Hilary Mantel: “Jeder Tag ist Muttertag”

Hilary Mantel: “Jeder Tag ist Muttertag”

Hilary Mantel ist, neben J .M.Coetzee und Peter Cary, die erste Autorin, die den wichtigsten britischen Literaturpreis, den Booker-Prize, gleich zwei Mal bekommen hat. Das erste Mal erhielt sie ihn für ihren historischen Roman “Wölfe”, das zweite Mal für den Nachfolgeband “Falken”.
Nun ist eines ihrer Frühwerke auf Deutsch erschienen. “Jeder Tag ist Muttertag” wurde im Englischen bereits 1985 veröffentlicht und hat mich jetzt vollkommen begeistert.

Eine der Hauptfiguren ist Mrs. Axon, die zusammen mit ihrer erwachsenen Tochter Muriel in einem heruntergekommenen Haus wohnt. Das Wort “wohnen” kann man eigentlich auch getrost durch “verbarrikadieren” ersetzen, denn Mrs. Axon ist sehr bedacht darauf, dass niemand ihre Wohnung betritt. Ihr Gatte ist nach einem Schlaganfall gestorben und seither kümmert sie sich alleine um Muriel, die geistig behindert ist und von Mrs. Axon dann und wann einfach eingesperrt wird.

Als wäre dies nicht abnormal genug, kommt es auch vor, dass Mrs. Axon bestimmt Räume ihres eigenen Hauses nicht aufsuchen darf: Sie ist seit einiger Zeit davon überzeugt, dass ihr Haus von Geistern heimgesucht wird, die es ihr und Muriel verbieten, zum Beispiel in die Küche zu gehen, was die Nahrungmittelaufnahme von Zeit zu Zeit erschwert.
So ganz normal sind die Bewohner dieses Hauses jedenfalls nicht und es ist daher überhaupt nicht verwunderlich, dass Mrs. Axon in früheren Zeiten auch Seancen zur Kontaktaufnahme mit Verstorbenen angeboten hat. Inzwischen hat sie diese Tätigkeit jedoch eingestellt. 

Als sich das Sozialamt meldet, verweigert Mrs Axon den Zutritt zum Haus. Doch gegen die Auflage, dass Muriel einmal die Woche zur Tagesbetreuung die Räumlichkeiten des Sozialamtes aufsuchen muß, kann Mrs. Axon nichts machen.
Dann passiert eines Tages etwas Unvorhergesehenes: Muriel ist schwanger. Das kann nur in den Stunden während der Tagesbetreuung passiert sein, davon ist Mrs. Axon überzeugt. Muriels Zustand gilt es nun zu verheimlichen und die einzige Möglichkeit dies zu gewährleisten ist, Muriel das Verlassen des Hauses komplett zu verbieten.
Die Situation der Axons wird immer komplizierter und ganz langsam drängt sich einem die Frage ist, ob Muriel wirklich geistig zurückgeblieben ist, oder dies am Ende vielleicht sogar nur vortäuscht, um ihrer Mutter das Leben schwer zu machen.

Doch dies ist nur ein Teil der Geschichte, denn des Weiteren spielen die hartnäckige Sozialarbeiterin Isabel und ihr unselbständiger Lover Colin, der vor seiner dominanten Gattin flieht, indem er ständig sinnfreie Abendkurse belegt, eine wichtige Rolle.

Das Besondere am Personal dieses Buches ist, dass keine einzige Person Sympathien weckt. Nicht einmal mit der geistig zurückgebliebenen Tochter empfand ich Mitleid, denn Hilary Mantel legt sie tumb und lethargisch an.
Mrs. Axon ist sie nur eine ungeliebte Last: “Die ersten Jahre wurden darauf verwandt, Muriel sauber zu halten und sich mit ihrer Existenz abzufinden.”
Dies ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie bitterböse dieses Buch ist. Keiner wird hier geschont. Alleine die Art und Weise, wie der mausgraue Feigling Colin und seine Ehefrau Sylvia, die sich übrigens “ordentlich in die Toilette” übergibt, dargestellt werden, ist ganz große Kunst.

Hilary Mantel, hat die Gabe Szenen und Menschen fein zu beobachten und direkt zu entlarven. Sie durchschaut sie alle und läßt uns direkt daran teilhaben. Da lacht das böse Leserherz, bzw. bleibt einem das Lachen im Halse stecken, wie zum Beispiel, als Mrs. Axon ihrem Mann sagt, dass sie mit Muriel schwanger sei: “Er war nicht erfreut, sagte aber, zweifellos könne ein Kind dazu erzogen werden, nicht zu große Unannehmlichkeiten zu machen. Schließlich hatte er sich auch nie vorstellen können einen Hund zu besitzen und der Airdale war äußerst folgsam.” Dann jedoch zerbiss der Hund nach Muriels Geburt den Teppich und wurde sogleich abgeschafft. Leider konnte man mit dem Kind so nicht verfahren.

Wenn man einmal all die Ironie und die sarkastischen Züge beiseite legt, dann bleibt ein sehr tragisches Werk übrig. Eine gestörte Frau mit einer traurigen Vergangenheit, die ihre schwangere Tochter einsperrt, eine überforderte Sozialarbeiterin, ein Waschlappen von einem Mann und sensationsgierige Nachbarn.
Hilary Mantel hat selbst als Sozialarbeiterin gearbeitet und weiß, wovon sie spricht. Solche Fälle wie den der Axons gibt es wirklich.
Das muß man sich immer vor Augen halten.

Nichtsdestotrotz mußte ich während der Lektüre so oft lachen. So gibt es eine Szene, in welcher Colin und Sylvia eine Party besuchen, die einfach nicht zu toppen ist. Eine solche Ansammlung von skurrilen und fiesen Typen habe ich in der Literatur nur selten angetroffen.
Alleine dafür hätten Hilary Mantel und ihr genialer Übersetzer Werner Löcher-Lawrence meiner Meinung nach einen weiteren Booker-Prize verdient.

Wie es mit dem Personal des Buches weiter geht, dürfen wir übrigens im August erfahren, dann nämlich erscheint der Folgeband, der den Titel “Im Vollbesitz des eigenen Wahns” trägt.
Ich freue mich sehr darauf.

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ISBN: 978-3-8321-6410-2
Verlag: Dumont
Übersetzung: Werner Löcher-Lawrence
Erscheinungsjahr: 2017
Preis: 11,00 €

Die gebundene Ausgabe dieses Titels ist 2016 ebenfalls bei Dumont erschienen.


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7 thoughts on “Hilary Mantel: “Jeder Tag ist Muttertag”
Karin

Danke für die Rezi. Ich sollte das Buch morgen bekommen. Bin gespannt.

Friederike

Dann wünsche ich Dir viel Vergnügen!

Silvia

Das hört sich wirklich sehr vielversprechend an! Danke für den Tipp.

Friederike

Immer gerne, ich bin wirklich hin und weg!

Maxi

Das Buch muss ich mir sofort bestellen. Danke für die Empfehlung

    Friederike

    Liebe Maxi,

    ich bin gespannt, was Du dazu sagen wirst :).

    Viele Grüße,
    Friederike

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