Evelyn Waugh: „Tod in Hollywood“

Evelyn Waugh: „Tod in Hollywood“

Evelyn Waugh widmet sich in diesem Buch einer ungewöhnlichen Berufsgruppe: Den Bestattern.

Entstanden ist “Tod in Hollywood” auf folgende Weise: Ein Produzent hatte Evelyn Waugh, nebst Gattin, nach dem Krieg nach Hollywood eingeladen, denn er beabsichtigte “Wiedersehen mit Brideshead” zu verfilmen, was Evelyn Waugh überhaupt nicht wollte – doch diese Einladung bot eine wunderbare Abwechslung zu all den Entbehrungen in England.

Von Los Angeles war Evelyn allerdings überhaupt nicht angetan, er empfand es als undefinierbar häßlich und warf den Amerikanern einen unglaublichen Schlendrian vor, besonders jenen, die in den Filmstudios arbeiteten. Die Freude an dieser Reise wäre vollkommen verdorben gewesen, wenn ihn nicht ein Freund auf einen sehr besonderen Friedhof hingewiesen hätte, der absolut herrlich gewesen sein muß.
Fortan lies Evelyn seinen Chauffeur nicht auf direktem Wege vom Hotel zum Filmstudio fahren, sondern lotste seinen Fahrer zu besagtem Friedhof, auf welchem er sehr schöne Stunden verbrachte und sich derweil über das Bestattungsgewerbe informierte.
Diese Erfahrungen verpacke er in “Tod in Hollywood” und seit der Veröffentlichung erhielt er immer wieder Briefe von Menschen, die ihm ihre kuriosen Erfahrungen mit besagtem Gewerbe schildern wollten, was Evelyn zum Ausspruch folgender Äußerung anhielt: “Hiermit möchte ich allen künftigen Lesern versichern, dass ich von diesem Thema keineswegs besessen bin; es hat mich für die Dauer eines kurzen amerikanischen Exils getröstet, aber jetzt brauche ich keine weiteren Belege”

In “Tod in Hollywood” geht es um den jungen britischen Dichter Dennis Barlowe, der in Hollywood lebt und arbeitet. Allerdings weniger als Schriftsteller und Poet, sondern mehr im jenseitigen Bereich. Er ist Bestatter in den “Ewigen Jagdgründen”, dem hiesigen Tierfriedhof.
Auch hier wird ein umfangreicher Service geboten, von der Taube, die während des Einfahrens des toten Geschöpfes in den Ofen über dem Gebäude gen Himmel auffsteigt “als Symbol für die Seele des Dahingeschiedenen” bis hin zur Erinnerungskarte (ohne Aufpreis) zu jedem Todestag mit dem Text (je nach Tierart variabel): “Ihr kleiner Arthur denkt jetzt im Himmel an Sie und wedelt mit dem Schwanz”.
Dennis Barlowe ist glücklich mit seiner Aufgabe, zumal ihm die Filmstudios mit ihrer nervösen Hektik vollkommen sinnlos erschienen, ein weiterer Grund für die Flucht aus dem glamourösen Hollywood. Er erfreut sich so zum Beispiel an einer Beisetzung eines “[…]Kanarienvogels über dessen Grab ein Schwadron Marinehornisten den Zapfenstreich bliesen.”
Was ihn allerdings etwas eifersüchtig macht, ist die Tatsache, dass es in Hollywood ein wesentlich erfolgreicheres Bestattungsinstitut (eher eine Institution) gibt: Die “Elysischen Gefilde”, einen bombastischen Friedhof für alle Lebenslagen, auf welchem nicht Tiere, sondern Menschen ihre ewige Ruhe finden. Allerdings hatte Dennis Barlowe bisher noch keine Gelegenheit selbiges Institut in Augenschein zu nehmen, was sehr bedauerlich ist, denn von der Konkurrenz kann man ja schließlich viel lernen.

Sir Francis, ebenfalls ein Brite mit welchem Dennis unter einem Dach lebt, arbeitet in der “Maschinerie Hollywood”. Derzeit, und wenn wir genauer hinschauen, eigentlich nicht nur derzeit, sondern seit geraumer Zeit, arbeitet er am Image eines Neulings in Hollywood: Juanita soll dem Markt angepasst werden und er soll sich ihre Biografie erarbeiten, oder ausdenken, je nachdem. Bislang war sie schon alles mögliche: Spanierin (mit zurechtgeschnitzer Nase), Flüchtlingsmädchen und jetzt soll vielleicht eine Irin aus ihr werden.
Sir Francis arbeitet momentan von zu Hause aus und hat eine Sekretärin, doch eines Tages bleibt diese aus und bei einem Besuch im Studio wird im klar: Er ist gefeuert worden. Nach Jahrelanger Dienstzeit, was ihn dazu bringt, sich das Leben zu nehmen.
Für Dennis Barlowe ist das ein Glücksfall, denn nun kann er Sir Francis bestatten lassen und zwar nirgendwo anders als in den “Elysischen Gefilden”….

Seit ich “Eine Handvoll Staub” gelesen habe, bin ich ein großer Verehrer von Evelyn Waughs Schreibkunst. Einmal besticht er durch deinen brillanten britischen Humor, zum anderen ist er sehr satirisch, was er in “Tod in Hollywood” beweist.
Waugh war in den USA alles andere als glücklich und verachtet die Amerikaner und ihre Gepflogenheiten, besonders was die Kommunikation betraf, was im Roman unter anderem so einfließen läßt: “Gemäß den ortsüblichen Gepflogenheiten hatte Sir Ambrose überhaupt nicht zugehört.”.
Die Unterschiede von Briten und Amerikanern im Verhalten und in der Sprache hat Evelyn Waugh brillant herausgearbeitet und dass er im Bestattermilieu ausreichend recherchiert hat, merkt man sogleich. Er hat sich wohl richtig “reingegraben” und man merkt ihm an, dass es ihm wirklich Spaß gemacht haben muß.
Dies zeigt sich zum Beispiel an seinen detaillierten Kenntnissen im Fachbereich “Herrichten von Verstorbenen”, die weit über den Satz: “Diesen Ersoffenen”, sagte die Bestattungsbetreuerin […] “haben sie hergerichtet, dass er aussah wie an seinem ersten Hochzeitstag. Die Jungs da oben verstehen ihr Handwerk. Die machen ihn auch noch vorzeigbar, wenn er auf einer Atombombe gesessen hat.” hinausgehen.
(Übrigens, die Figur der Leichenkosmetikerin und ihres hochverehrten Chefs Mr. Joyboy sind zu köstlich.)

Natürlich ist das Ganze hochsatirisch und zynisch, aber mir liegt diese Art des Schreibens  sehr. Wer allerdings im Bezug auf dieses Thema empfindlich reagiert, dem rate ich nur unter starkem Vorbehalt zu diesem Buch und würde eher Evelyn Waughs “Scoop” empfehlen, eine irrsinnig komische Journalistensatire und vollkommen unverfänglich.
Wer bei diesem Thema keinerlei Berührungsängste verspürt, dem würden bei der Nicht-Lektüre dieses Werkes so wunderbare Dialoge zwischen der Leichenkosmetikerin und Dennis Barlowe entgehen wie:

“War er [Sir Francis] ein fröhlicher alter Herr?”
“Nein, eher im Gegenteil”
“Soll ich gelassen-philosophisch oder kritisch-entschlossen eintragen?”
“Ich denke Ersteres”
[…]
“Und die Gesichtsfarbe? Wir unterscheiden gewöhnlich ländlich, sportlich und gebildet – das heißt rot, braun, oder weiß. Gebildet? Und Brille? Ein Monokel. Das ist immer kompliziert. Mr. Joyboy gibt dem Kopf immer eine leichte Neigung damit es natürlicher wirkt. Und sobald das Fleisch erstarrt ist, halten Kneifer und Monokel nicht mehr so gut. Außerdem wirkt das Monokel weniger natürlich, wenn das Auge geschlossen ist.
Wollen Sie es unbedingt haben?”

Ich finde “Tod in Hollywood” einfach großartig und werde damit fortfahren, mich durch Evelyn Waughs Werk zu lesen.

» Zur Leseprobe


ISBN: 978-3-257-60703-1
Verlag: Diogenes
Preis: 20,00 €


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: