Verena Carl: “Die Lichter unter uns”

Verena Carl: “Die Lichter unter uns”

Wenn dieses Buch nicht für den Deutschen Buchpreis 2018 nominiert wird, ja, dann weiß ich auch nicht…

Anna macht mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern Judith und Bruno Urlaub in Taormina, einer Stadt auf Sizilien.
Es ist nicht das erste Mal, dass Anna dort ist, denn vor vielen Jahren haben sie und Jo ihre Flitterwochen an diesem Ort verbracht. Allerdings in einer wesentlich schöneren Unterkunft. Doch für einen zweitägigen Aufenthalt in der Villa Mare hätte die Familie so viel bezahlt, wie für zwei Wochen in ihrer jetzigen Ferienwohnung.

Geld ist sowieso ein heikles Thema, denn seit der Geburt der Kinder leben Jo und Anna etwas über ihre Verhältnisse. Das Leben in Hamburg ist teuer und Anna hat inzwischen angewöhnt, “alles eine Nummer kleiner zu nehmen”. Daher ist der Urlaub in Italien etwas Ungewöhnliches, die Wahl der Unterkunft jedoch, passt ins Lebensschema.
Sie selbst ist freie Journalistin, doch wenn sie ehrlich ist, verwendet sie mehr Energie darauf, sich vor anderen zu rechtfertigen (Nein, ich bin keine Hausfrau, sondern freie Journalistin!), als sich um Aufträge zu kümmern. Aber immerhin kann sie so auf dem Spielplatz vorgeben, Artbeitsmails beantworten zu müssen.

Jo arbeitet in einer Agentur und hofft darauf, endlich einmal fest angestellt zu werden, doch die befristeten Verträge nehmen kein Ende – und die Angst keinen Folgevertrag zu bekommen, ebenfalls nicht.
Daher war dieser Urlaub ein Wagnis. Wie auch Annas neue Kurzhaarfrisur, die ihr beim Friseur noch schick und französisch-elegant vorgekommen ist und mit der sie sich jetzt wie eine ältere Frau mit praktischem Haarschnitt fühlt.
Ist das das Leben, das sie leben wollte? War es das schon?

Verena Carl legt hier einen sehr wahren, tiefen Gegenwartsroman vor, wie ich ihn seit der Lektüre von “Die Glücklichen” (Kristine Bilkau) nicht mehr gelesen habe.
Messerscharf seziert sie hier die Befindlichkeiten einer Frau, die sich ständig fragt, ob andere Menschen ein glücklicheres Leben führen, als sie selbst.
Nein, eigentlich fragt Anna sich dies nicht, sie stellt es fest.
Das Leben mit der zu pubertieren beginnenden Tochter ist nicht einfach. Vor allem, wenn Jo ihr mit allem zuvorkommt, wie zum Beispiel dem gerade gekauften Sonnenhut. Wie soll sich denn da Nähe zwischen Mutter und Tochter entwickeln?
Das Leben ist einfach nicht mehr frisch.

Als Anna den Blick eines anderen Urlaubers aus Deutschland erhascht, wird in ihr Begehrlichkeit geweckt. Zwar ist schnell klar, dass dieser Herr mit seiner (sehr viel jüngeren) Frau auf Sizilien ist, aber für einen zweiten Blick, nimmt Anna sogar die teure Strandmiete in Kauf. Was Jo so gar nicht gutheißt.
Aber Anna projiziert alles, was sie sich zu wünschen glaubt, auf diesen Menschen, auf einen einzigen kleinen Moment.

“Die Lichter unter uns” ist frei von jeglichen romantischen Ambitionen, es ist ein Buch voller Realität, das den Leser in so manchem Moment kalt erwischt. Verena Carls Prosa ist hierbei glasklar.
Schon alleine für die Szene, in der ein junger Mann beabsichtigt ein paar Schuhe zu kaufen, steckt mehr, als in so manchem 500-Seiten Roman.
In wenigen Seiten nur entlarvt Verena Carl falsche Erwartungshaltungen und die Angst davor, zuzugeben, dass man der ist, der man ist – und damit nicht den Wünschen anderer entspricht.
Alleine schon für diese Szene hat Verena Carl meiner Ansicht nach, einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 verdient.

Großartig!

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ISBN:  978-3-10-397363-1
Verlag: S. Fischer
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 320
Preis: 20,00 €


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One thought on “Verena Carl: “Die Lichter unter uns”
O. Tapfer

Dieser Roman landet niemals auf der von Ihnen zitierten Liste.
K. Bilkau in einem Atemzug zu nennen ist eine Frechheit, wer Coelho liest, kann sich dieses Buch antun.

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