Hilary Mantel: “Im Vollbesitz des eigenen Wahns”

Hilary Mantel: “Im Vollbesitz des eigenen Wahns”

Bei mir ist es eher selten der Fall, dass ich den zweiten Teil einer Reihe lese, da ich oft denke, dass ich in dieser Zeit andere Bücher bzw. Autoren entdecken kann.

Als ich jedoch “Jeder Tag ist Muttertag” von Hilary Mantel las und erfuhr, dass es einen zweiten Band geben wird, war mir klar, dass ich um diese Lektüre nicht herumkommen würde. Denn Hilary Mantel schreibt so schön fies, gemein, very british und humorvoll, dass ich nicht genug davon kriegen kann.

In “Jeder Tag ist Muttertag” geht es um Mrs. Axon, die sich mit ihrer anscheinend geistig behinderten Tochter Muriel in ihrem Haus verbarrikadiert hat. Sie verwehrt allen den Zugang, doch eine Sozialarbeiterin bleibt hartnäckig. Die Situation spitzt sich allerdings zu, als Muriel plötzlich schwanger ist…
» zu meiner Besprechung
(die ohne Spoiler auskommt – für die nachfolgenden Zeilen gilt übrigens das Gleiche)

Die Handlung von “Im Vollbesitz des eigenen Wahns” setzt zehn Jahre nach “Jeder Tag ist Muttertag” ein.
Im Mittelpunkt steht Muriel, die zugegebenermaßen sehr speziell, aber nicht dumm ist und sich als Meisterin der Täuschung erweist.
Sie will Rache üben an allen Menschen, mit denen sie in der Vergangenheit zu tun hatte und die nicht zur Besserung ihres Schicksals beigetragen haben. Davon gibt es so einige und wenn Muriel eins kann, dann ist es sich auf perfide Art und Weise zu rächen.

Wir treffen sie übrigens alle wieder: Colin, den Schlappschwanz (der nichts auf die Reihe bringt und seiner Affäre mit Sozialarbeiterin Isabel hinterhertrauert) und seine Frau Sylvia, die etwas stark auseinandergegangen ist und keinen Job hat.
Die Ehe steht nicht zum Besten, aber was will man machen, denn “Nach zwanzig Jahren kann man keine Leidenschaft mehr erwarten. Da reicht es, mehr oder weniger gut miteinander umzugehen.”

Inzwischen sind drei Kinder vorhanden: Alistair, der sowieso macht, was er will, Suzanne, die dabei ist, ihr Studium hinzuschmeißen und die kleine Claire, die gerade auf dem Pfadfindertrip ist und sich verpflichtet hat 50 Tassen Tee auszuschenken. Die Milch die sie hineinkippt ist übrigens sauer und darauf aufmerksam gemacht meint Claire entrüstet: “Du sollst den Tee bewerten, nicht die Milch!”
Wo sie Recht hat, hat sie Recht.

Jedenfalls benötigt Sylvia für den Haushalt dringend eine Putzfrau. Auf ihre Anzeige hin meldet sich allerdings nur eine einzige Person: Lizzie Blank.
“Der Anblick von Lizzie Blank musste alle Frauen trösten, die sich davor fürchteten, ihr gutes Aussehen zu verlieren. Bizarr war der einzig treffende Ausdruck für sie. […]Ihr Kloßkörper besaß keinerlei Taille und wurde von pflockförmigen Beinen getragen. […] Die violetten Lippen standen in keinem Verhältnis zu Lizzies tatsächlichem Mund, die fettig glänzende Farbe reichte weit über den Rand hinaus […].”

Da haben wir doch alle gleich ein Bild im Kopf und das ist etwas, was Hilary Mantel kann, wie keine Zweite. Sie denkt sich obskure und skurrile Figuren aus und pflanzt diese mit sofortiger Wirkung in den Kopf des Lesers ein. Ich hatte Lizzie Blank direkt vor mir und wer sollte denn hinter dieser Maskerade anderes stecken, als die uns bekannte Muriel auf ihrem Rachefeldzug.

Dieser nimmt recht drastische, fiese Ausmaße an und macht einen Heidenspaß.
Ich hatte eine unglaubliche Freude an Hilary Mantels Figuren, an ihrem zugegeben sehr speziellen Humor und vor allem an ihrer Sprache. Da ist kein Wort zu viel, jeder Satz ist messerscharf formuliert und es wird keine Figur verschont. Alle müssen leiden unter Mantels wunderbar fiesen Ideen.  

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Kann man den zweiten Band lesen, ohne den ersten Band zu kennen? Nun ja: Bedingt. Es werden zwar viele Zusammenhänge erklärt, doch ich denke, dass man so viel verpasst, wenn man “Jeder Tag ist Muttertag” nicht gelesen hat und einem der Großteil des Spaßes entgeht.
Außerdem ist die Wiedersehensfreude mit Colin, Sylvia und Muriel in “Im Vollbesitz des eigenen Wahns” noch viel größer wenn man schon in etwa weiß, wie die Figuren ticken und welche Macken sie haben – und Macken haben sie reichlich.

In diesem Sinne wünsche ich viel Vergnügen.

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ISBN: 978-3-8321-9832-9
Verlag: Dumont
Erscheinungsjahr: 2016
Übersetzung:  Werner Löcher-Lawrence
Preis: 23,00 €


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3 thoughts on “Hilary Mantel: “Im Vollbesitz des eigenen Wahns”
Vanessa M.

Hallo Friederike,

zu genau diesem Buch habe ich heute gegriffen, nachdem ich meine aktuelle Lektüre beendet hatte 😀 Ich bin schon ganz gespannt auf das Wiedersehen mit Muriel, deshalb habe ich heute deine Bewertung nur überflogen und werde sie nochmal lesen, wenn ich selber mit dem Buch durch bin 😉
Auf jeden Fall bin ich aber froh, dass ich „Jeder Tag ist Muttertag“ erst kürzlich gelesen habe und somit noch alle Ereignisse im Hinterkopf habe.
Hab noch einen schönen Sonntag!
Liebe Grüße, Vanessa

    Friederike

    Ciao Vanessa,

    Du kannst die Besprechung ruhigen Gewissens lesen, ich verrate nicht mehr, als der Klappentext :).
    Ich fand auch diesen Band wieder einfach großartig und wünsche Dir viel Spaß beim Lesen.

    Einen schönen (Lese-) Sonntag wünscht Dir
    Friederike

Martina

Ich liebe Hilary Mantel. Danke für den Tipp und auch Deine Zusatzempfehlungen. Die schaue ich mir gerne auch einmal an, Edward St Aubyn ist bis jetzt vollkommen an mir vorbeigegangen 😮

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