Romy Hausmann: „Liebes Kind“

Romy Hausmann: „Liebes Kind“

Mir wurde gesagt, dass mich dieser Krimi überraschen wird.
Das hat er!

Eine Frau ist angefahren worden, nachts im Wald. Doch sie hat Glück, denn bevor der Fahrer des Wagens Fahrerflucht begeht, ruft er einen Krankenwagen.
Hannah ist auch im Krankenwagen und sehr bedacht darauf, nichts falsch zu machen. Sie ist ja ein großes Mädchen und manchmal muss sie Mama darauf hinweisen, wenn sie etwas falsch macht.
Mama macht oft Sachen falsch. Zum Beispiel vergisst sie, um drei Uhr nachmittags auf die Toilette zu gehen. Dabei weiß sie doch ganz genau, dass es Toilettenzeiten gibt, an die sich alle halten müssen. Regelmäßigkeit ist wichtig.

Außerdem ist es wichtig, dass alle Schubladen abgeschlossen sind. Sonst kann man sich an den spitzen Gegenständen darin verletzen.
Zuhause sind alle Schubladen abgeschlossen. Auch der Wasserkocher steht sicher verwahrt im Schrank. Hier im Schwesternzimmer des Krankenhauses “steht sogar ein Wasserkocher offen auf der Arbeitsfläche rum. Dabei kann heißes Wasser sehr gefährlich sein. Ab einer Temperatur von 45 Grad verschmort die Haut. Ab 60 Grad stockt das Eiweiß in den Hautzellen, wodurch sie absterben.”
Das alles weiß Hannah, wie so vieles mehr, weil es im dicken Buch steht. Sie hat sich alles gemerkt, denn sie ist aufmerksam. Aufmerksamkeit ist wichtig.

Für die Menschen im Krankenhaus wäre es jetzt allerdings wichtiger, zu erfahren, was Hannah und ihre Mutter nachts im Wald gemacht haben – und wo sie herkamen.
Denn es besteht der Verdacht, dass es sich bei der Frau um die seit 14 Jahren vermisste Studentin Lena Beck handelt…

Eigentlich wollte ich gar nicht zu diesem Buch greifen, denn vor nicht allzu langer Zeit habe ich einen Krimi mit ähnlicher Thematik gelesen: Michaela Kastels “So dunkel der Wald”.
Auch hier geht es um einen Mann, der seine Opfer jahrelang in eine Hütte eingesperrt hat. Das war mir thematisch einfach zu nah an Romy Hausmanns Krimi dran.
Außerdem dachte ich, dass dieses Buch gegen “So dunkel der Wald” sowieso keine Chance hätte, denn Monika Kastels Debüt fand ich einfach super.

Dann wurde mir von “Liebes Kind” so vorgeschwärmt, dass ich dachte: Na, dann lese ich eben mal kurz rein… .
Mit “mal kurz” war es dann nicht getan, ich habe diesen Krimi in zwei Tagen ausgelesen und hätte ich die Zeit gehabt, hätte ich ihn auch an einem Tag verschlungen.
Ich muss zwar zugeben, dass der oben erwähnte Krimi “So dunkel der Wald” sprachlich ausgereifter ist, das tut der Spannung von “Liebes Kind” jedoch keinen Abbruch.

Der Verlag bewirbt dieses Buch, das übrigens viele Verlage haben wollten, mit “Dieser Thriller beginnt, wo andere enden”. Erst dachte ich: Klar, Papier ist geduldig, aber es ist was dran, denn Romy Hausmanns Handlung setzt bei der geglückten Flucht des Opfers ein.
Lena ist mit ihrer Tochter Hannah im Krankenhaus. In Sicherheit.

Bald schon wird sie Besuch bekommen, von ihrem Vater Matthias, der als einer der Wenigen niemals die Hoffnung aufgegeben hat, seine Tochter wiederzufinden.
Der sie über alles liebt und der ihre immer Geld zugesteckt hat, damit sie die teure Wohnung in München bezahlen konnte, weil sie nicht mehr im Vorort bei den Eltern leben wollte. Klar, als junger, strebsamer Mensch muss man doch näher bei der Uni sein – dafür hatte Matthias vollstes Verständnis. Seine Frau Karin sah das anders. Sie fand, dass Lena sich einen Nebenjob suchen sollte, um sich zu finanzieren.
Aber das alles ist Schnee von gestern, als Matthias erfährt, dass man eine Frau gefunden hat, bei der es sich um Lena handeln könnte…

Das Tolle an diesem Krimi ist, dass man immer wieder auf eine falsche Fährte gelockt wird – und dann feststellt, dass alles doch ganz anders ist.
Mir wurde “Liebes Kind” eben mit diesen Worten angepriesen und ich dachte, ja klar, das habe ich schon oft gehört. Doch hier stimmt es. Gut, eine Sache habe ich durchschaut, aber eben nur eine. An ganz vielen anderen Stellen meinte ich, den Ausgang der Handlung zu kennen – und wurde überrascht.

Sehr geschickt läßt Romy Hausmann die verschiedenen Personen in kurzen Kapiteln zu Wort kommen. Darunter den liebende Vater Matthias, der gerne mal überreagiert, dann Lena, die Schlimmes durchlebt hat und Hannah, das Kind, das viel jünger aussieht, als es ist, zumal es durch den Vitamin D-Mangel relativ klein geblieben ist.

Hannahs Kapitel sind es, die mich besonders fasziniert haben, denn Romy Hausmann versetzt sich in dieses Mädchen, das eine Entwicklungsstörung hat, sehr gut hinein.
Man merkt schon im ersten Kapitel, dass Hannah eine andere Art hat, die Welt wahrzunehmen und sich mit Emotionen schwer tut.
Momentan sorgt sie sich vor allem darum, dass Mama und sie ihren Bruder Jonathan mit diesen ganzen Flecken im Teppich alleine gelassen haben. Als Papa auf den Boden getroffen ist, hat es nämlich eine riesige Sauerei gegeben. Hoffentlich hat Jonathan das richtige Putzmittel genommen. Sauberkeit ist wichtig…

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ISBN: 978-3-423-26229-3
Verlag: dtv
Erscheinungsjahr: 2018
Seiten: 432
Preis: 15, 90 €


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