Frankfurter Buchmesse 2015: Gastland Indonesien

Frankfurter Buchmesse 2015: Gastland Indonesien

Heute war der erste Tag der Frankfurter Buchmesse, deren Gastland in diesem Jahr Indonesien ist.
Beim Durchblättern der Vorschauen vor ein paar Monaten mußte ich allerdings feststellen, dass es nur ganz wenige Titel auf Deutsch gibt. Sehr verwunderlich, denn ich erinnere mich zum Beispiel an das letztes Jahr, als Finnland Gastland gewesen ist – da haben sich die Finnland-Büchertische ja gebogen. Woran liegt das? 

Hierfür gibt es drei Gründe: Erstens kamen die staatliche Bewilligung für den Buchmesse Auftritt Indonesiens zu spät. Für das “große Übersetzungsprogramm” fehlte schlichtweg die Zeit. Zweitens gibt es in Deutschland zu wenige (gute) Übersetzer, die aus dem Indonesischen Übersetzen und drittens existieren in Indonesien viele Buchgenres, die es nicht nach Europa geschafft haben. Denn es ist so, dass die indonesische Literaturszene ganz anders ist, als die Europäische. Zum Beispiel sind Lyrik-Lesungen äußerst beliebt, während das Lesen von Büchern einfach nicht so sehr in den Alltag integriert ist. Die indonesische Kultusministerin sagte sogar: “Indonesier lesen nicht gern”.
Der klassische Roman funktioniert einfach nicht so gut, vor allem die anspruchsvolleren Werke, von welchen manchmal nur 2.000 Stück produziert werden. Krimis hingegen verkaufen sich wohl recht ordentlich, allerdings eher die typischen Klassiker, wie zum Beispiel Agatha Christie und Kurzgeschichten funktionieren auf dem indonesischen Markt ebenfalls.

Dennoch gibt es sie, die indonesischen Romane und ich habe mir jetzt einfach mal drei herausgepickt:

Laksmi Pamuntjak: „Alle Farben Rot”

Alle_Farben_rotDies ist wohl das Buch, über welches im Vorfeld der Buchmesse am meisten berichtet worden ist.
Es behandelt ein Thema, welches gerne in Indonesien verschwiegen wird und zwar die Jahre 1965 bis 1968. Zu dieser Zeit hatte sich
General Suharto an die Macht geputscht und seine Gegner verfolgt. Tausende Menschen mussten in Strafkolonien arbeiten und wurden gefoltert. Millionen sind damals grausam ermordet worden (wie viele es genau sind ist noch immer unbekannt und auch der Ort an welchem sich die Massengräber befinden) und noch heute wird den Nachkommen eine Entschuldigung verweigert.

Viele Jahre später ist im Roman „Alle Farben Rot“ eine junge Frau auf der Suche nach ihrer großen Liebe, denn sie sind 1965 getrennt worden. Sie macht sich zur Gefangeneninsel Buru auf, um herauszufinden, was mit ihm passiert ist. Diese Insel gibt es wirklich und auf ihr mußten ca. 12.000 politische Gefangene arbeiten und mit bloßen Händen den Urwald zu Reisfeldern umwandeln.
Die Süddeutsche Zeitung schreibt über diesen Roman, dass man sich zwar eine Übersetzung gewünscht hätte, die “von manch poetischem Überschwang befreit” sei, das Buch sei jedoch “spannend und mitreißend”.

Leila S. Chudori: “Pulang”

pulangGenauso wie Laksmi Pamuntjak, setzt sich Leila S. Chudori mit der blutigen Vergangenheit Indonesiens auseinander. In ihrem Roman “Pulang”(indonesisch für “Heimat”) geht es um einen Mann, der sich 1965 in Paris (und somit im Exil) befand und daher nicht nach Indonesien zurückkehren konnte. Er leidet sehr unter diesem Verlust seiner Heimat. Seine Tochter reist 1998 mit einer Freundin nach Indonesien und gerät in Studentenunruhen, die zum Ende der Herrschaft von Suharto führen.

Hier geht es zur ausführlichen Besprechung der Klappentexterin.
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Andrea Hirata: “Die Regenbogentruppe”

HirataDieses Buch ist 2005 bei Hanser erschienen und war ein Bestseller. Seit Kurzem gibt es “Die Regenbogentruppe” auch als Taschenbuch. Der 38 Jahre alte Schriftsteller erzählt hier von seiner Kindheit, die er in einer paradiesischen Umgebung verbringen durfte – einer verschlafene Inseln mit Palmen und Stränden. Allerdings war das Dorf, aus dem er stammte arm und es gab nur zehn Schüler auf der Insel, die in einer Klasse unterrichtet wurden. Hirata erzählt davon, wie aus diesen zehn Schülern eine Gemeinschaft wird.

Die ZEIT lobt diesen Kindheitsbericht und schreibt, dass er zwar ein Rührstück sei, aber “kein billiges”, was auch an der guten Übersetzung liege. Eine ausführliche Besprechung von der “Regenbogentruppe” gibt es bei buchpost.

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Mittlerweile liegt übrigens auch Band zwei vor: “Der Träumer”.

Ob sich der Auftritt Indonesiens bei der Frankfurter Buchmesse “lohnen” wird, bleibt abzuwarten. Portugal (1997) und Brasilien (2013) waren sehr erfolgreich, denn durch den Auftritt als Gastland wurde die Literatur beider Länder angekurbelt und Brasilien hat damals enorm profitiert, da vor der Buchmesse eigentlich fast nur Coelho übersetzt worden war. Das hat sich jetzt geändert, denn in den Jahren zwischen 2011 und 2013 hat sich die Anzahl der ins Deutsche übertragenen Bücher verdoppelt. Allerdings ist Portugiesisch auch leichter zu übersetzen als Indonesisch.  Aber: Wäre Indonesien nicht Gastland, hätte ich mich allerdings niemals über indonesische Literatur informiert. Von daher kann ich sagen, dass sich für mich Indonesien als Gastland also schon gelohnt hat.
 

4 thoughts on “Frankfurter Buchmesse 2015: Gastland Indonesien
anna

Vielen Dank für die Verlinkung. Und weiterhin viel Freude beim Lesen. Anna

Friederike

Gerne! Und: Danke Dir auch!

Masuko13

Eine schöne Übersicht, danke dafür!
Mich hat das „Zigarettenmädchen“ aus dem Verlag „CulturBooks“ sehr verzaubert! Es ist weder zu „poetisch“ noch „rühselig“, sondern einfach richtig gut.

Friederike

Oh, prima – Danke für den Tipp!

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