Katie Kitamura: “Trennung”

Katie Kitamura: “Trennung”

Diesen Roman habe ich auf eine Empfehlung hin gelesen und ich bin dieser Person sehr zu Dank verpflichtet.
Dieses Kleinod wäre mir sonst durch die Lappen gegangen.


Sie haben sich schon vor einem halben Jahr getrennt, doch niemanden davon in Kenntnis gesetzt. Christopher wollte es so.
Daher fühlt sich die Protagonistin des Romans sehr überrumpelt, als sie einen Anruf von Christophers Mutter Isabella bekommt, die wissen möchte wo ihr Sohn ist. Sie habe lange nichts mehr von ihm gehört und ihr letzter Stand sei, dass das Ehepaar gemeinsam nach Griechenland fahren wollte – und beide eigentlich noch dort sein müssten. Was definitiv nicht der Wahrheit entspricht.
Christopher und seine Frau haben seit Monaten nicht mehr miteinander gesprochen. Warum erzählt er seiner Mutter solche einen Blödsinn?

Doch Isabella kommt überhaupt nicht auf die Idee, es seltsam zu finden, dass ihre Schwiegertochter noch in London weilt und nicht in Griechenland bei Christopher ist.
Sie mache sich Sorgen um ihren Sohn und verlangt von ihrer Schwiegertochter, nach Griechenland zu fahren, um ihn zu suchen.

Vor ein paar Monaten hätte die Protagonistin bei dieser Aufforderung noch ein Triumphgefühl verspürt. Dass sich Isabella ausgerechnet an sie wendet und auf ihre Art um Hilfe bittet, ist schon außergewöhnlich. Denn das Verhältnis der beiden ist nicht gerade das Beste.
Zu dieser Tatsache hat auch beigetragen, dass Isabella sich nie gescheut hat zu erwähnen, dass ihre Schwiegertochter ihr selbst, ihrem Mann und ihrem Sohn immer fremd geblieben sei. Sie sei ja auch Ausländerin.  
Wenn Isabella wüßte, dass Christopher und seine Frau sich getrennt haben, wäre sie bestimmt erleichtert. Doch diesen Triumph möchte ihr die Protagonistin nicht gönnen. Noch nicht.

Isabella selbst ist der festen Überzeugung, dass das Verhältnis zwischen ihr und ihrem Sohn hervorragend ist. Doch das ist nicht der Fall. Die Hauptfigur des Buches weiß es besser.
Aber Isabella ist eine sehr dominante Frau, die keinen Widerspruch duldet. Wenn sie findet, dass sie sich mit ihrem Sohn gut versteht, dann ist dies so. Punkt.
Als sie ihrer Schwiegertochter, ja man kann es gar nicht anders sagen, befiehlt nach Griechenland zu fahren, wagt diese nicht nein zu sagen. Allerdings hat sie auch eines im Hinterkopf: Sie wird Christopher ein letztes Mal treffen und ihn endlich um die Scheidung bitten.
So fährt sie nach Griechenland in Christophers Hotel, wo sie ihn allerdings nicht antrifft und einfach auf ihn zu warten beschließt.

Mehr möchte ich an dieser Stelle zum Handlungsverlauf nicht sagen und ich finde es etwas schade, dass der Klappentext mehr verrät. Vielleicht dachte man ja, dass das Buch nicht so interessant klinge, wenn man diese eine Sache nicht erwähne, doch ich finde, dass es das nicht gebraucht hätte. Schon alleine die ersten Sätze dieses Buches sprechen für sich.
Katie Kitamura wirft den Leser direkt ins Geschehen, sie macht keine Umschweife, kein langes Hinführen an die Situation. Sie ist einfach da, sie ist präzise, pointiert und schon nach einer Seite hat mich ihre klare Prosa bereits eingesogen.

Stetige schwingt im Text eine gewisse Melancholie mit, eine entschiedene Trostlosigkeit, die von der von Feuern gebeutelten Landschaft Griechenlands noch untermauert wird.
Das Hotel selbst ist verlassen, die Saison ist vorbei und so gibt es keinerlei Ablenkung für die Protagonistin, die sich in Gedanken intensiv mit dem Hotelpersonal befasst. Es gibt ja auch sonst nichts zu tun.
Ihre besondere Aufmerksamkeit gilt der jungen Frau an der Rezeption, die versteinert und ablehnende Gesichtszüge an den Tag legt, als sie hört, dass der Gast vor ihr Christophers Ehefrau ist.

Ja, Christopher war nicht treu und hat schon immer alles und jeden mit seinem Charme eingewickelt. Kein Wunder, dass ihm die Rezeptionistin verfallen ist. Vielleicht ist sie sogar mit ihm ins Bett gestiegen.
Seine Ehefrau kennt ihn allerdings besser und weiß dass Christophers Charme das Ergebnis harter Arbeit ist. Dass er bestimmte Gesten, die ihn besonders charmant wirken lassen, vor dem Spiegel eingeübt und perfektioniert hat. Nichts hat er dem Zufall überlassen.

Christopher schreibt gerade an seinem zweiten Buch. Sein Erstes war zwar nicht besonders gut recherchiert, doch Christopher hat einen mitreißenden Schreibstil, durch welchen das Werk sogar auf der Bestseller-Liste gelandet ist. Wenn auch nur für kurze Zeit.
Das Thema des neuen Buches ist “Trauer”, wobei sich die Protagonistin fragt, wie jemand, der noch nie Trauer empfunden hat, über ein solches Thema schreiben kann.
Christopher jedenfalls spricht sehr gerne über sein neues Werk und seine Frau hat die Vermutung, dass ihm dies viel mehr Spaß macht, als das eigentliche Schreiben.
Dass es ihm darum geht, im Mittelpunkt zu stehen und zu erzählen und nicht darum ein fertiges Werk präsentieren zu können.
Feinen Beobachtungen wie diese sind es, die Kitamuras Stil auszeichnen und so besonders machen.

“Trennung” ist ein stilles Buch voller Atmosphäre, das mich sehr bewegt und beeindruckt hat.  Ich hoffe, dass noch weitere Werke Kitamuras übersetzt werden und danke der Person, die mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat.

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ISBN: 978-3-446-25445-9
Verlag: Hanser
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Kathrin Razum
Seiten: 256
Preis: 22,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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