Joachim Meyerhoff: “Die Zweisamkeit der Einzelgänger”

Joachim Meyerhoff: “Die Zweisamkeit der Einzelgänger”

Auf dieses Buch habe ich mich gefreut, seit ich es in der Verlagsvorschau entdeckt habe, denn ein Roman von Joachim Meyerhoff ist für mich immer ein Ereignis.
Er kann es einfach!

Joachim hat sein Schauspielstudium beendet und arbeitet inzwischen am Theater in Bielefeld. Er ist selbst noch immer darüber verwundert, dass er sich für diesen Beruf entschieden hat und daher treffen ihn die Worte einer Zuschauerin auf einer Premierenfeier sehr hart.
Hierbei muss man allerdings wissen, dass es sich bei eben jener um eine extrem kritische, intellektuelle und anspruchsvolle Zuschauerin handelt. Um Hanna. Aber wie sie heißt, das weiß Joachim zu diesem Zeitpunkt noch nicht und wird es auch erst viel später erfahren.

Jedenfalls hält sie mit ihrer Meinung nicht hinterm Berg und sagt ihm direkt, wie schlecht sie die Schauspieler fand. Auf die Frage, ob er denn auch nicht gut gewesen sei, sagt sie “Du warst der Schlimmste von allen. In deiner zu engen schwarzen Lederhose. Mit freiem Oberkörper. Tickst Du noch ganz richtig?”.
Dass er sich mit freiem Oberkörper verbeugte, obwohl sein letzter Auftritt eine Stunde vor Stückende stattgefunden habe, findet sie unglaublich eitel und bescheuert. Außerdem hätten die Leute gelacht, als er auf der Bühne gestorben sei. Hat er das etwa nicht mitbekommen?

Dann beginnt sie selbst eine Art Inszenierung. Sie spricht mit sich, als ob zwei Stimmen in ihr wohnen und meint zu ihrem zweiten Ich: “Egal, du musst jetzt irgendwas machen, sonst rennt er dir weg!”.
So ist Hanna und dass eine Beziehung zu ihr nicht einfach werden wird, ist von Anfang an klar. Aber Joachim hat sich schon in sie verliebt.

Als er jedoch nach Dortmund ans Theater wechselt und Hanna weiterhin in Bielefeld bleibt, lernt er die Tänzerin Franka kennen, die so ganz anders ist, als seine Freundin.
Mit ihr tanzt er die Nächte durch, denkt nicht an heute und an morgen und schon bald sind die beiden zusammen.
Für Joachim ergänzen sich die beiden Frauen perfekt und so pendelt er zwischen Dortmund und Bielefeld hin und her. Zwischen Hanna und Franka.
Kann das gutgehen?

Ich weiß noch, dass ich mich mehr oder weniger geweigert habe Joachim Meyerhoffs “Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war” zu lesen.
Ich dachte, dass dieses Buch sowieso in den Medien und auf der Bestsellerliste ist und dass es mich in meiner Funktion als Buchhändlerin nicht braucht. Es verkaufte sich ja quasi von alleine.
Dann meinte meine Mutter, dass es so toll sei und dass ich es jetzt unbedingt lesen soll. Woraufhin ich dachte, naja, dann liest Du jetzt eben mal rein.
Nach zwei Seiten war mir klar, dass dieser autobiographische Roman ein Hit ist.
Seitdem bin ich ein Meyerhoff-Fan.

“Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke” habe ich ebenfalls mit großem Vergnügen gelesen und weshalb ich noch immer nicht zu “Alle Toten fliegen hoch – Amerika” gegriffen habe, ist mir selbst ein Rätsel.

In “Die Zweisamkeit der Einzelgänger” erzählt Joachim Meyerhoff aber nicht nur von Hanna und Franka. (Wobei die Figur der Hanna einfach großartig gelungen ist. Ob es ein reales Vorbild für sie gibt, das sei einmal so dahingestellt, denn Meyerhoff selbst bezeichnet seine Romane als Mischung von Wirklichkeit und Fiktion.)
Nein, er erzählt uns auch viele Begebenheiten und Anekdoten aus seiner Kindheit und das ist es, was Joachim Meyerhoffs Romane so besonders werden läßt.

Wie er zum Beispiel als er in den Ferien nicht wegfahren durfte, da seine Schulnoten zu wünschen übrig ließen. Um ihn zu trösten veranlasste der Vater, der Leiter einer Kinder- und Jugendpsychiatrie war, dass es in der Kantine eben jener Joachims Lieblingsessen zu Mittag gab und 300 Mitarbeiter, sowie 1500 Patienten die Leibspeisen des Jungen zu sich nehmen mussten.
Oder, was geschah, als sein Bruder Meerschweinchenforschungen im Keller anstellte und Meerschweinchen in unterschiedlichen Konstellationen paarte. Oder als seine Brüder zu ihm im Museum sagten: Wetten, dass Du Dich nicht traust, Dich in Napoleons Bett zu legen..? Oder, oder, oder… .

Für mich ist dieses Buch jedenfalls ein Jahreshighlight, obwohl es vielleicht nicht ganz so schmissig ist, wie die beiden Vorgänger.
Ich bedauere es jedenfalls sehr, dass es wohl kein fünftes Buch aus dieser Reihe geben wird. Zum Glück habe ich mir “Alle Toten fliegen hoch – Amerika” noch aufgehoben.

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ISBN: 978-3-462-04944-2
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
Erscheinungsjahr: 2017
Seiten: 416
Preis: 24,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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