Vendela Vida: “Des Tauchers leere Kleider”

Vendela Vida: “Des Tauchers leere Kleider”

Vor ein paar Jahren habe ich den Vendela Vidas Roman “Weil ich zu spät kam” (inzwischen nur noch als e-book lieferbar) gelesen und weiß noch, dass ich ihrem Tonfall gleich nach ein paar Seiten vollkommen verfallen war.
Daher habe ich mich sehr gefreut, als ich entdeckte, dass es ein neues Buch von ihr gibt und nach drei gelesenen Seiten war mir klar: Sie schafft es wieder. Ihr Tonfall ist magisch, ich will mehr davon.

In “Des Tauchers leere Kleider” geht es um eine 33jährige Frau aus Florida, die im Flugzeug nach Marokko, genauer gesagt, nach Casablanca, sitzt, in ihrem Reiseführer blättert und auf folgenden Satz stößt: “Das Erste, was man bei der Ankunft in Casablanca tun sollte, ist, Casablanca zu verlassen.” Sie ärgert sich etwas, denn sie hat bereits drei Hotelübernachtungen im Voraus bezahlt. Daran läßt sich jedoch nun nichts mehr ändern.
Dass sie sich diesen Satz besser zu Herzen genommen hätte zeigt sich, als ihr gleich bei der Ankunft im Hotel (das vom Komfort her nicht gehalten hatte, was online gezeigt worden war) der Rucksack mit all ihren Papieren und ihrem Geld gestohlen wird. Eine Katastrophe.

Im Hotel ist man bemüht ihr zu helfen und ruft sogar den Polizeichef – allerdings fragt sie niemand nach dem Inhalt des Rucksacks. Die Tatsache, dass er schwarz ist, scheint zu genügen. Ihren Namen möchte auch niemand wissen.
Es folgt eine Odyssee durch Casablanca, zur amerikanischen Botschaft und zu diversen Polizeirevieren. Im ersten waren die Akten in Schuhkartons archiviert und das zweite sollte wohl neben einem großen Supermarkt sein, diesen zu finden stellt sich allerdings als schwierig heraus, zumal der Taxifahrer sich eher durch Geduld, als durch Ortskenntnis auszeichnet.

Zu ihrem großen Erstaunen kommt die Nachricht, dass man den Rucksack gefunden habe. Offenkundig ist der Polizeipräsident sehr stolz darauf. Jedoch stellt sich heraus, dass der Rucksack samt Pass und Kreditkarten einer anderen Amerikanerin gehört. Doch am Händedruck des Polizeipräsidenten merkt die Protagonistin schnell: Das hat ihr Rucksack zu sein. Und so nimmt die ihn an und damit eine neue Identität.

Das Erste, was mir beim Lesen in den Sinn gekommen ist, war: Dieses Buch liest sich so, als ob Paul Auster eine etwas verrücktere Version von  “Eat Pray Love” (Elizabeth Gilbert) geschrieben hätte.
Das liegt unter anderem daran, dass Vendela Vida (die übrigens mit dem Schriftsteller Dave Eggers verheiratet ist) die gleiche Erzählperspektive benutzt, wie Paul Auster in seinem Roman “Winterjournal”: Das “Du”, was eher ungewöhnlich ist.
Doch genau diese gewählte Form macht “Des Tauchers leere Kleider” so besonders. Es entfaltete sich beim Lesen ein unglaublicher Sog, der mich durch den Text getrieben hat. Gleichzeitig wurde ich von einer leichten Melancholie erfasst und ich erinnere mich, dass es mir bei Vendela Vidas anderem Roman genauso ging.
Während jedoch “Weil ich zu spät kam” im kalten Lappland spielt, ist “Des Tauchers leere Kleider” im heißen Marokko, in dem niemand zu wissen scheint, wie man irgendwohin kommt, angesiedelt. In beiden Romanen jedoch geht es um Frauen, die mit der Vergangenheit hadern und diese am liebsten abstreifen würden.

In “Weil ich zu spät kam” gibt es den Satz: „Wenn ich Leute sagen höre, man könne nicht von vorn anfangen, man könne der Vergangenheit nicht entfliehen, weiß ich doch: Man kann. Man muss.“
Genauso geht es der Protagonistin in Marokko. Sie hat sich in der Vergangenheit zu etwas entschieden, was ihr Ehemann nicht gutheißen konnte. Die Scheidung steht an, was unter anderem auch an ihrer Unentschlossenheit gelegen haben mag, da sie nie wusste, was sie mit ihrem Leben anfangen sollte.
Aber der Auslöser war die Vereinbarung, die sie mit ihrer Zwillingsschwester getroffen hatte, eine Vereinbarung von der sie glaubte, dass diese die Leere in ihr füllen und die “Traurigkeit des Unnützseins” abstellen könnte.

“Des Tauchers leere Kleider” ist ein einerseits ein wunderbarer Roman über das Reisen und andererseits ein Buch über die eigene Identität und über den Versuch sowohl dieser, als auch der eigenen Vergangenheit zu entfliehen. Ein Buch über den Wunsch noch einmal neu anzufangen, über das Abenteuer und die Macht des Zufalls.
Ich hätte mir sehr gewünscht, dass es noch 100 Seiten mehr gehabt hätte.

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Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturen.


ISBN: 978-3-351-03629-4
Verlag: Aufbau
Erscheinungsjahr: 2016
Preis: 19,95 €


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3 thoughts on “Vendela Vida: “Des Tauchers leere Kleider”
Astrid

Liebe Frederike,
das hört sich ja toll an. Der Klappentext hatte mich so gar nicht angesprochen. Dann kommt es wohl doch auf meine imaginäre Wunschliste.
LG Astrid

    Friederike

    Liebe Astrid,

    ich denke, dass ich bei dem Plot auch nicht unbedingt zugegriffen hätte, hätte dieses Buch nicht Vendela Vida geschrieben – bei ihr wird der Plot eigentlich zur Nebensache.
    Ich wünsche Dir viel Spaß beim Lesen,

    viele Grüße,
    Friederike

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