Tarashea Nesbit: „Was wir nicht wussten“

Tarashea Nesbit: „Was wir nicht wussten“

Sie sind Hausfrauen, Sekretärinnen, Forscherinnen an der Universität und vor allem sind sie Mütter und Ehefrauen.
Es ist das Jahr 1943. Wir befinden uns in den USA und es ist Krieg. Aber zumeist scheint dieser für die Frauen weit weg zu sein. Doch sobald eine Nachbarin einen Stern ins Fenster hängt, als Zeichen dafür, dass ihr Mann oder Sohn in eben diesem Krieg gefallen ist, ist er ganz nah und real.

All diese Frauen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, haben etwas gemeinsam. Eines Tages bekommen sie alle  Besuch von einem Herrn, der nicht mit ihnen, sondern nur mit ihrem Ehemann alleine sprechen möchte. Vom Inhalt des Gesprächs erfahren sie allerdings nichts.
Doch nach diesem Besuch jedoch ist alles anders: Sie alle werden fort ziehen und nicht wissen, weshalb oder wohin – die Angabe „irgendwohin in den Südwesten“ ist mehr als wage.
Aber ihre Männer schweigen und bitten auch sie zu schweigen und niemandem zu erzählen, auch nicht ihren Müttern oder besten Freundinnen, wohin sie ziehen und warum. Was sie ja auch gar nicht könnten, selbst wenn sie wollten, denn sie wissen es ja nicht.

Die Frauen lassen alles zurück und kommen an einen Ort, der von einem bewachten Zaun umgeben ist, an dem noch nicht einmal alle Unterkünfte fertiggestellt sind und an welchem es von Zeit zu Zeit kein fließendes Wasser gibt. Es ist alles sehr improvisiert.
Doch sie arrangieren sich mit diesen seltsamen Umständen. Damit, dass sie alle neue Namen bekommen und dass ihr Briefe an Ihre Mütter und Väter zensiert werden. Sie schließen neue Freundschaften mit Frauen, die in genau der gleichen Situation sind, wie sie. Sie bauen sich ein neues Leben auf, improvisieren jeden Tag, geben Partys, bekommen Kinder und wissen auch ein paar Jahre später noch immer nicht, warum sie, beziehungsweise ihre Männer, an diesen Ort im Nirgendwo beordert worden sind. Doch das haben sie inzwischen akzeptiert.

Was die Arbeit ihrer Männer anbelangt, so bekommen sie nur mit, dass diese manchmal für ein paar Tage auf „Exkursion“ gehen und dass sich besonders in dieser Zeit, aber auch manchmal einfach nur so an einem normalen Tag, Explosionen ereignen. Sehr laute Explosionen. Aber auch daran gewöhnen sie sich, denn sie sind in Los Alamos – dem Ort, an dem ihre Männer die Atombombe entwickeln.

Ich wusste nach drei Sätzen, dass dieses Buch mich begeistern wird und das hat es. Vom Anfang an bis zur letzten Seite.Es ist der Tonfall von Tarashea Nesbit, der einen unglaublichen Sog entwickelt, der einen ganz tief ins Buch fallen lässt und der mich hypnotisch vorangetrieben hat.
Denn es geht hier nicht um eine einzelne Person, sondern um eine Gemeinschaft, die dem selben Schicksal geweiht ist. Und diese Gemeinschaft, dieses „wir“ konnte ich direkt spüren. Ich hatte beim Lesen das Gefühl mit den Frauen zusammen im Ungewissen zu leben. Dazu trägt natürlich die Erzählform, die Tarashea Nesbit gewählt hat immens bei. Denn sie erzählt nicht in der ersten oder zweiten Person im Singular, sondern in der ersten Person im Plural. Sie sagt „wir“ – das ist ungewöhnlich und das macht diese Geschichte so intensiv und direkt.
Dennoch gelingt es ihr die einzelnen Personen nicht über einen Kamm zu scheren. Obwohl die Frauen vom gleichen Schicksal geeint werden, haben sie unterschiedliche Charakterzüge. Manche hinterfragen die Situation zum Beispiel mehr als andere. Dennoch bleibt der Tonfall immer etwas distanziert und kühl, sodass sich der Leser selbst darüber Gedanken machen muß, ob er die Handlungen der Frauen nun gut, oder nicht so gut findet. Die Autorin selbst wertet nie. Das rechne ich ihr hoch an.

„Was wir nicht wussten“ ist ein sehr spannendes Buch über die Unwissenheit beziehungsweise darüber, wie es ist etwas Gegebenes akzeptieren zu müssen, ohne je Gewissheit zu haben, was hinter den Kulissen gespielt wird.
Ein Buch, das mich begeistert und gefesselt hat. Ohne Wenn und Aber.

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ISBN: 978-3-8321-6349-5
Verlag: Dumont
Preis: 9,99 €


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5 thoughts on “Tarashea Nesbit: „Was wir nicht wussten“
Hilary K.

Danke für die Empfehlung. Ich habe es gestern angefangen zu lesen. Wahrlich ein tolles Buch.

Friederike

Das freut mich!

Pingback: Was wir nicht wussten von Tarashea Nesbit – Lesen gefährdet die Dummheit
Ruth Leukam

Ein tolles Buch. Aber „Wovon wir träumten“ – auch in der „Wir-Perspektive geschrieben- hat mich noch mehr gepackt.

Friederike

Ja, „Wovon wir träumten“ hat mir auch sehr gut gefallen. Es zieht den Leser hypnotisch in den Text hinein.

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