Lydia Benecke: “Psychopathinnen – Die Psychologie des weiblichen Bösen”

Lydia Benecke: “Psychopathinnen – Die Psychologie des weiblichen Bösen”

Ich muss zugeben, dass ich Lydia Beneckes Bücher bisher vollkommen falsch eingeschätzt habe.
“Psychopathinnen” ist hochinteressant – und spannender, als jeder Krimi!
Lydia Benecke ist Kriminalpsychologin und war unter anderem als psychologische Beraterin bei Kriminalfällen tätig, bevor sie 2008 mit Gewalt- und Sexualstraftätern in einer sozialtherapeutischen Einrichtung zu arbeiten begann.
Mittlerweile hat sich Lydia Benecke als Kriminalpsychologin (u.a. mit den Schwerpunkten Persönlichkeitsstörungen, Psychopathie und Sekten) selbstständig gemacht.

Ihre Bücher sind regelmäßig auf der Bestsellerliste anzutreffen und ich dachte bisher,  dass es sich bei ihren Werken um reißerische Sensationsliteratur handelt, was vielleicht auch an den Covern liegen mag, die dezent beunruhigend anmuten.
Doch mitnichten!

Lydia Benecke lässt uns in “Psychopathinnen” an ihrem Wissen über verschiedene Persönlichkeitsstörungen teilhaben und erklärt kenntnisreich, weshalb die Frauen in den von ihr angeführten Fällen so und nicht anders gehandelt haben.
Des Weiteren geht die Autorin der spannenden Frage nach, inwieweit sich die Straftaten von Frauen von jenen, die von Männern begangen werden, unterscheiden.

Ein Fall, der uns geschildert wird, ist der Fall “Elizabeth Diane Downs”:
1955 bekommt die erst 17jährige (und bereits verheiratete) Willadene eine Tochter – Elizabeth Diane.
Der frisch gebackenen Mutter fällt es jedoch sehr schwer, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen, denn für sie ist klar, dass die Zufriedenheit ihres Mannes oberste Priorität besitzt. Trotzdem bleibt es nicht bei einem Kind.
Willadene bekommt noch drei Weitere und erzieht diese, wie sie es selbst von Zuhause gewohnt ist, konservativ und mit großer Strenge. Allerdings ist sie vollkommen überfordert und verlangt daher von ihrer ältesten Tochter, die anderen Kinder mitzuversorgen, was Diane zuwider ist.

Dem Vater der Familie, Wes, sind die Kinder inzwischen lästig und wenn sie weinen, schlägt er sie, bis sie aufhören. “So lernt Diane früh zu lächeln, egal wie es ihr wirklich geht.”  Den “Zusammenhang von erwünschtem und unerwünschtem Verhalten mit positiven oder negativen Konsequenzen zu verbinden”, lernt sie jedoch nicht. Denn egal wie sie sich verhält, sie wird immer bestraft.

Als Diane zwölf Jahre alt ist, beginnt ihr Vater netter zu ihr zu sein. Jedoch nur, wenn ihre Mutter nicht zugegen ist. “Doch es bleibt nicht bei väterlicher Nähe. Wes beginnt, seine Tochter in seine Vorstellungen von Sexualität einzuführen.”
Als der Missbrauch durch ein Ereignis endet, beendet Dianes Vater jegliche Art positiver Zuwendung. Die Folge ist, dass Diane in ihrem Leben fortan nur ein einziges Ziel hat: Sie möchte geliebt werden. Um jeden Preis.

Da sie von Männern immer wieder enttäuscht wird, kommt sie zu dem Schluss, dass es für sie nur einen einzigen Weg gibt, endlich wahre Liebe zu erfahren: Ein eigenes Kind zu bekommen und so die “perfekte Liebe” einfach selbst zu erschaffen.
Doch bald schon stellt sich heraus, dass Diane das Gefühl schwanger zu sein mehr liebt, als wirklich ein Kind zu haben. Das könnte damit zu tun haben, dass Diane mehr Aufmerksamkeit von anderen Menschen bekommt, wenn sie schwanger ist und in dieser Zeit “von ihren sexuellen und sozialen Verpflichtungen” befreit wird.

Hierfür gibt es eine Bezeichnung. Die “histrionische Persönlichkeitsstörung”, die mir bisher kein Begriff gewesen ist. “Ebenso, wie Narzissten sind auch Histrioniker übermäßig mit sich selbst, ihren Bedürfnissen, ihren Wünschen und Wahrnehmungen beschäftigt.[…] Während der Narzisst sich aber stets beweisen muss, dass er klüger, erfolgreicher und mächtiger als seine Mitmenschen ist, geht es dem Histrioniker hauptsächlich darum, stets im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen – und das in jeder Situation und um jeden Preis.”

Immer wieder werden die Fälle durch erklärende Einschübe unterbrochen. Diese zeigen, dass es Lydia Benecke nicht darum geht, den Leser mit grausamen Details zu ködern und seine Sensationsgier zu befriedigen, sondern darum, psychologische Aufklärungsarbeit zu leisten, dabei sehr sachlich zu bleiben und Wissen zu vermitteln. Dies gelingt ihr vollauf.

Als weiteres Beispiel sei an dieser Stelle die Thematik der “False Memory – Erinnerungen an Traumata, die es nie gab” genannt, als auch der Irrglauben, dass zum Beispiel durch Hypnose, längst verschüttete Erinnerungen zutage gefördert werden können.
Geschehen ist dies zum Beispiel bei Michelle, die sich an die Ereignisse in ihrer Kindheit in einer Satanistensekte erinnerte, die nachweislich nie stattgefunden haben. Dass sich Michelle an diese Ereignisse “erinnerte” ist wohl auf die Suggestivfragen des Therapeuten und auf die Dekoration des Therapieraumes zurückzuführen.
Betreffender Therapeut verließ übrigens seine Ehefrau, heiratete seine Patientin und galt noch lange Zeit als “Experte” für Satanistensekten. So viel dazu.

Einmal begonnen, konnte ich “Psychopathinnen” nicht mehr zur Seite legen. Es ist ein hochinteressantes und extrem spannendes Werk, bei dessen Lektüre man sehr viel an Wissen mitnehmen kann.
Zu zart besaitet sollte man, trotz der sehr sachlichen Herangehensweise Lydia Beneckes, vielleicht nicht sein, denn es liegt in der Natur des Themas, dass hier auch Fälle geschildert werden, die weit über Themen wie zum Beispiel Ehebruch hinausgehen.
Besonders der Titel des sechsten Kapitels “Extremfälle weiblicher Psychopathie”, kommt nicht von ungefähr.

Ich habe dieses hochinteressante Buch als sehr bereichernd empfunden und möchte es allen, die sich für Psychologie interessieren ans Herz legen.
Was mich betrifft, so benötige ich dringend Nachschub!
Tiptop!

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ISBN: 978-3-431-03996-2
Verlag: Bastei Lübbe
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 430
Preis: 18,00 €


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4 thoughts on “Lydia Benecke: “Psychopathinnen – Die Psychologie des weiblichen Bösen”
Buchperlenblog

Hallo!
Das Buch klingt nach richtig fesselnder Lektüre für mich, das muss ich mir unbedingt notieren. Irgendwie ist im Kopf ja doch immer nur das männlich böse verankert. Tolle Rezension!

Liebe Grüße!
Gabriela

Friederike

Liebe Gabriela,

prima, dann wünsche ich Dir eine spannende Lektüre!
Bei mir liegt Beneckes „Auf dünnem Eis“ auch schon parat :).

Viele Grüße,
Friederike

lesenleuchtet

Liebe Friederike,

Ich hatte das Buch am Montag noch in der Hand, war aber skeptisch, ob es nicht vielleicht doch zu reißerisch geschrieben sein könnte…
Aber dank deiner Rezension werde ich es dann jetzt doch wohl noch lesen – danke!!

Viele Grüße, Anne-Kathrin

    Friederike

    Liebe Anne-Kathrin,

    prima! Ich wünsche Dir eine spannende Lektüre :).

    Viele Grüße,
    Friederike

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