Lawrence Osborne: “Denen man vergibt”

Lawrence Osborne: “Denen man vergibt”

Wäre dieses Buch nicht zur Besprechung für das Literarische Quartett ausgewählt worden, wäre ich wahrscheinlich nicht darauf aufmerksam geworden. Das wäre sehr schade gewesen.

David ist um die 50, Arzt und mit seiner zehn Jahre jüngeren Frau Jo auf dem Weg zu einer dreitägigen Party in Marokko. Was die beiden seit einer Weile kennzeichnet ist, dass sie sich fortwährend streiten, was auch daran liegt, dass David dem Alkohol sehr zugetan ist.
Auch jetzt vor der Autofahrt zum Zielort hat er sich einen genehmigt und heizt durch die Wüste, als vor ihm zwei Fossilienhändler auftauchen. David überfährt einen der jungen Männer und da weder er noch Jo wissen, wen sie anrufen sollen, nehmen sie den Toten mit zu ihrem Zielort.

Die beiden Gastgeber Dally und Richard sind darüber nicht gerade erfreut. Sie haben Angst, dass die Nachricht, dass sich ein Toter im Haus befindet, die Gäste beunruhigen und ihnen die Party, die sie schon seit Monaten vorbereiten, vermiesen könnte. Sie lagern die Leiche im klimatisiertesten Raum des Hauses.

Niemand weiß, wer der Tote ist, doch die bediensteten Marokkaner sehen ein Tattoo an seiner Hand.
Diese Information verbreitet sich bei den Anwohnern schnell und schon bald steht der Vater vor der Tür, der ebenfalls als Fossilienhändler (in der Region gibt es eigentlich auch gar keine anderen beruflichen Möglichkeiten) arbeitet und möchte den Sohn so schnell wie möglich mitnehmen, zumal er dem Gesetz nach so schnell wie möglich beerdigt werden muss.

David läßt sich beim Vater des Toten zunächst nicht blicken, da er der festen Überzeugung ist, er habe am Unfall keine Schuld. Doch der Vater des Jungen verlangt Geld und dass Davis als Verursacher des Todes an der Beerdigung in einem kleinen Ort in der Wüste teilnimmt.
Davon ist David alles andere als begeistert….

Das Erste, das mir in den Sinn kam, als ich las, um was es in diesem Buch geht, war die Ähnlichkeit mit dem Plot des Romans “Löwen wecken” von Ayelet Gundar-Goshen. Auch in diesem Buch überfährt der Protagonist einen Mann aus einer anderen Kultur und begeht Fahrerflucht.
Im direkten Vergleich muss ich allerdings sagen, dass mir die Lektüre von “Denen man vergibt” mehr Vergnügen bereitet hat. Es ist schärfer und die Charaktere, besonders der von sich selbst eingenommene Alkoholiker David, fieser. Das mag ich ja.

Die Situation ist natürlich auch sehr außergewöhnlich, denn dass die beiden Gastgeber, die übrigens homosexuell sind, unter den Augen der ausschließlich marokkanischen Bediensteten solch eine dekadente Party feiern, bei der der Alkohol in Strömen fließt und jeder mit jedem etwas anfängt und auch ohne Ende gekokst wird, das ist schon sehr extrem.
Natürlich freuen sich die Einheimischen über die Arbeitsplätze, die durch Dallys und Richards Anwesenheit geschaffen werden, doch stehen sie deren Verhalten mit Abscheu gegenüber, was nicht nur am hohen Alkoholkonsum liegt. Nein, es ist unter anderem die Faulheit der beiden, die ihnen aufstößt.

Hamid ist einer der Angestellten und beobachtet das Geschehen mit wachsamen Auge. Er weiß, wie unbeliebt seine beiden Chefs bei seinen Landsleuten sind und freut sich insgeheim, als er sieht, wie Dally und Richard mit der Situation überfordert sind.
Er lenkt heimlich das Geschehen, ist stets höflich und denkt sich seinen Teil. Beide Parteien, das Partyvolk und die Einheimischen, schätzen den jeweils anderen sehr gering, dürfen dies jedoch nie aussprechen, was die Situation sehr spannend macht.

Schärfer hätten die Gegensätze allerdings nicht sein können – da prallen wirklich zwei Welten aufeinander. Genau mit dieser Diskrepanz und den Vorurteilen spielt Lawrence Osborne und überzeichnet dabei auch sehr.  Ein leichter Hang zum Zynismus ist dem Autor nicht abzusprechen und die Situation an sich hat absurde Züge – aber das gehört hier dazu und macht für mich den besonderen Reiz des Buches aus.

Was mir an diesem Roman auch gut gefallen hat, ist die Art und Weise, wie Osborne den Leser die Atmosphäre des Landes erleben lässt – überall ist zum Beispiel Sand, in den Haaren, in der Kleidung, in den Nahrungsmitteln und das macht den Europäern sehr zu schaffen. Die Temperaturen tun das Ihrige dazu, um die Situation aufzuheizen.
Des Weiteren ist es die Schilderung der Situation der Einheimischen, die einen ins Grübeln bringt, da die meisten von ihnen schon von klein auf Fossilien aus dem Fels klopfen, die eigentlich niemand haben möchte. So kommt zur Trostlosigkeit der Wüste die Gewissheit hinzu, dass man dort eigentlich nur zwei Dinge hat, um seinem Lebensunterhalt zu verdienen: Steine und Steine klopfende Kinder.

Nun bin ich sehr gespannt darauf, was die Mitglieder des Literarischen Quartetts zu diesem Buch zu sagen haben.
Ich jedenfalls habe es in einem Rutsch gelesen und hoffe, dass auch weitere Romane von Lawrence Osborne übersetzt werden, denn „Denen man vergibt“ hat mich vor allem eins: Richtig gut unterhalten. 

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ISBN: 978-3-8031-3286-4
Verlag: Wagenbach
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Reiner Pfleiderer
Preis: 22,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)


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4 thoughts on “Lawrence Osborne: “Denen man vergibt”
Marina

Meine Meinung dazu kennst du ja schon, liebe Friederike, Mein Beitrag kommt Freitag. Es ist immer wieder spannend wie unterschiedlich die Leseerfahrungen sind. Ich fand „Löwen wecken“ viel besser …
Viele Grüße!

    Friederike

    Ich glaube, bei „Löwen wecken“, das mir ja gut gefallen hat, waren meine Erwartungen einfach extrem hoch, zumal mir viele Menschen so begeistert davon erzählt hatten. Im direkten Vergleich hat mich „Denen man vergibt“ einfach mehr mitgerissen.
    Ich bin gespannt auf Deinen Artikel!

    Viele Grüße,
    Friederie

    Friederike

    Ciao Marina,

    ich habe gerade gesehen, dass „Denen man vergibt“ im Literatur-Spiegel am kommenden Samstag besprochen werden wird.
    Daher gehe ich davon aus, dass dieser Tipp von Volker Weidermann stammt. Das hätte ich nicht gedacht.

    Viele Grüße,
    Friederike

      Marina

      Stimmt. Ist eher so ein Westermann-Titel.

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