Michaela Kastel: „So dunkel der Wald“

Michaela Kastel: „So dunkel der Wald“

Irrsinnig spannend – und grausam gut.

Wenn sie nicht artig waren, wirft Paps sie in ein dunkles Loch im Felsen. Manchmal ist dieses Loch die letzte Station ihres jungen Lebens. Sie nennen es “Das Sonnentor”.
Das Wort an sich klingt ja schön, aber erträglicher wird die Dunkelheit, die Nässe und die Gewissheit, dass niemand sie je dort finden wird nicht.

Lola sitzt dort unten. Sie war nicht brav. Sie hat versucht abzuhauen, doch Jannik und Ronja hätten ihr gleich sagen können, dass das keinen Sinn hat.
Paps ist ein viel zu guter Schütze.
Dass Lola jedoch so schnell stirbt, war nicht geplant. So aber graben Ronja und Jannik ein Loch für sie. Darin haben sie Übung.

Bald wird Paps sich ein neues Mädchen holen, denn Jannik und Ronja sind ihm inzwischen zu alt. Dass sie eines Tages ein Alter erreichen würde, dass sie vor Paps schützt, hätte Ronja sich nie vorstellen können. Aber so ist es.
Er mag seine Kinder jünger. Wie Henna und Theo, die sieben und zehn Jahre alt sind.

Dass noch niemand die Hütte im Wald entdeckt hat, oder das Feld in den Bergen, auf welchem die anderen begraben sind, grenzt an ein Wunder. Obwohl…..eigentlich auch nicht, denn die Hütte ist so abseits von jeglicher Zivilisation und der Wald undurchdringlich. Niemand würde hier Menschen vermuten.
Oder einen Mann mit vier Kindern.

Sarah ist Polizistin und (wie so viele) ist sie erstaunt und besorgt darüber, dass so viele Kinder in den letzten Jahrzehnten in Österreich verschwunden sind. Ronja, Henna, Veronika und wie sie alle heißen. Keines von ihnen hat auch nur die kleinste Spur hinterlassen.
Wo soll sie bloß mit der Recherche beginnen…?

Jetzt könnte ein typischer 0815-Krimiplot folgen, der Sarahs Recherche parallel zu den Grausamkeiten in der Hütte schildert und der damit endet, dass Sarah die Hütte entdeckt und die Kinder rettet.
Wäre dies so, hätte mich “So dunkel der Wald” nicht so gefesselt und begeistert.

Was dieses Buch auszeichnet ist das klaustrophobische Atmosphäre und das Geschehen in der Hütte, nachdem sich dort die Machtverhältnisse verschoben haben.
Eigentlich geht man doch davon aus, dass Jannik, Ronja, Henna und Theo abhauen werden, sobald sich ihnen auch nur die kleinste Möglichkeit zur Flucht bietet.
Wenn man jedoch seit Jahrzehnten in Gefangenschaft ist und sich nicht an die Zeit davor erinnern kann, was ist dann?
Hat man dann nicht mehr Angst vor dem Unbekannten, als vor einem Leben in der Hütte im Wald? Würde man dann nicht alles dafür tun, dass alle anderen ebenfalls in der Hütte bleiben, damit ihre Existenz weiterhin gewahrt bleibt?
Wäre man nicht bereit anderen Liebe vorzugaukeln, nur um sie an die Hütte zu ketten?
Liebe, die man nach Jahren mit Paps nicht mehr empfinden kann…

Michaela Kastel ist für ihr Krimi-Debüt mit dem von Sebastian Fitzek ins Leben gerufenen “Viktor Crime Award” ausgezeichnet worden. Vollkommen zu Recht, denn wie sie sich hier in die Seele von Menschen hineinversetzt, die nichts anderes, als das Leben in Gefangenschaft kennen, ist wirklich großartig.
Die körperlichen Grausamkeiten in der Hütte deutet Kastel zwar nur an, doch so geschickt, dass man nicht umhin kommt, ihre Worte weiterzuspinnen.
Wer also zart besaitet ist, der überlege sich zweimal, ob er zu dieser Lektüre greift.

Wer aber ein psychologisch-kriminalistisches Kammerspiel der Extraklasse lesen möchte und nicht zimperlich ist, der wird eine spannungsgeladene Zeit mit diesem Buch haben.
So wie ich.

» zur Leseprobe


ISBN: 978-3-7408-0293-6
Verlag: Emons
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 304
Preis: 18,00 €


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Archive