Chandler Baker: “Das Ende ist erst der Anfang”

Chandler Baker: “Das Ende ist erst der Anfang”

Als ich “Das Ende ist ein Anfang” in der Vorschau zum ersten Mal sah, hatte ich das Gefühl, dass sich wohltuend von der Masse der Jugendbuchdystopien abheben wird. Und dass ich es in einem Rutsch durchlesen würde.
Genauso ist es auch gekommen.

Lake erlebt einen wunderbaren Sommer mit ihren beiden besten Freunden – Will und Penny. Seit Kurzem sind Will und Lake ein Paar. Jede andere Freundschaft wäre vielleicht daran zerbrochen, doch Penny ist die Gleichmut in Person. Die drei sind nach wie vor unzertrennlich.
So schön die Zeit auch sein mag, in Lakes Kopf schwirrt ein Ereignis herum, das sie niemals ausblenden kann. Ihr 18. Geburtstag.
An diesem Tag, und nur an diesem Tag, hat sie die Möglichkeit, einen bereits gestorbenen Menschen zurück ins Leben zu holen. Ressurrection nennt sich das Ganze. Früher waren diese Auferweckungen unbegrenzt, doch aufgrund des starken Bevölkerungswachstums, wurden sie eingeschränkt.

Lake hat ihre Entscheidung schon getroffen bzw. ihr ist die Entscheidung abgenommen worden. Lakes älterer Bruder Matt sitzt seit einigen Jahren im Rollstuhl, da er einen Unfall hatte. Er ist auf den Baum vorm Haus geklettert, als der Ast unter ihm brach. Seitdem ist er querschnittsgelähmt und kann nur noch den Kopf bewegen.
Vor dem Unfall haben sich Lake und Matt gut verstanden, doch jetzt hat Lake aufgeben. Matt ist wütend (kann man es ihm verdenken!?!) und reagiert auf all ihre Vorschläge mit größter Ablehnung. Außerdem hat Lake das Gefühl, nicht mehr zur Familie zu gehören, da Matt und ihre Eltern eine eigene Dreierfamilie zu sein scheinen.
Gut, da kann man anscheinend nichts machen – deshalb hat Lake sich eine eigene Familie gesucht – und gefunden. In Will und Penny.

Nun also soll Matt durch Lakes Handeln auferweckt werden. Damit dieser Prozess in Gang gesetzt wird und Matt vollkommen gesund wiederauferstehen kann, muss er eines: Sterben.
Sich selbst zu töten ist allerdings illegal. Aber um ihren Sohn gesund wiederzubekommen, würden die Eltern alles tun. Auch zum Äußersten zu greifen und es wie einen Unfall aussehen zu lassen.

Die Motive der Eltern sind nachvollziehbar, doch bauen Lake, Penny und Will kurz vor Lakes Geburtstag einen Unfall. Lake überlebt – Will und Penny sind tot.
Lake ist verzweifelt und ihr ist klar, dass sie ihre Auferweckungsmöglichkeit anders als geplant einsetzten wird…
Hier wird einer 18jährigen eine Bürde auferlegt, die kein Mensch tragen kann bzw. möchte. Die Entscheidung, über Leben und Tod.

Hinzu kommt, dass Wills und Pennys Eltern zusätzlichen Druck aufbauen, denn natürlich wollen sie, dass ihr jeweiliges Kind wiederaufersteht und zu ihnen zurückkehrt. Davon, dass Lake ihre Wahl schon längst versprochen hat, wissen sie nichts.
Lakes Familiensituation ist wirklich verfahren, denn sie hat seit geraumer Zeit das Gefühl, keine Mutter und keinen Vater mehr zu haben. Die Mutter kümmert sich hingebungsvoll um Matt und scheint ihre Tochter nicht mehr wahrzunehmen, während der Vater jede freie Minute auf seinem Fahrrad verbringt und seinem inneren Konflikt davonzufahren versucht.
Jeder kompensiert Matts Unglück auf eine andere Art und Weise. Doch Lake wünscht sich eigentlich nichts sehnlicher, als gesehen zu werden und dass ihre Mutter ihre beiden Kinder anschaut und sich nur ein einziges Mal für ihre Tochter entscheidet.
Dass das nicht geschehen wird, ist Lake klar.

Dass Matt sich unnahbar und richtig fies verhält, macht die Sache nicht einfacher. Die Nachricht, dass Will und Penny tot sind, hat er ihr überbracht – und zwar keinesfalls einfühlsam, sondern quasi mit dem Vorschlaghammer. Dass dies aus reinem Selbstschutz geschieht ist klar, denn ihm ist natürlich bewusst, dass sich die Auferweckungsprioritäten verschoben haben. Zwar glaubt er, und läßt dies auch deutlich durchblicken, aufgrund des Versprechens am längeren Hebel zu sitzen, doch tief im Inneren weiß er, dass von nun an nichts mehr sicher ist.

Matt hat schon mehrmals versucht, sich das Leben zu nehmen, ist auf die Straße gefahren, oder einen Abhang hinunter, doch jedes Mal hat er überlebt.
Noch immer ist er da und komplett von anderen abhängig. Er will einfach nicht mehr.
Deshalb und nur deshalb, konnte er seine Eltern von seinem Selbstmord (den man als Unfall tarnen muss, damit die Wiederauferweckung möglich ist) überreden.
Und jetzt ist alles wieder offen.
Für alle Beteiligten ist diese Situation eine Katastrophe und man kommt nicht umhin, sich während des Lesens zu fragen, ob es nicht besser für alle wäre, wenn es diese Auferstehungswahl nicht geben würde…

Chandler Baker gelingt es, dieses Thema behutsam und eindringlich zu gestalten. Man nimmt ihr die Figuren vollkommen ab. Dabei schafft sie es, die Spannung hoch zu halten und zu dramatisieren, ohne dramatisch zu werden und auf die Tränendrüse zu drücken.
Der innere Konflikt der handelnden Personen ist sehr realistisch und die Themen sind, trotz des leicht dystopischen Settings, vollkommen lebensnah und klassischer Natur: Es geht um Freundschaft, Familie, den Tod und um die Liebe. Und darum, dass man nicht in einen anderen Menschen hineinsehen kann.

Ich habe diesen All-Age-Roman, inhaliert und bin nach wie vor fasziniert, wie es Chandler Baker gelungen ist, mich ans Buch zu fesseln. Außerdem hat sie mich mit einem Handlungstwist überrascht, mit dem ich niemals, wirklich niemals, gerechnet hätte.
Das ist großes Kino!

Für Leser ab 14 Jahren.

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P.S.: Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Buch zum Beispiel sowohl Jojo Moyes -, als auch John Green-Lesern gefallen könnte.


ISBN: 978-3-522-20248-0
Verlag: Thienemann
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: Gerad Bean
Seiten: 400
Preis: 17,00 €


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