Graham Swift: “Ein Festtag”

Graham Swift: “Ein Festtag”

Immer wieder bin ich auf der Suche nach neuen zeitgenössischen Romanen, die klassisch geschrieben sind. Bei Graham Swift bin ich fündig geworden und darüber hocherfreut.
“Ein Festtag” zählt definitiv zu meinen Lesehighlights des Jahres.

Paul Sheringham wird Emma Hobday in zwei Wochen heiraten, das steht fest. Die Familien der beiden haben beschlossen, auf die kommenden Feierlichkeiten bei einem Ausflug nach Henley anzustoßen und dabei den Ablauf des freudigen Ereignisses zu besprechen.
Die Wahl des Ausflugstages war nicht schwierig, zumal es einen Tag im März des Jahres 1924 gibt, an welchem die Herrschaften ohne Personal sind. Es handelt sich dabei um den Muttertag, an welchem alle Dienstboten frei haben, um den Tag bei ihrer Mutter verbringen zu können.

Jane ist Dienstmädchen bei Mr. und Mrs. Niven und als Waisenkind aufgewachsen. Zwar hat sie keine Mutter, die sie an jenem Tag besuchen könnte, dennoch wird ihr ein freier Tag gewährt und sie gedenkt diesen mit einem Buch im Garten zu verbringen. Das sagt sie zumindest Mr. Niven, der sie in jeglicher Weise beim Erforschen der Literatur fördert, zumal es ungewöhnlich ist, dass ein Dienstmädchen sich für Romane interessiert.

Jedoch hat Jane gar nicht vor, zu lesen, denn sie wird ihn ein letztes Mal treffen, den Bräutigam Paul Sheringham.  Seit Jahren haben die beiden ein sexuelles Verhältnis, doch bisher haben sie sich immer an abgelegenen Plätzen getroffen, niemals waren sie alleine in Upleigh House, dem Wohnsitz der Sheringhams. Das wird sich nun ändern, denn Paul hat Jane an den Haupteingang beordert, der für Dienstboten eigentlich tabu ist.

Graham Swifts Hauptfigur Jane weiß jedenfalls genau, wo ihr Platz in dieser Welt ist, doch leistet sie es sich, an diesem Mittag eine Spur zu hinterlassen, die nur von der Hausangestellten bemerkt werden wird, die die Bettlaken in Upleigh wechselt.
Sie markiert sozusagen ihr Revier, wie ein Tier und zeigt dadurch, dass der werdende Ehemann nicht so treu ist, wie es den Anschein hat. Für ihn wird dies jedoch keine Konsequenzen haben, denn die Aufgabe der Hausangestellten besteht darin, diesen Flecken zu entfernen und dessen Existenz zu verschweigen.

Bemerkenswert ist Swifts Art und Weise die damaligen Gepflogenheiten und das Innenleben seiner Protagonistin zu beschreiben.  Zum Beispiel, wie Jane sich fragt, woher Paul und sein Stand diese Selbstsicherheit nehmen. Ist diese Haltung ein Geburtsrecht, muß Paul sie vielleicht besitzen, weil er sonst nichts zu tun hat?
Jane hat eine Bestimmung, das Dienen und Aufräumen und das Untertänigsein. Ist es seine Bestimmung selbstsicher zu sein und in Momenten, wie diesen den Fleck auf dem Laken einfach zu übersehen und sich keine Gedanken zu machen, sondern sich einfach zeremoniell anzukleiden, obwohl er sich eigentlich beeilen müsste?

Wie sich dieser eigentlich frivole Mittag gestaltet, das erzählt und Graham Swift in einer Sprache, die ihresgleichen sucht. Ich hatte das Gefühl ein Werk zu lesen, das Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst wurde. Swift erzeugt mit seinen Worten eine Stimmung, die fein distanziert und intensiv zugleich ist und überrascht mit seinem feinen Sinn für Details.
Der Tag im Hause Upleigh wird für die Beteiligten jedenfalls anders enden, als vermutet und auch das beherrscht Swift: Die Kunst, den Leser zu überraschen.
Ich bin schlichtweg begeistert.

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ISBN: 978-3-423-28110-2
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung:  Susanne Höbel
Originaltitel:  Mothering Sunday
Preis: 18,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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