Anke Stelling: “Fürsorge”

Anke Stelling: “Fürsorge”

Anke Stellings Roman “Bodentiefe Fenster” hat mich sehr begeistert. Daher habe ich mich sehr gefreut, als ich unter den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs einen neuen Roman von ihr entdeckte – zu Recht.

Viele Frauen sind auf Nadja neidisch. Auf ihre langen wunderschönen Haare und vor allem auf ihre hinreißend jugendliche Figur. Doch diese Figur hat ihren Preis, denn Nadja war in früheren Jahren Berufstänzerin und immer auf Diät. Essen hat für sie allerdings nach wie vor nichts mit Genuss zu tun, es geht nur darum, dem Arbeitsinstrument Körper Energie zuzuführen, damit er funktioniert, oder wie Anke Stelling es ausdrückt: “Nadja isst, wie andere Menschen ein Auto betanken: […] Es ist mühsam, es macht Dreck, es kostet Geld, aber es muß sein.”

Das jahrelange harte Training hat inzwischen seinen Tribut gefordert: Nadjas Hüfte schmerzt und eigentlich sollte sie für längere Wege einen Gehstock benutzen, doch das kommt natürlich für sie nicht in Frage.
Doch nicht nur das Training ist schuld an Nadjas körperlicher Verfassung, sondern auch die vielen Tabletten und Abführmittel, die sie im Laufe ihres Lebens geschluckt hat und auch weiterhin einnimmt. Ihr Körper hat sich so sehr daran gewöhnt, dass ihre Verdauung ohne diese Mittel gar nicht mehr funktioniert.
Aus Krankheitsgründen musste Nadja schließlich ihre Karriere beenden und unterrichtet nun dreimal die Woche an einer Ballettakademie.
Dort ist sie gefürchtet, zumal sie sehr streng ist und zum Beispiel eine Schülerin einfach durch eine Prüfung fallen läßt, weil sie findet, dass sich die jungen Leute ans Scheitern gewöhnen sollen. Die Ansprüche, die Nadja an sich hat, hat sie auch an andere. Das ist nur konsequent.

Das alles wird von einer Erzählerin kommentiert, die nicht allwissend ist und das macht dieses Buch unglaublich interessant. Sie selbst sagt, sie sei neidisch auf Nadja, aber nicht eifersüchtig und betont dies auch, als sich herausstellt, dass ihr Mann mit Nadjas Freund befreundet ist. Was dieser nie erwähnt hatte. Nur, weshalb? Warum hat er das nie erzählt, das fragt sich unsere Erzählerin, die übrigens gerade schwanger ist, dann doch.

Des Weiteren läßt sie uns zum Beispiel auch wissen, dass sie findet, dass das Kinderkriegen die einzige Möglichkeit für eine Frau in der heutigen Zeit sei, sich komplett gehen zu lassen.
Kein Wunder, dass Nadja also kein Kind habe. Aber falsch gedacht – doch dazu später.

Die Erzählerin selbst ist eine typische Stelling-Figur. Eine Frau Mitte, Ende dreißig, die alles hat, jedoch an sich und an ihrem Lebensumfeld und dessen unausgesprochenen Ansprüchen zweifelt. Eine Frau, die vielleicht gerne aus dieser Welt ausbrechen würde, wie Stellings Protagonistin in “Bodentiefe Fenster”. Sie mag  zum Beispiel die blauen Flecken an den Oberschenkeln nicht, die vom ständigen Tragen des Kinderwagens verursacht werden. Wenn sie Nadja wäre, hätte sie diese nicht, ihre Oberschenkel wären schlank und wohlgeformt und es gäbe keinen Kinderwagen. Aber das wäre ja gegen die ungeschriebenen Regeln, denn alle Bekannten in ihrem Alter sind schwanger, oder haben ein Kind. Das gehört sich eben so.
Nur Nadja hält sich nicht an diese Regeln und auch die Meinung anderer scheint sie überhaupt nicht zu interessieren.
Ich denke, dass unsere Erzählerin Nadja um diese Einstellung beneidet. Natürlich möchte sie niemals so abgestumpft und desinteressiert wirken, wie Nadja, aber das Leben wäre doch viel einfacher, wenn ihr manche ungeschriebenen Regeln einfach egal wären.

Deshalb schwingt auch ein leicht freudiger Ton bei der Erzählerin mit, wenn sie von Nadjas Gleichgültigkeit erzählt. Denn Nadja scheint wirklich keine Gefühle zu haben und völlig abgestumpft zu sein.
Nichts und niemand interessiert sie. Auch nicht ihr eigenes Kind.
Ja, richtig gehört: Nadja hat einen Sohn, der bei seiner Großmutter aufgewachsen ist und für den sie sich bisher nie interessiert hat.
Das ändert sich, als Nadja ihre Mutter besucht und die familiären Grenzen sprengt: Aus der nicht vorhandenen Mutter-Sohn Beziehung wird körperliche Obsession.

Im Spiegel wurde Anke Stellings Roman “Fürsorge” mit Elfriede Jelineks “Die Klavierspielerin” verglichen. Das stimmt, dieser Vergleich bietet sich wirklich an wobei Jelinek meines Erachtens nach, eine drastischere Sprache spricht.
Auch Jelineks Protagonistin ist Künstlerin und emotional verarmt. Nur die Karriere ist ihr, beziehungsweise ihrer Mutter, bei der sie noch immer wohnt, wichtig.
In beiden Fällen entlädt sich diese innere Kargheit, diese lebenslange Unterdrückung von Emotionen in sexuell unkonventionellen bzw. abartigem Verhalten. Bei Jelinek sind es die Peep-Shows und das Stalken korpulierender Pärchen im Park, bei Stelling ist es der Inzest.

Ich bin sehr froh, dass Anke Stelling die Figur der Erzählerin eingeführt hat, denn sonst wäre “Fürsorge” vielleicht zu einem kühlen voyeuristischen Bericht geworden. Doch genau das wird durch diesen Kunstgriff verhindert  und genau das macht dieses Buch nahbar und sehr stark.
Ich bin gespannt, ob wir diesen Roman auf der Longlist des deutschen Buchpreises 2017 antreffen werden. Meine Daumen sind jedenfalls gedrückt.

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ISBN: 9783957322326
Verlag: Verbrecher Verlag
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 19,00 €


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2 thoughts on “Anke Stelling: “Fürsorge”
Petra

Klingt sehr interessant. Die „Bodentiefen Fenster“ haben mir auch schon sehr gefallen.

    Friederike

    Liebe Petra,

    ja, das war richtig gut und Anke Stellings Kinderbuch „Erna“ hat mir ebenfalls sehr gut gefallen.
    Besprechung folgt :).

    Viele Grüße,
    Friederike

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