Monatsrückblick Nr. 1 // 26

Monatsrückblick Nr. 1 // 26

Es kommt selten vor, dass mir alle Bücher, die ich in einem Monat gelesen habe gefallen.
Doch in diesem Monat ist es so:

Stefanie Sargnagel: „Opernball“

Stefanie Sargnagel ist zum Wiener Opernball eingeladen worden. Irre.
Sonst saß sie immer nur vor der Glotze und hat abgelästert, jetzt darf sie das vor Ort.
Aber ist es eigentlich noch Kunst, wenn die Zielscheibe des Spotts über jede Aussage aus Stefanies Mund (eher künstlich) lacht? Ach eh wurscht. Hauptsache Opernball!!

Die Kellnerin und der Museumswärter sind jedenfalls mit von der Partie. Und erstere ist auch gleich mal enttäuscht: “Da haben die so viel Kohle und keine Ahnung von Mode.” Kein einziger cooler Designer wird hier getragen.
Der Museumswärter hat einen Rucksack dabei. Das gab es auf dem Opernball anscheinend auch noch nie. Recherchematerialien sind da drin: Ein Etikettenführer, die Geschichte Wiens, Opernführer, Strauss-Biografien, Ferngläser. Man kann jedenfalls nicht sagen, dass er die Sache nicht ernst nimmt.
Etwas zu Essen ist allerdings nicht im Rucksack. Vielleicht sollte man schonmal eine Anzeige aufgeben: “Auf dem Opernball verhungert!” …

Stefanie Sargnagels “Iowa” war eines meiner Highlights des letzten Jahres.
Genau mein Humor! Dass ich von “Opernball” ebenso begeistert bin, dürfte niemanden wundern. Genial!

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Eliza Clark: „Boy Parts“

Irena ist etwas speziell. Zugegeben, das ist untertrieben. Sie ist SEHR speziell.
Das schreibt zumindest ihre Freundin Flo auf ihrem “privaten” Blog, den ca. 200 Leute im Internet täglich konsumieren und zum Beispiel lesen, dass “Rini” keine Freunde hat, aber wahrscheinlich eine Borderline-Störung. Sie nimmt viele Drogen, konsumiert Alkohol und von Kohlenhydraten hält sie überhaupt nichts.

Irena hat Fotografie studiert und spricht ihre Models auf der Straße an. Junge unscheinbare Männer, die sie in expliziten Posen und besonderen Outfits (und auch des Öfteren ohne) ablichtet. Männer, die es gar nicht glauben können, dass jemand, wie Irena sie anspricht.
Irena sieht sehr gut aus, bekommt immer, was sie will und wenn sie möchte, kann sie charmant sein. Sie lässt sich auch immer den Ausweis zeigen. Was kann sie denn dafür, dass der letzte Boy den Ausweis seines älteren Bruders vorgezeigt hat und die beiden sich sehr ähnlich sehen?
Heute hatte sie eine sehr unschöne Begegnung mit seiner Mutter….naja, egal.
Die Sammler, die Irenas Kunst kaufen, kaufen sie sowieso für rein private Zwecke.

Als sie das Angebot bekommt, Teil einer Gruppenausstellung zu sein, bekommt ihr Ego einen Push. (Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Irena hält sich selbst für die Beste, Tollste und absolut Unwiderstehlichste.)
Und der Abgrund an dem sie die ganze Zeit schon steht, kommt immer näher…Dieses Buch wurde mir von einer Kollegin empfohlen, die meinte:” “Eileen” von Ottessa Moshfegh fandest Du doch gut. Dann gefällt Dir “Boy Parts” garantiert auch.” Recht hatte sie. Ich habe dieses Buch quasi inhaliert.
Ich kann mir vorstellen, dass es manchen zu viel ist. Zu viel Sex, zu viele Abgründe, zu abgefahren und eine unsympathische Hauptfigur. Ich mag ja Charaktere, mit denen man sich nicht identifizieren kann. Deshalb war “Boy Parts” das Richtige für mich.

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Jenette McCurdy: „Half his Age“

Waldo hat wieder etwas bestellt. Einen Rock, ein süßes Oberteil, eine abgefahrene Strumpfhose und Rouge, das bestimmt ihr Leben verändern wird. Zumindest in den drei Tagen, bis es geliefert wird und sie feststellt, dass die Sachen nicht so aussehen, wie im Online-Shop. Und dass sie das alles eigentlich gar nicht braucht. Wie die tausend anderen Klamotten in ihrem Schrank und die 24 Rouge-Töne, die im Bad vor sich hin gammeln.

Aber was soll man machen, wenn man nicht weiß, wohin mit sich. Wenn die eigene Mutter sagt, man sei schwer zu lieben und man festgestellt hat, dass die einzige “Freundin” sich nur mit einem abgibt, um aus religiösen Gründen Gutes zu tun. Sich mit einem Mädchen aus der asozialen Unterschicht (sprich Waldo) anzufreunden scheint wohl “was Gutes” zu sein. Wahrscheinlich kommt sie deshalb in den Himmel. Herzlichen Glückwunsch.

Dann ist da der neue Lehrer. Mr. Korgy ist um die 40, unterrichtet “Kreatives Schreiben” und ist der erste Mann/Junge in Waldos Leben, der vor der gesamten Klasse die Hosen runter lässt: Er gibt in der ersten Stunde zu, dass er an seinem Lebensziel gescheitert ist. Er wollte ein Buch schreiben und berühmt werden. Beides ist ihm nicht gelungen.
Jetzt ist er Lehrer. Und er hat Waldos volle Aufmerksamkeit, denn er ist der Erste, der sie lobt. Ihre Geschichten seien wirklich gut. Er zwinkert ihr auch zu. Waldo ist sicher, sie sind seelenverwandt. Und dass mehr zwischen ihnen passieren wird, ist klar…

Jennette McCurdys “I´m glad, my Mum died”, in dem sie ihr Leben als Kinderstar schildert, war eines meiner Lieblingsbücher des letzten Jahres. Die Frage, die ich mir vor der Lektüre von “Half his Age” stellte war: Kann sie auch reine Fiktion? Die Antwort ist eindeutig: JA, sie kann.
Ich fand diesen Roman wirklich gut.
Vor allem die Art und Weise, wie es der Autorin gelingt, Waldos innere Wandlung im Laufe der Beziehung darzustellen. Toll!

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Fernanda Melchor: „Das hier ist nicht Miami“

Auch als tausende Häftlinge von der Haftanstalt Allende (Mexiko) in andere Gefängnisse verlegt werden, dementieren die Behörden, dass Allende geschlossen werden soll. Natürlich ist auch überhaupt nichts am Gerücht dran, welches besagt, dass Mel Gibson hier einen Film drehen möchte. Und das Ganze wird auch gar nicht davon untermauert, dass Reinigungstrupps kommen und das Gefängnis blitzblank säubern.
So sah es hier noch nie aus. Allende war immer schon ein elendes Drecksloch.
Dass diese Aktion praktisch bei Drehbeginn beendet war, war natürlich auch reiner Zufall…

Dies ist nur eine Story aus dem Kosmos der Hafenstadt Veracruz, in der die Autorin geboren wurde. Im Prinzip lässt sie mit uns den Blick durch die Stadt schweifen und hält hin und wieder inne, um uns die Geschichte einer Person oder eines Ortes zu erzählen, die auf wirklichen Begebenheiten basiert. Das ist wirklich toll gemacht, sehr atmosphärisch und sehr lesenswert.
Fernanda Melchors Romane stehen bereits auf meiner Leseliste.

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Mona Awad: „Rouge“

In diesem Roman geht es um Belle, deren Mutter Noelle nichts mehr liebt, als ihr eigenes Spiegelbild. Für ihre Haut tut sie alles und gibt sich einer täglichen, zeitintensiven und kostspieligen Skincare-Routine hin. Zwar behauptet sie, dass Belle so schön sei und sie ihre Tochter um den dunkleren Teint und die dunklen Haare beneide – doch das ist gelogen. (Und Belle ist durchaus bewusst, dass ihre Mutter lügt.)

Inzwischen lebt Belle nicht mehr bei ihrer Mutter in Kalifornien, sondern bei ihrer Großmutter in Montreal. Was sich allerdings nicht geändert hat, ist die Anzahl der Cremes, Lotions und Seren im Badezimmer. Von ihrer Mutter geprägt, hat Belle eine Art Skincare-Sucht entwickelt, die manchmal den Großteil des Tages einnimmt.
Ob sie das glücklicher macht? Nunja, wahrscheinlich nicht.

Schließlich kommt die Nachricht, dass Noelle tot am Strand in Kalifornien aufgefunden wurde. Belle reist zur Trauerfeier in die USA und findet heraus, dass ihre Mutter in den Fängen einer hautfetischistischen Sekte geraten ist…

Wenn man das so liest, könnte man denken, dass man es hier mit einem “normalen” Psychothriller zu tun haben könnte. Doch dem ist nicht so.
Die Stärke dieses Buchs ist nicht die Thematik der Sekte im herkömmlichen Sinne und auch nicht die Suche nach dem Mörder. Dann wäre es ja doch ein “normaler” Krimi. Nein, das Besondere und Eindrückliche hier sind die Bilder, die die Autorin mit Worten malt. Die Welt in grau, weiß, rot und schwarz, die in der Residenz “Rouge” entsteht und die imposanten roten Quallen, die dort leben.
Klingt abgefahren? Ist es auch!
Man bekommt hier vielleicht nicht das, was man erwartet, aber wenn man sich drauf einlässt etwas Besseres: Unerwartete Bilder im Kopf, die man so schnell nicht vergisst.
Mich hat “Rouge” jedenfalls beeindruckt.

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