Camilla Sten: “Das Dorf der toten Seelen”

Camilla Sten: “Das Dorf der toten Seelen”

Dieser Krimi ist mir zufällig in die Hände geraten und nach der Lektüre des Klappentextes dachte ich mir: Das könnte spannend werden… und das ist es auch!

Alices ehemalige Kommilitonen scheinen irgendwie mehr Glück zu haben. Klar, dass es nicht unbedingt einfach werden würde, in der Filmbranche Fuß zu fassen, ist ihr bewusst gewesen. Aber dass es so schwer werden würde, hätte Alice nicht gedacht.
Doch sie hat ja noch ein Ass im Ärmel. Bzw. eine Story:

Ihre Großmutter hat Alice oft von ihrem Heimatort Silvertjärn erzählt. Einem kleinen Dorf, das bis in die 50er Jahre hinein vom Bergbau lebte und sich mitten im Nirgendwo befand. Dort befindet es sich heute natürlich immer noch.
Jedenfalls die Gebäude.
Denn die Bewohner des Dorfs sind vor vielen Jahren von einem Tag auf den anderen verschwunden – spurlos.

Den beiden Polizisten, die das Dorf damals zuerst erreichten, bot sich ein gruseliger Anblick. Ein vollkommen lebloses Dorf und eine Frauenleiche, die an einen Pfahl auf dem Marktplatz gefesselt war.
Bis heute weiß niemand, was sich damals in Silvertjärn zugetragen hat.

Eigentlich wollte Alice eine Art Mischung aus Spielfilm und Dokumentation aus dieser faszinierenden Geschichte machen, doch schnell stellte sich heraus, dass das zu teuer werden würde.
Wie soll sie denn Schauspieler bezahlen, wenn sie schon nicht weiß, wie sie sich einen richtig guten Kameramann leisten soll?!
Daher wird es eine reine Dokumentation werden, mit der Alice hofft, den Durchbruch in der Filmbranche zu schaffen. Und wenn sie ehrlich ist, hat sie auch ein bisschen die Hoffnung, etwas vor Ort zu finden, das der Polizei damals entgangen ist.

Eine Crowdfunding Aktion hat Alice bereits ins Leben gerufen und etwas Geld ist auch schon zusammen gekommen. Außerdem unterstützt einer ihrer Freunde, der etwas wohlhabender ist, das Filmprojekt.

Momentan befindet er sich im Gefährt hinter Alice, denn sie konnte ein paar Leute zusammentrommeln, die mit ihr nach Silvertjärn fahren, um erste Eindrücke vor Ort zu sammeln. Schließlich muss man den Menschen, die ihr Projekt finanzielle unterstützen etwas bieten. Wie zum Beispiel Einblicke in den Fortschritt des Projekts – und das eben nicht nur schriftlich. Was sie braucht, sind interessante Bilder, die Spannung erzeugen.
Die bekommt sie – aber noch sehr viel mehr…

Camilla Sten hat (unter anderem gemeinsam mit ihrer Mutter, der Krimi-Autorin Viveca Sten) einige Krimis verfasst, die jedoch meiner Recherche nach bisher nicht ins Deutsche übertragen worden sind.
Ich hoffe, dass sich das ändern wird, denn ich musste an mich halten um “Das Dorf der toten Seelen” abends nicht in einem Rutsch durchzulesen. Das liegt natürlich einerseits daran, dass mich der etwas gruselige Plot an sich schon sehr fasziniert hat.
Er klang so ein bisschen nach “The Blair Witch Project”, einen Film, bei dem ich in den 90er Jahren mit zugehaltenen Augen (….und auch Ohren…) im Kino saß, aber dennoch im Sessel sitzen geblieben bin, weil ich mich dem Geschehen auf der Leinwand nicht entziehen konnte.
Deshalb war mir gleich klar, dass ich um “Das Dorf der Toten Seelen” nicht herumkommen würde.

Camilla Sten arbeitet mit zwei Zeitebenen, was wirklich clever gemacht ist. (Ich sehe die Serienverfilmung schon vor mir.)
So erfahren wir von Alices Urgroßmutter Elsa selbst, was sich im Ort vor dem Verschwinden der Bevölkerung ereignete. Wie das Leben in Silvertjärn immer hoffnungsloser wurde, als das Bergwerk schloss und auch Elsas Mann keine Arbeit mehr hatte. Wie er immer mehr trank, wie sie nicht mehr wusste, wie es weitergehen sollte.

Ihre älteste Tochter Margareta (Alices Großmutter) war damals schon nach Stockholm gezogen und natürlich gab es die Überlegung, dass Elsa, ihre Tochter Aina und ihr Mann Margareta dorthin folgen könnten.
Doch was würde dann aus den Menschen im Dorf werden, die niemanden hatten und um die sich Elsa hingebungsvoll kümmerte?
Natürlich schrieb Elsa ihrer großen Tochter Briefe, die sich heute in Alices Besitz befinden.
Aber diese Briefe erklären leider nicht, was damals wirklich passiert ist.

Die Kapitel über das damalige Geschehen und über die Recherchen des Filmteams heute wechseln sich ab – und das könnte spannender nicht sein.
Denn während der Erkundung des verlassenen und verfallenen Orts passieren plötzlich seltsame Dinge.
Da es keinen Mobilempfang gibt, arbeitet die Filmcrew mit Walkie-Talkies, die allerdings auch nicht so wirklich zu funktionieren scheinen.
So ist zum Beispiel manchmal ein Stöhnen zu hören, obwohl niemand etwas in das Gerät gesprochen hat.
Wahrscheinlich eine Fehlfrequenz.
Oder eben auch nicht…

Krimis ohne Ermittler schätze ich ja sehr. Wenn diese dann auch noch so spannend, etwas gruselig und dramaturgisch gut aufgebaut sind, dann kann es schonmal sein, dass ich beim Lesen nicht mehr ansprechbar bin. Genau dies ist Camilla Sten mit “Das Dorf der toten Seelen” gelungen.
Bis zum Schluss hatte ich ja Angst, dass die Autorin irgend eine übersinnliche Lösung anbieten würde – oder eben gar keine. Das hätte mich sehr geärgert.
Doch Camilla Sten bleibt realistisch – und genau das finde ich super!
Tiptop!

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ISBN: 9783959674232
Verlag: HarperCollins
Erscheinungsjahr: 2020
Übersetzung: Nina Hoyer
Seiten: 448
Preis: 14,00 €


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