Dianne Touchell: “Kleiner Wahn”

Dianne Touchell: “Kleiner Wahn”

Rose und Michael lieben sich – auf eine wunderbar zarte Art und Weise. Zum Beispiel strecken sie im Schulflur, wenn sie sich sehen, die Hände nacheinander aus, wenn sie aneinander vorbeilaufen und berühren sich ganz leicht. Das ist Liebe.

Rose und Michael kommen aus geordneten Verhältnissen. Allerdings wird in beiden Familien sehr viel Wert darauf gelegt, anständig zu sein.
Roses Mutter zum Beispiel ist zwar etwas enttäuscht darüber, dass Rose nicht so hübsch ist, ist sich doch sicher, dass ihre Tochter bestimmt irgendein außergewöhnliches Talent hat, das es zu finden gilt.

Rose bekommt Klavierunterricht, geht zum Turnen, ins Ballett und Rose macht mit, weil sie sich nicht traut ihrer Mutter zu widersprechen. Dabei hat sie schon längst gefunden, was sie liebt: Theater spielen und so in andere Rollen schlüpfen zu können. Doch von ihren Plänen an eine Schauspielschule zu gehen, erzählt sie ihrer Mutter dann doch lieber nichts, denn ihre Mutter ist der Überzeugung, dass Rose am besten Krankenschwester wird.
Auch lernt sie sehr früh, dass soetwas wie Glück nur möglich ist, wenn man die Fassade wahrt und man anderen auf keinen Fall zeigt, dass man traurig ist. Roses Mutter beherrscht dies perfekt und erwartet dies auch von ihrer Tochter.

Michael kommt aus einer Familie, in welcher Religion eine große Rolle spielt, was daher kommt, dass sein Großvater Alkoholiker war und mit Sachen um sich warf. Dies möchte Michaels Vater seiner Familie ersparen und das geht seiner Ansicht nach nur, wenn man das göttliche Gesetz respektiert und eine klare Hausordnung hat. Des Weiteren ist der Vater ein Meister darin, seine Macht über andere zu demonstrieren und gestellte Fragen mit einer Gegenfrage zu beantworten. Fehler macht der Vater nie. Und bei seinen Familienmitgliedern toleriert er diese ebenso wenig.

Beide, Michael und Rose, haben von ihren Geschwistern bzw. ihrer Freundin Kondome mit dem Hinweis diese auch zu benutzen zugesteckt bekommen. Beim ersten Mal haben sie diese allerdings nicht benutzt. Aber beim ersten Mal, kann ja nichts passieren…oder? Allerdings bleiben auch beim zweiten Mal die Kondome außen vor und so kommt es, dass Rose ein paar Wochen später googelt: “Meine Periode ist seit 61 Tagen überfällig”.
Als schließlich herauskommt, dass Rose wirklich schwanger ist, beschließt sie dies einfach zu ignorieren und beginnt sich einzureden, dass sich einfach einen Virus hat, den man auch wieder los wird. Dass dieses Verhalten Konsequenzen hat dürfte klar sein.

Geschichten zum Thema “ungewollte Schwangeschaft bei Teenagern” gibt es viele, doch diese hier ist etwas ganz Besonderes, was man schon alleine daran erkennt, dass der Königskinder Verlag sie veröffentlicht hat.
Die Liebe von Michael und Rose wird so zart beschrieben, ohne jemals sentimental oder kitschig zu wirken, wie ich es selten gelesen habe. Beeindruckend ist auch die Art und Weise wie man in die jeweiligen Familien eintaucht und spürt, wie einsam die beiden eigentlich sind: Rose leidet unter ihrer Mutter, die das Durcheinander von Michaels Zuhause sehr anheimelnd findet, aber sich dann doch lieber sofort die Hände wäscht, wenn sie in ihrem eigenenHeim angekommen ist. Sie hat bis auf Liv, die von allen nur “Die Schulmatraze” genannt wird, keine Freundinnen und als Liv erfährt, dass Rose schwanger ist (sie muß ihr den Schwangerschaftstest besorgen, da Rose sich nicht traut) bricht Rose auch den Kontakt zu Liv ab und wird sogar ganz gemein zu ihr. Aus Angst natürlich, dass Liv etwas verraten könnte.
Genau das sind die Feinheiten, die ich an “Kleiner Wahn” so bemerkenswert finde: Wie Rose sich zum Beispiel dafür rechtfertigt, nicht mehr nett zu Liv zu sein, weil sie Mitwisserin ist und so Wesenszüge an ihr hervortreten, die man bei so einem sanften Mädchen nie vermutet hätte. Oder wie Michael zum ersten Mal in seinem Leben merkt, dass sein Vater nicht immer Recht hat und nach Jahren der eingesteckten (aber auch als gerechtfertigt empfundenen) ständigen Kritik, zum ersten Mal Zweifel und sogar Wut in ihm aufsteigen. Das ist großartig.

Die Schwangerschaft und deren Negation ist ein Thema dieses Romans. Aber es ist auch ein feinpsychologischer Roman über das Innere von Familien und darüber wie es ist, wenn lang an Regelungen festgehalten und alles als gegeben akzeptiert wurde und dann plötzlich das eigene Individuum und der eigene Wille nicht mehr unterdrückt werden können.
Ich jedenfalls bin tief beeindruckt und denke, dass sicherlich auch erwachsene Leser von diesem Buch angetan sein werden.

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ISBN: 978-3-551-56009-4
Verlag: Königskinder
Preis: 15,99 €

One thought on “Dianne Touchell: “Kleiner Wahn”
Silvia

Ich habe zwei Teenagertöchter…

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