadt befindet sich das Flüchtlingslager Shuafat, in das man durch ein Drehkreuz am Checkpoint ganz einfach hinein, aber nicht so einfach wieder heraus kommt.
Denn dafür benötigt man einen Passierschein. Oder einen Ausweis.
Jedenfalls wenn man, wie Bassam, ein grünes, palästinensisches Nummernschild hat.

Aber selbst, wenn man diesen besitzt und sich zudem in einer Notlage befindet, ist ein schnelles Passieren des Checkpoints nicht garantiert. Auch wenn man, wie Bassam, auf der Rückbank eines Taxis sitzt und ein kleines, schwerverletztes Mädchen auf dem Schoß hat. All das ändert nichts.

Es ist Stau. Es ist heiß. Es wird gehupt.
Nichts bewegt sich.
An ein unerlaubtes Überqueren der Grenze ist nicht zu denken, denn bestenfalls wird man festgenommen.
Schlimmstenfalls erschossen.

Als sie endlich im Krankenhaus sind, beschließen die Ärzte, dass Abir nach Jerusalem verlegt werden muss, denn vor Ort fehlen die Geräte.
Normalerweise fährt man nach Jerusalem zwanzig Minuten.
Zwei Stunden später steht der Krankenwagen mit Bassam und Abir noch immer im Stau vor dem Checkpoint. Auch ein Krankenwagen garantiert kein schnelles Passieren. Es könnte ja sein, dass der Krankenwagen eine Tarnung ist und darin Sprengsätze oder Ähnliches transportiert werden….

“Apeirogon” war schon lange auf meiner Leseliste, zumal mich die Thematik generell sehr interessiert. Allerdings war mir dieses Buch irgendwie immer zu umfangreich.
Dann habe ich doch mal kurz hineingelesen, doch bei diesem “ mal kurz” ist es nicht geblieben. Ich hatte ja einiges erwartet, aber so etwas Fesselndes nicht.

Colum McCann erzählt Ramis und Bassams Geschichte und davon, wie die beiden Männer sich im Parents Circle (einem Zusammenschluss israelischer und palästinensischer Eltern, deren Kinder getötet worden sind) kennenlernen.
Rami wollte ja überhaupt nicht zum Parents Circle. Doch dann wird er so lange bearbeitet, bis er beschließt, einmal an einem Treffen teilzunehmen – und dann nie wieder hinzugehen.

Als er dann aber die Teilnehmer des Parents Circles sieht, wundert er sich. Sie sind so jung.
Eine Frau trägt ein Kopftuch und hat das Bild ihrer Tochter an die Brust gepresst.
Das ist der Moment, in welchem Rami klar wird, dass sie eine Mutter ist. Ein Mensch, der trauert.
So hat er die Araber noch nie gesehen. Bisher waren sie für ihn nur Arbeiter, die einem am Schabbat den Kühlschrank reparieren, weil man dies selbst am Schabbat ja nicht arbeiten darf.

Genauso wenig hat Bassam bisher die Israelis als Menschen wahrgenommen.
Für ihn waren es Besatzer, die er hasst. Die ihm das Leben mit ihren fliegenden Checkpoints zur Hölle machen. Und denen es nur darum geht, ihre Macht zu demonstrieren.

Beiden Männern wird im Parents Circle bewusst, dass beide Seiten Menschen töten wollen, die sie nicht kennen. Dass beide Seiten, Israelis und Palästinenser, aus dem gleichen Grund töten: Sicherheit und Frieden. Das ist doch absurd.
Vorher spürten Rami und Bassam Hass und Rache in sich. Doch nun beginnen sie sich die Frage zu stellen, was Hass und Rache eigentlich bringen. Und ob man sich nicht eine ganz andere Frage stellen sollte.
Die Frage “Was können wir tun?”

Fortan ziehen Rami und Bassam (beide sind Mitglieder des Parents Circle und der Combatants for Peace) durch die Länder, um ihre Geschichte zu erzählen und um die Frage ins Bewusstsein der Zuhörer zu bringen.
Alle Parteien wollen das Gleiche. Sicherheit und Frieden.
Also: “Was können wir tun?”

Ich habe durch “Apeirogon” unglaublich viel gelernt. Einmal natürlich durch Bassams und Ramis Geschichte, aber auch durch die vielen Informationen, die Colum McCann einstreut.
Der Roman besteht aus kurzen Kapiteln, die viele verschiedene Themen behandeln, welche stichwortartig ineinandergreifen.

Zum Beispiel hat Rami davon gehört, dass die Amerikaner im Zweiten Weltkrieg Bomben an Fledermäusen befestigten, um diese über Japan abzuwerfen. Die Fledermäuse würden sich dann in den zumeist aus Papier gebauten Häusern einnisten. Dann könnte man die Bomben zünden und alles würde abbrennen.
Das war ein ernsthaftes Projekt, das jedoch nie zum Einsatz kam, weil man etwas vielversprechenderes in Los Alamos entwickelt hatte. Die Atombombe.

Vor einigen Jahren habe ich einen Roman über die Frauen, die in Los Alamos lebten gelesen: “Was wir nicht wussten”. Ein großartiges Buch.
Ich finde es immer toll, wenn ich Büchern auf Themen stoße, die mir in anderen Büchern bereits begegnet sind. Das sind für mich richtige AHA-Momente.

Auch als Rami von seinem Vater erzählt hatte ich einen Solchen: Ramis Vater ist Holocaust-Überlebender und erzählt seiner Enkelin Smardar davon, wie er das KZ Theresienstadt verschönern musste, weil eine dänische Delegation angekündigt war.
Im Anschluss beschloss man einen Propaganda-Film über Theresienstadt zu drehen.
Kurt Gerron führte Regie. Danach wurden alle Mitwirkenden in Auschwitz umgebracht.

Charles Lewinsky (der Autor eines meiner ewigen Lieblingsbücher “Melnitz”) hat einen Roman über Kurt Gerron geschrieben, den ich vor einigen Jahren gelesen habe. Dieser trägt den Titel „Gerron“* und hat mich sehr beeindruckt und berührt.
Bei mir haben also die Räder in meinem Kopf ineinander gegriffen.
Genauso wie in den Kapiteln “Apeirogons”.

Denn vor meinem kleinen Exkurs waren wir ja bei Rami, den Fledermäusen und der Atombombe, deren Ziel ja eigentlich nicht Nagasaki, sondern Kokura gewesen war. Allerdings waren die Wetterverhältnisse dort schlecht. Deshalb wurde das Ziel geändert.

“Oft denkt Rami: Wegen eines bewölkten Himmels […] wurden an einem Ort fünfundsiebzigtausend Leben ausgelöscht und an einem anderen verschont”
Oder weil man Schulbücher kaufen wollte. Wie seine Tochter Smadar.

In diesem Roman steckt so viel. Ich könnte jetzt noch seitenlang erzählen.
Aber ich glaube, es ist besser, ihr lest dieses beeindruckende Buch selbst.
Es lohnt sich sehr.

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ISBN: 978-3-498-04533-3
Verlag: Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2020
Übersetzung: Volker Oldenburg
Seiten: 608
Preis: 25,00 €


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