Erin Kelly: „Vier. Zwei. Eins.“

Erin Kelly: „Vier. Zwei. Eins.“

Manchmal brauche ich Krimis zum Runterlesen. Wie diesen hier.

Laura und Kit besuchen 1999 ein Festival, um eine Sonnenfinsternis zu beobachten – und um sich mit dem Verkauf von Getränken etwas Geld zu verdienen. Zumindest war das der Plan.
Doch leider ist das Festival nicht sonderlich gut besucht, die Einnahmen lassen zu wünschen übrig.

Als es dunkel ist, entdeckt Laura eine Geldbörse im Gras, folgt der Spur der verlorengegangenen Münzen und wird Zeugin einer Vergewaltigung.
Zumindest ist sie fest davon überzeugt, dass es eine Vergewaltigung war. Jamie hingegen sagt, dass zwischen ihm und Beth alles einvernehmlich geschehen sei. Er und auch Beth seien lediglich über Lauras Auftauchen überrascht gewesen.

Schließlich kommt es zum Prozess, in welchem Laura einen Meineid begeht, um Jamies Verurteilung zu erreichen. Aber hat sie damit richtig gehandelt, oder ist Jamie nicht vielleicht doch vollkommen unschuldig…?
Beth schweigt nämlich nach wie vor beharrlich..

Was diesen Spannungsroman interessant macht, sind die Zeitebenen, zwischen welchen die Autorin hin und her springt. Zum einen ist das das Jahr 2015.
Laura und Kit sind seit Jahren untergetaucht und leben unter falschem Namen an einem geheimen Ort. Sie stehen in keinem Telefonbuch und auch auf Social Media sind sie nicht zu finden. Denn Laura lebt in ständiger Angst, dass sie eines Tages vor der Tür steht.
Beth, die ihr das Leben zur Hölle gemacht hat.

Kit hat ein besonderes Hobby und früher war sein Leben auch vollkommen nach diesem ausgerichtet: Der Jagd nach Sonnenfinsternissen. Er wußte schon Jahre im Voraus, wann er welcher Sonnenfinsternis auf der Welt aufsuchen würde.
Doch nach dem Prozess hat er das schweren Herzens aufgegeben, zumal Beth von seiner Leidenschaft weiß und ihn abpassen könnte. Da aber nun schon einige Jahre vergangen sind, hat er mit Lauras Einverständnis eine Reise gebucht. Zu einer totalen Sonnenfinsternis auf den Faröer Inseln – mit einer Rentnergruppe. Hier wird er bestimmt nicht auf Beth treffen. Die Passagierliste hat er gecheckt.
Wenn er da nicht was übersehen hat…

Die zweite Ebene ist das Jahr 2000, in dem wir dem Prozess beiwohnen, in welchem Jamie angeklagt wird. Dieser bestreitet alles und man weiß wirklich nicht, wem man glauben soll, zumal die Anwälte ihr Bestes geben. Zumindest Jamies Anwälte, denn seine Familie ist wohlhabend und kann sich gute Verteidiger leisten.
Laura, die einzige Zeugin, weiß dies und sieht keine andere Möglichkeit, als der Wahrheit etwas nachzuhelfen, damit Jamie verurteilt werden kann.
Die Konsequenz fortan mit einer Lüge leben zu müssen, nimmt sie in Kauf – und erzählt nicht einmal Kit etwas davon. Und das ist auch das eigentliche Thema dieses Romans: Das Leben mit einer Lüge.

Was damals wirklich geschehen ist, erfahren wir in einer dritten Zeitebene, dem Festival im Jahr 1999.
Doch was bedeutet wirklich? Welche Wahrheit ist wahrer: Lauras, Beths, Jamies, oder Kits? Das ist hier die große Frage.

Erin Kelly verknüpft diese Perspektiven geschickt und wartete mit Enthüllungen auf, mit denen ich nicht gerechnet habe. Ebenfalls sehr gelungen finde ich die Art und Weise, wie sie uns den Prozess miterleben lässt und zeigt, was Anwälte mit einer guten Strategie erreichen können – und was nicht.

Allerdings habe ich in letzter Zeit einen Roman gelesen, in welchem ebenfalls ein Fall vor Gericht verhandelt wird, der wesentlich tiefer und detaillierter ausgearbeitet ist.
Malin Persson Giolitos Werk “Im Traum kannst du nicht lügen”, das mit dem Titel „Bester Kriminalroman Schwedens“ ausgezeichnet worden ist.

Im Vergleich dazu ist “Vier. Zwei. Eins.” oberflächlicher und auch sprachlich kommt Erin Kellys Krimi an “Im Traum kannst Du nicht lügen” nicht heran, aber darum geht es bei “Vier. Zwei. Eins.” auch gar nicht.
Hier geht es darum, dem Leser ein paar spannende Tage zu bereiten und die Möglichkeit, gedanklich abzutauchen. Es ist kein Krimi, der mir ewig in Erinnerung bleiben wird, aber prima für Zwischendurch.

Ich jedenfalls habe bei der Lektüre wunderbar abschalten können und bin am Ende überrascht worden.
Und das ist doch Ziel eines Krimis, oder?

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ISBN:  978-3-651-02571-4
Verlag: Scherz
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: Susanne Goga-Klinkenberg
Seiten: 480
Preis: 14,99 €


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