Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 9. Dezember 2016 – Ein Kommentar

Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 9. Dezember 2016 – Ein Kommentar

Aus zeitlichen Gründen konnte ich erst heute die Aufnahme der aktuellen Sendung des Literarischen Quartetts ansehen und war überrascht, wie harmonisch und unaufgeregt diese abgelaufen ist.

Keiner wurde niedergemacht – und das Frau Westermanns Bücher generell vom Rest des Quartetts nicht gut aufgenommen und so gut wie immer kritisiert werden, ist ja auch nichts Neues. Dieses Mal hat sie es mit einem Sachbuch versucht, aber ich glaube, sie kann einfach machen, was sie will, es wird den beiden Herren nie gefallen.
So ist das eben. Einfach abhaken.

Besonders gefallen haben mir an der Sendung die Weihnachtsbuchtipp der vier Protagonisten, aber dazu später.
Mit meiner Einschätzung, wer welches Buch vorstellen würde, lag ich dieses Mal sogar in zwei Fällen richtig, allerdings ist Maxim Billers Wahl immer überraschend und wie Christine Westermann treffend formulierte schlichtweg unberechenbar.

John Fante: “1933 war ein schlimmes Jahr”

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Zu meiner Überraschung stellt Maxim Biller diesen Titel vor, der für ihn das beste Buch des Jahres ist und ihn mit seiner ernsthaften Leichtigkeit überzeugt hat. Fante erzähle hier die Geschichte eines Außenseiters, der es zu schaffen versucht.
Eine spannende, aufregende, ja gar shakespearsche Geschichte eines Schriftstellers, den das auszeichnet, was geniale und große Autoren ausmacht: Das unambitionierte Schreiben.

“Trivial, rührselig und zu leicht”, so vermutet Christine Westermann, hätte Maxim Billers Kommentar gelautet, wäre sie es gewesen, die dieses Buch ausgesucht hätte. Sie war sehr überrascht, als sie erfuhr, dass Maxim Biller Fante für das Quartett gewählt habe, hatte sie sich das doch selbst überlegt und dann entschieden, “1933 war ein schlimmes Jahr” doch lieber im Radio vorzustellen.

Die Sache ist, dass ich mir vorstellen könnte, dass es genauso gekommen wäre, wäre Fante ihre Wahl gewesen. Aber das habe ich ja schon zu Beginn vermerkt.
Einen Kritikpunkt hat Christine Westermann jedoch: Sie finde sehr schade, dass der Autor das Buch nicht zu Ende geschrieben habe, zumal man ja nicht wisse, ob der Junge im Buch nun eine Baseballkarriere machen werde, oder nicht. Dem widerspricht Volker Weidermann vehement, zumal wir ja wissen, dass der Held es nicht schaffen werde. Hätte Fante die Geschichte zu Ende erzählt, so wäre sie kitschig geworden. So sei dies nicht der Fall.

Hier stimme ich mit Volker Weidermann überein, denn auch ich denke oft, dass es bei so manchem Buch besser gewesen wäre, wäre der Schluß offen geblieben. Oft bin ich vom Ende enttäuscht, vor allem wenn es ein Happy End ist. Das liegt mir nicht.

Der Autor Tim Parks, dessen Lesung ich im Rahmen des Literaturfestivals “Zürich liest” beiwohnen durfte, schreibt in seinem Buch “Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen”, dass es manchmal auch bei Büchern, die uns gefallen besser wäre, diese nicht zu Ende zu lesen. Eben weil wir dann das Buch an sich im Gedächtnis behalten und nicht hinzufügen müssen, dass der Schluß nicht gut sei. Das hinterlasse einen fahlen Beigeschmack, der die Lektüre trübe, die uns doch eigentlich so gut gefallen habe.
Eine spannende These und nachdem ich viel darüber nachgedacht habe, bin ich geneigt Tim Parks zuzustimmen. Aber ich schweife ab.

Axel Hacke jedenfalls erinnert John Fantes Roman an Woody Allens Filme, da auch diese gleichzeitig komisch und melancholisch seien.
Biller hält eben dies für eine literarische Meisterleistung, zumal der Held ein Scheusal sei, der seinen besten Freund verrät und seinen Vater bestiehlt, und wir dennoch mit ihm mitfühlen. Ja, wir lieben ihn sogar und dies sei wahrhaftig groß.
Man lese hier eine traurige Geschichte und sei danach glücklich – welcher Autor schaffe das schon?

Ich bin gespannt, wie sich diese durchweg positive Reaktion der Kritiker auf den Verkauf dieses Buches auswirken wird. Denken wir nur an “Auerhaus” von Bov Bjerg, ein Buch, das es durch die Besprechung im Quartett auf die Bestsellerliste geschafft hat, weil eben alle vier Kritiker begeistert waren.
Vielleicht klappt dies ja wieder, schön wäre es ja und “1933 war ein schlimmes Jahr” ist, wie ich finde, ein sehr reizvolles Buch. Wir werden sehen.

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» zur Besprechung bei Bookster HRO, der sehr angetan von John Fantes Roman ist

Christoph Ransmayr: “Cox oder Der Lauf der Zeit”

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Axel Hacke stellt dieses Buch vor, in dem es um einen Uhrmacher am Hofe des Kaisers von China geht, der dazu aufgefordert wird Uhren herzustellen, die nicht die Zeit, sondern das Zeitgefühl anzeigen.
Als alter Karl May-Leser war Axel Hacke von der Lektüre von Anfang an begeistert, zumal chinesischen Wertpapierhändlern die Nasen abgehackt werden. Besonders beeindruckt habe ihn aber natürlich Ransmayrs Sprache, was sogleich von Biller aufgegriffen wird, denn er meint, dass eben diese ein “viel zu süßer Kuchen” sei.
Es sei die Sprache eines alten Mannes, der eben nicht verstanden habe, dass man so einen historischen Stoff mit moderner Sprache erzählen müsse. Die Geschichte an sich sei toll, nur eben die Art und Weise des Erzählens nicht.

Weidermann meint, dass Ransmayr einfach drei Schubladen zu hoch greife und eigentlich einen Künstlerromen, einen Faustusroman geschrieben habe.
Weidermann selbst dachte während des Lesens oft, wie fantastisch dieses Buch sei, müsse aber gestehen, dass er sich, sobald er es zur Seite gelegt habe, die Frage stellte, was er da eigentlich gelesen habe.

Christine Westermann fand dieses Buch sehr mühsam. Es sei ein Roman für Jungs, viel Technik, viel Abenteuer. Ein Roman, der eine ganze Adjektivarmada beherberge, was sie als zu gewollt empfinde und sich darüber sehr geärgert hat.
Maxim Biller fügt hinzu, dass es der Roman eines alten Schriftstellers sei, der eben noch ein Buch habe schreiben müssen. “Cox” sei jetzt schon ein vergessenes Buch, bei welchem Inhalt und Ästhetik einfach nicht zusammen passen.

Das ist schon ein hartes Urteil, jedoch habe ich mich etwas umgehört und festgestellt, dass viele Leser mit diesem Buch tendenziell unzufrieden waren. Die Sprache wird immer hoch gelobt, jedoch der nicht wirklich interessante Inhalt, bzw. die zu gewollte Herumophilosophiererei bemängelt.
Um mitreden zu können müsste ich das Buch lesen, doch ganz ehrlich: Mir fehlt da die Lust. Es gibt spannendere Titel, finde ich zumindest.

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Constanze von Zeichen und Zeiten war übrigens sehr von „Cox“ begeistert.

Lew Tolstoi: “Auferstehung”

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Wie zu erwarten war, ist es Volker Weidermann, der dieses Buch ausgesucht hat und damit seinen literarischen Anspruch hervorhebt.
Es geht hier um einen Gutsbesitzer, der ein Dienstmädchen vergewaltigt hat. Sie wird schwanger und ist fortan gezwungen, ihr Leben als Prostituierte zu fristen.
Der Zufall will es, dass sich die beiden bei Gericht wieder sehen, zumal sie angeklagt wird, einen Freier umgebracht zu haben. Im Gerichtssaal erkennt der Gutsbesitzer schließlich, dass er am verfehlten Leben des ehemaligen Dienstmädchens schuld ist, will alles wieder gut machen und sie heiraten. Schließlich folgt er ihr sogar nach Sibirien.

Weidermann bezeichnet dieses Buch als Gesellschaftspanorama eines größenwahnsinnigen Mannes, Biller hält dagegen und bezeichnet “Auferstehung” als “präsozialistische Seifenoper”. Von der Dramaturgie her sei dieser Roman vollkommen langweilig. Es gäbe die Guten und die Bösen. Keinerlei Graustufen. Keiner der Charaktere befinde sich in einem Konflikt und in diesen ganzen 700 Seiten gäbe es insgesamt nur drei spannende Seiten.
Des Weiteren habe er sich die Frage gestellt, weshalb es Weidermann gefallen habe und könnte sich vorstellen, dass es daran liege, dass wir uns heute in düsteren Zeiten befinden und man für das Gute kämpfen müsse.

Weidermann meint, dass Billers Analyse nicht zutreffe, zumal der Protagonist zunächst nicht zwischen Gut und Böse unterscheiden könne, das doch im Laufe des Romans lerne.
Biller fasst zusammen, dass der Protagonist es zunächst hasse privilegiert zu sein, sich dann zum Dreckschwein entwickle um schließlich erleuchtet zu werden. Des Weiteren meint er, dass Volker Weidermann diesen Stoff bestimmt besser bearbeitet hätte, als Tolstoi.
Die letzten fünf Seiten seien übrigens sehr schwierig einzuordnen. Hacke und Weidermann stimmen ihm da vollkommen zu.

Christine Westermann meint, dass sie zunächst ehrfürchtig auf dieses Buch geblickt habe, um sich dann zu fühlen, als lese sie eine Schullektüre. “Auferstehung” habe sie fürchterlich gelangweilt, woraufhin Biller meint, dass dieses Buch genau aus diesem Grunde kein Klassiker geworden sei.

Ich persönlich muß auch sagen, dass ich dieses Werk jetzt nicht unbedingt lesen muß, möchte aber ein Buch hervorheben, auf das auch Volker Weidermann in seinen Ausführungen hingewiesen hat.
Es handelt sich um einen Roman, den Tolstois Ehefrau Sofia Tolstaja geschrieben hat und der den Titel “Eine Frage der Schuld” trägt. Hierbei handelt es sich um den Gegenroman zu Tolstois “Kreutzersonate”, in dem es darum geht, dass die Frauen an allem Schuld tragen.
Auch ohne Tolstois Roman gelesen zu haben ist Tolstajas “Eine Frage der Schuld” eine unglaubliche Bereicherung. Mich zumindest hat dieses Kleinod sehr beeindruckt.

P.S: Bei Manesse sind gibt es eine Ausgabe die beide Titel enthält.

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Joan Didion: “Sentimentale Reisen”

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Christine Westermann hat diesen Essayband ausgesucht und erzählt, dass sie diesen zu lesen begonnen habe, als klar war, dass Donald Trump zum Präsidenten Amerikas werden würde. Sie sei verblüfft gewesen über die Aktualität der einzelnen Texte, obwohl deren Entstehungsdatum ja 20 bzw. 25 Jahre zurückliege.
Didion werfe einen klugen Blick auf Amerika, sie sei fasziniert.

Dass jetzt gekontert wird, war ja klar. Maxim Biller legt damit los, dass die Sprache eine Katastrophe sei. Weidermann sagt, er habe auch viel gelitten und wenn er etwas über unsere Zeit erfahren wolle, so lese er doch keine alten Reportagen!
Auch Hacke sagt, dass das Lesen dieser Texte einem doch nichts bringe. Außerdem seien die Texte in Teilen schlichtweg unlesbar, zumal sie mit tausend Klammern aufwarten würden und Sätzen, die so lange seien, dass man am Ende nicht mehr wisse, um was es eigentlich gegangen sei.

Westermann versucht noch einmal die kleinen Geschichten hervorzuheben, wird jedoch sofort damit abgebügelt, dass diese kleinen, erfundene Anekdoten um Ronald Reagan ja ganz nett seien, einem aber nichts bringen.
Biller findet Didion verlogen, zumal sie in ihrem teuren Loft säße und erzähle, wie hart die Großstadt doch sei, ohne aus eigener Erfahrung sprechen zu können.

Ich muß gestehen, dass auch ich mich gefragt habe, weshalb man alte Reportagen lesen soll und weshalb Christine Westermann ausgerechnet dieses Buch für das Quartett ausgesucht hat. Es war doch eigentlich klar, dass das ein Griff ins Klo wird.
Ich kann die Wahl schon nachvollziehen, sie wollte wahrscheinlich keinen “Westermann-typischen” Roman besprechen, der bei den Männern durchfällt und hat daher einmal zu etwas Sachlichen gegriffen.
Aber wie sie es macht, es scheint immer verkehrt zu sein. Und ich habe ja bereits erwähnt, dass ich vermute, hätte sie anstatt Biller “1933 war ein schlimmes Jahr” ausgewählt, es wäre zerrissen worden.

Ich habe mir gerade ihre ausgewählten Titel der letzten Sendungen angeschaut und festgestellt, dass fast alle Titel stark kritisiert worden sind. “Das Zimmer” von Jonas Karlsson fiel bei den anderen durch, genauso wie André Kubiczeks “Skizze eines Sommers”, ein Buch das für den Deutschen Buchpreis nominiert gewesen ist.
John Irvings Roman “Straße der Wunder” fand sie selbst nicht gut und stellte ihn trotzdem vor und auch Antonia Baums “Tony Soprano stirbt nicht” kam nicht gut weg.
Lediglich Volker Weidermann beurteilte drei der von Christine Westermann ausgesuchten Titel wohlwollend: Zeruya Shalevs “Schmerz” , Elizabeth Strouts “Die Unvollkommenheit der Liebe” und Peter Gardos “Fieber am Morgen”. Tja, so ist das eben.

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Mir stellt sich jetzt die Frage, ob sich das Literarische Quartett in diesem Jahr weiterentwickelt hat. Zu Beginn fand ich ja die Sendung schlichtweg fürchterlich. Alle haben sich gestritten, jeder wollte mehr Redezeit, alle fielen sich gegenseitig ins Wort.
Das hat sich geändert. Man ist gelassener geworden, was ich gut finde.

Nach wie vor ist es allerdings so, dass Christine Westermann einfach nicht ernst genommen wird und Volker Weidermann ständig versucht sich mit seinen Literaturkenntnissen zu profilieren, was ab und an schon bei der Wahl des von ihm besprochenen Titels beginnt (Tolstoi, Die Manns) und sich im Gespräch fortsetzt. Auch die leicht beleidigt anmutende Art konnte er in diesem Jahr leider nicht ablegen. Schade.

Wer mich im Laufe der Zeit jedoch überrascht hat, ist Maxim Biller, der sich meiner Ansicht nach stark gemäßigt hat. Knallte er den anderen in den ersten Sendungen noch seine Meinung hin und spielte das überkritische Ekel, so hat er sich in den letzten beiden Sendungen doch sehr zurückgehalten. Bei der aktuellen Sendung habe ich mich beim Zuschauen sogar regelrecht wohl gefühlt.
Das hat mich verblüfft und ich stelle fest: Man muß den Dingen eine Chance zur Entwicklung geben und vielleicht wird es 2017 ja noch besser.

Am 3.März werden wir es erfahren.

 

Zum Schluß haben die vier Kritiker noch Weihnachtstipps für uns:

Ror Wolf: “Die plötzlich hereinkriechende Kälte im Dezember”

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Ein Tipp von Axel Hacke für alle, die gerne etwas lesen würden, was sie noch nicht kennen, denn Ror Wolf stelle hier Sprachgebilde auf schwankenden Grund.

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René Goscinny & Jean-Jacques Sempé: “Das große Buch vom kleinen Nick”

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Ich freue mich so, dass Volker Weidermann dieses Buch vorstellt, denn auch ich liebe den kleinen Nick so sehr. Ich lese die Geschichten immer wieder und muß, obwohl ich schon weiß, was passieren wird, so lachen.
Herrlich!

» zu meiner Besprechung von „Der kleine Nick“

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Dirk Stermann: “Der Junge bekommt das Gute zuletzt”

junge

Christine Westermann Lesetipp, in dem es um einen Jungen geht, dessen Eltern zunächst ihre beiden Kinder und dann die Wohnung unter sich aufteilen. Als der Vater sich neu verliebt, wird alles nur noch schlimmer.

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Max Küng: “Wenn Du Dein Haus verläßt, beginnt das Unglück”

kueng

In Zürich bekommen fünf Mietparteien gleichzeitig die Kündigung und stehen quasi auf der Straße. Ein Buch das wunderbar unterhält und zeige, dass das Leben ein ständiger Blues sei.

Perfekt für alle Leser von John Fante, Jonathan Franzen und David Sedaris, so Maxim Biller.
Wunderbar, da freue ich mich drauf, denn dieses Buch liegt schon hier parat.

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One thought on “Das Literarische Quartett: Die Sendung vom 9. Dezember 2016 – Ein Kommentar
Thomas

Ich war diese Mal auch sehr überrascht von der harmonischen Stimmung, vielleicht sind die Kritiker doch noch lernfähig 😉 Und sowohl Weidermann als auch Biller loben den kleinen Nick – herrlich!
Was mich an den literarischen Fernsehsendungen in den letzten Wochen genervt hat: Überall wird Ransmayr und sein Roman Cox besprochen (Druckfrisch, Quartett, srf-Literaturclub, 3satBuchzeit). Das zeigt zwar, dass die Presseabteilung bei Fischer scheinbar gute Arbeit macht, für den Zuschauer ist das aber sehr ermüdend und bei der wenigen Sendezeit, die LIteratur im Fernsehen bekommt hätten es auch sicherlich andere Titel verdient besprochen zu werden. Zumndest bei einer der Sendungen hätte ich mir eine Meinung zum neuen Safran Foer erwartet.
Liebe Grüße
Thomas

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