Marina Keegan: “Das Gegenteil von Einsamkeit”

Marina Keegan: “Das Gegenteil von Einsamkeit”

Eigentlich bin ich ja nicht so der große Leser von Erzählungen. Aber die Geschichten und Essays von Marina Keegan haben mich sehr beeindruckt und berührt.

Das Drama um Marina Keegan ist groß: Kurz nachdem sie ihr Literatur-Studium in Yale abgeschlossen hatte und ihren ersten Job beim “New Yorker” antreten wollte, kam es zu einem Unfall, bei dem sie starb. Mit nur 22 Jahren.
Ihre Geschichte “Das Gegenteil von Einsamkeit”, wurde posthum ins Internet gestellt und Millionen Male angeklickt.

In dieser Geschichte beschreibt sie, wie es ist, in Yale zu sein – Teil einer wunderbaren Gemeinschaft, die an einem Strang zieht. Sie hat in Yale das gefunden, was sie immer wollte: “Das Gegenteil von Einsamkeit”. Doch Marina hat Angst dass dieses “Sicherheitsnetz der Gemeinschaft” eines Tages nicht mehr vorhanden sein wird. Dies macht ihr viel mehr Angst, als keinen Job oder nicht den richtigen Mann zu finden.

Aber dennoch ist sie sehr positiv, was die kommende Zeit anbelangt. Sie sagt zum Beispiel, dass sie auch mit 30 noch auf Partys gehen und Spaß haben möchte. Niemals will sie die Vergangenheit glorifizieren oder sagen, “das hätte ich noch machen müssen” und “hätte ich doch bloß…”.
Natürlich gibt es viele Dinge, die noch auf ihrer To-Do-Liste stehen. Unmengen von Büchern, die sie noch nicht gelesen hat und die sie wahrscheinlich niemals alle schaffen wird. Aber das ist ok so. Niemand schafft alles, was er sich vornimmt, doch wir selbst sind immer unsere härtesten Kritiker und sind enttäuscht wenn wir etwas nicht schaffen. Auch wenn es eigentlich nicht im Bereich des Machbaren gelegen hat. Denn niemand kann je alle Bücher lesen, die er lesen will. Aber man will perfekt sein und hat unmöglich hohe Ansprüche an sich selbst, denen man nie gerecht wird. Aber wie schon gesagt, das ist ok, schreibt Marina – das geht doch uns allen so.
Was sie auch niemals sagen möchte, ist dass es jemals für irgendetwas zu spät sein könne. Ihr und ihren Mitstudenten steht doch alles offen und dieses “Gefühl der Möglichkeiten” dürfen sie niemals verlieren.

Marina Keegan trifft mit diesem Essay den Nerv einer Generation. Denn manche ihrer Mitstudenten denken, wenn sie nach zwei Semestern Studium merken, dass es nicht das Richtige für sie ist, dass es zu spät sei zu wechseln, dass sie Zeit verloren haben, zu alt sind.  So denkt Marina nicht, sie ist positiv und sagt, wir haben Zeit, wir haben alle Möglichkeiten. Machen wir was draus.
Sowieso ist Marina Keegan eine sehr enthusiastische Person, die beschlossen hat, ihren Weg zu gehen. 2010 besuchte sie ein Seminar, in welchem ein Autor sagte, es sei heutzutage fast unmöglich, als Schriftsteller den Durchbruch zu schaffen. Bestimmt dachten viele im Seminar: “ Ist das Ihr Ernst?!” – Marina war die Einzige, die aufstand und diese Frage stellte.
Sie schrieb der Professorin am selben Abend noch eine E-Mail, in der sie zum Ausdruck brachte, wie traurig sie es finde, ausgerechnet von einem Schriftsteller zu hören, dass die Literaturbranche im Sterben liege und sich gewünscht hätte von ihm zum Schreiben ermutigt zu werden.
Sie selbst schrieb immer und überall kleine Texte in ein Buch, mit Beobachtungen und Formulierungen und beeindruckte ihre Professorin mit ihrem frischen, jungen und natürlichen Schreibstil. Sie war 20 und sie klang wie zwanzig – im Gegensatz zu vielen anderen Studenten, die schrieben, als wären sie vierzig – so berichtet es eine ihrer Professorinnen.

Dieses Junge, Frische, Unverblümte ist auch genau das, was mich an Marina Keegans Texten so beeindruckt hat. Sie macht das zum Thema, wo sie steht im Leben, wie sie ist, wie sie fühlt.
Am meisten berührt haben mich ihre Geschichten, in denen die Protagonisten jung sind. Wie zum Beispiel die Geschichte, in der es darum geht, dass die Protagonisten eine eher lose Beziehung zu einem jungen Mann hat. Dieser stirbt ganz jung und sie wird gebeten bei der Gedenkfeier eine Rede zu halten, zumal alle denken, dass sie fest mit ihm zusammen war. Sie ist überrumpelt und sagt ja.
Kurz darauf merkt sie, dass sie gar nicht weiß, was sie über ihn sagen soll. Vor ihr hatte der junge Mann eine feste Freundin, die lange mit ihm zusammen gewesen ist. Sie ist schön, musikalisch, begabt. Und kannte ihn viel besser. Eines Tages ruft ausgerechnet dieses Mädchen an und bittet sie ins Zimmer des jungen Mannes zu gehen, um sein Tagebuch zu holen (wobei sie gar nicht wußte, dass dies existiert), denn er habe bestimmt nicht gewollte, dass seine Eltern es finden.
Nach einigem Ringen holt sie dann dieses Tagebuch und begeht den Fehler, es zu lesen…

Diese Geschichte ist so wunderbar. Was Marina Keegan auf dieser Kurzstrecke schafft, schaffen viele Autoren in ganzen Büchern nicht. In der Presse wurde die Frage aufgeworfen, ob dieses Buch durch den Tod der Autorin einfach clever vermarktet worden sei. Ich finde diese Debatte völlig unnötig, denn hier geht es um Marina Keegans Talent, um ihre Texte, um ihr Einfühlungsvermögen, das sehr stark ausgeprägt ist – wie auch ihr Anspruch, dass es immer “noch besser geht”. Egal, ob sie von einer Tauchexpedition, einem Kammerjäger, oder von jungen Menschen schreibt, alle Geschichten sind intensiv, durchdacht und fein beobachtet.
Mich hat Marina Keegan sehr berührt und ich finde es schade, dass ich am Ende dieses Textes nicht sagen kann: “Ich freue mich darauf, mehr von ihr zu lesen.”
Denn mehr wird es nicht geben.

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ISBN: 978-3-596-03242-6
Verlag: Fischer Verlag
Preis: 9,99 €


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