David Mitchell: “Slade House”

David Mitchell: “Slade House”

Auf dieses Buch habe ich mich gefreut, seit ich es in der Verlagsvorschau entdeckt habe – zu Recht!

Um drei Uhr sollen sie bei Lady Grayer in der Slade Alley sein. Jetzt ist es zehn vor drei und Mum drängt darauf, dass man sich jetzt beeilen müsse. Daher bleibt Nathan keine Zeit, die Beeren an der Eberesche zu zählen. Schade, das hätte ihn brennend interessiert. Allerdings ist er vollauf damit beschäftigt, nicht auf die Ritzen im Pflaster der Straße zu treten, was etwas schwierig ist, zumal der Weg von matschigem Laub bedeckt ist und Nathan manchmal erraten muss, wo sich die Ritzen befinden.
Außerdem muss er darauf achten sich NORMAL zu benehmen. “Denk an den normalsten Jungen in deiner Klasse und mach, was er machen würde” hat seine Mutter gesagt. Das kann ja heiter werden.

Da die beiden den Weg nicht auf Anhieb finden, fragen sie einen Passanten, der allerdings noch nie von Lady Grayer, bzw. dem Slade House gehört hat.
Seltsam.
Nach einigem Hin und Her entdecken sie jedoch eine kleine schwarze Eisentür in der Mauer, hinter der sich unerwarteter Weise ein prächtiger Garten erstreckt. Mutter und Sohn sind am Ziel, denn oben am Hang ist es, das Slade House – über und über von feuerrotem Efeu bedeckt.

Szenenwechsel.

Neun Jahre später steht Detective Inspector Gordon Edmonds ebenfalls in der Slade Alley. Nicht ganz freiwillig, denn man hat ihn damit beauftragt, den Erinnerungen eines Zeugen nachzugehen, der kürzlich aus dem Koma erwacht ist. Vollkommener Quark eigentlich, aber was tut man nicht alles, um seinen Vorgesetzten zufrieden zu stellen.
Dieser Zeuge jedenfalls erinnerte sich daran, dass er vor neun Jahren von Nathan und seiner Mutter nach dem Weg zum Slade House gefragt worden ist. Er ist der Letzte, der die beiden gesehen hat….

Wer jetzt meint, es folgt ein normaler Krimi, der ist schief gewickelt, denn wir haben es hier schließlich mit einem Werk von David Mitchell zu tun.
Seit ich “Die tausend Herbst des Jacob de Zoet” gelesen habe, bin ich ein Fan des Autors. Danach folgte „Der Wolkenatlas“, der mich ebenso begeisterte. Hier zeigt sich das einzigartige Talent des britischen Schriftstellers, denn es gelingt ihm mühelos, verschiedene Handlungen und Zeitebenen vollkommen schlüssig miteinander zu verweben – und dabei hervorragend zu schreiben.
Man liest wie im Rausch Seite um Seite und kommt kaum dazu, eine Pause einzulegen.
Bei der Lektüre von “Slade House” ging es mir genauso. Nach zwei Seiten war er wieder da, der Mitchell-Flow.

Kunstvoll verknüpft David Mitchell verschiedenste Lebensläufe, die alle mit dem Salde House zu tun haben und scheut nicht davor zurück, phantastische Elemente einfließen zu lassen und zwar so, dass sie dem Leser vollkommen logisch erscheinen. Das gelingt bei weitem nicht jedem.
Normalerweise habe ich Schwierigkeiten, wenn Handlungen zu fantasylastig werden. Und ich muss zugeben, dass ich Mitchells letzten Roman “Die Knochenuhren” großartig fand, jedoch manchmal den Eindruck hatte, dass seine Phantasie etwas zu sehr mit ihm durchgegangen ist.

Das war bei “Slade House” nicht der Fall. Hier hatte ich auch die übersinnlichen, geisterhaften Szenen sofort vor Augen – was wieder beweist, wie plastisch und präzise David Mitchell schreiben kann. Nicht umsonst ist er bereits dreimal für den Man-Booker-Prize, den wichtigsten Literaturpreis Großbritanniens, nominiert gewesen.

“Slade House” hat mich hellauf begeistert. Daher habe mir fest vorgenommen, mich durch David Mitchells Werk zu lesen.
Da ich einen solchen Entschluß relativ selten fasse, bisher nur im Falle der belgischen Autorin Amélie Nothomb und des britischen Kultschriftstellers Evelyn Waugh, könnte mein Lob nicht größer sein.

Tiptop!

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ISBN: 978-3-498-04276-9
Verlag: Rowohlt
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung: Volker Oldenburg
Seiten: 240
Preis: 20,00 €


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