Evelyn Waugh: “Expeditionen eines englischen Gentleman”

Evelyn Waugh: “Expeditionen eines englischen Gentleman”

Seit ich “Eine Handvoll Staub” von Evelyn Waugh gelesen habe, bin ich ein Fan des britischen Kultschriftstellers und Meisters des bissigen Gesellschaftsromans. “Expeditionen eines englischen Gentleman” ist der erste Reisebericht, den ich aus seiner Feder gelesen habe.

Evelyn Waugh reist 1930 nach Afrika, um der Krönung Haile Selassis zum Kaiser von Abessinien beizuwohnen. Die Entscheidung, sich dorthin zu begeben kommt sehr spontan.
Waugh plant ursprünglich nach Japan oder China zu reisen und unterhält sich mit einigen Bekannten darüber. Einer von ihnen weiß von der bevorstehenden Krönung und erwähnt, dass Bischöfe in Abessinien durch das Spucken auf den Kopf geweiht werden, “die Abessinier, obschon nominell Christen beklagenswert lax in ihren Sitten sind” und selbst in den Klöstern Vielweiberei und Trunksucht verbreitet seien.
Diese (aus möglicherweise sehr fragwürdiger Quelle stammenden) Informationen lassen Waugh aufhorchen. Sein Interesse ist geweckt.

Waughs einzige Sorge ist die, ob er als “als Tourist Zugang zu den wirklich interessanten Zeremonien haben würde”. Dem wird damit abgeholfen, dass ihn der Chef der Auslandsredaktion der “Times” als Sonderkorrespondent akkreditiert, damit Waugh von der zehntägigen Krönungsfeier berichten kann.
Dass sich die Berichte der Journalisten dann so sehr voneinander unterscheiden, liegt übrigens daran, dass jede Zeitung zuerst über die Ereignisse in Abessinien berichten möchte. Aufgrund des langen Übermittlungsweges sind die Journalisten dazu gezwungen ihre Texte lange vor der Krönungszeremonie zu verfassen…

Waugh befindet schließlich auf einem Schiff gen Afrika, beobachtet die anwesenden Passagiere und lässt uns an seinen Eindrücken teilhaben. Zum Beispiel daran, wie die Mitglieder der verschiedenen Delegationen sich damit beschäftigen, an Deck auf und abzugehen oder über ihren eleganten Mappen sitzen und Glückwünsche verfassen, tippen, oder ausarbeiten. Aber nur, “wenn sie nicht gerade feierlich Visitenkarten” austauschen. Wahrlich eine höchst wichtige Beschäftigung.
Waugh-typische spitze Beobachtungen eben.

Dass er die Amerikaner nicht sonderlich schätzt (was wir z.B. in der Lektüre “Tod in Hollywood” erfahren haben), wird auch hier deutlich. So erwähnt er, als es darum geht, welches Land welche Gesandten zur Kaiserkrönung schickt, Folgendes: “Zwei Regierungen entsandten Angehörige des Königshauses, die Vereinigten Staaten schickten einen Herrn mit Erfahrung in der Elektrobranche.”

Hier stellt sich uns die Frage: Wenn Evelyn Waught doch eigentlich nur motzt und sich über andere lustig macht – warum reist er dann überhaupt?
Die Antwort ist: Genau deswegen. Und um (wie auch die Figur des Mr. Boot in “Scoop”) drohender Langeweile zu entgehen.
Es geht Mr. Waugh nicht darum, Land und Leute kennenzulernen, sondern darum, sich klar von den anderen abzugrenzen und sich selbst und anderen aufzuzeigen, dass er der Intelligenteste ist.
Dass er seine Überlegenheit zur Schau stellt und hierbei verbal austeilen kann, das wissen wir und ich bin mir sehr sicher, dass seine Zeitgenossen es nicht immer leicht mit ihm hatten.
Ich wollte nicht Ziel seines Spotts sein – aber seine Ergüsse zu lesen, das bereitet mir viel Vergnügen.

Wer dieses Buch also mit der Absicht beginnt, etwas über das Leben in Äthiopien bzw. Afrika im Jahr 1930 zu erfahren, der wird enttäuscht sein. Einerseits.
Andererseits war es in meinem Fall so, dass ich mir zunächst dachte: 300 Seiten, das hast Du schnell durch. Doch gleich nach den ersten Seiten bemerkte ich, dass ich von der abessinischen bzw. äthiopischen Geschichte keine Ahnung hatte. Auch die weitere Lektüre des Buches half mir diesbezüglich nicht weiter, da Waugh ja nichts wirklich ausführlich erklärt.
Daher habe ich erstmal viel über Haile Selassie und Äthiopien nachgelesen und ab S. 70 meinen Diercke-Weltatlas vom Staub befreit. Vierzig Seiten später ging ich zu Google-Maps über, um Waughs Reisestationen nachvollziehen zu können.
Das muss man wollen, oder eben Vorwissen mitbringen. Ansonsten könnte diese Lektüre manch kleinere Durststrecke bieten, etwas, das wir von Evelyn Waugh sonst nicht gewohnt sind.

Ich jedenfalls habe beim Lesen und Recherchieren viel gelernt und Spaß an Waughs bissigen Reiseschilderungen gehabt.
Zum Beispiel, wie er nicht müde wird, zu betonen, dass nichts nach Plan verläuft: “Ein Sonderzug werde noch am selben Tag bereitstehen. Doch es kursierten widersprüchliche Gerüchte. Diejenigen, die schon einige Erfahrungen mit Abessinien hatten, wiesen darauf hin, dass es nie und nimmer so unkompliziert sein werde.” Was sich als wahr herausstellen wird, denn Zugfahrpläne sucht man zum Beispiel vor Ort vergebens.

Oder, als bei einem Empfang die Delegationen mit ihren Nationalhymnen begrüßt werden – was sich sehr in die Länge zieht: “Eines fiel mir jedoch auf, und das war ihre ungewöhnliche Länge. Keine einzige schwierige Passage wurde ausgelassen, jede Nationalhymne in sämtlichen Strophen gespielt. In Sachen Langatmigkeit ging der erste Platz unumstritten an die Polen.” Man kann sich Waughs Augenrollen bildlich vorstellen.

Oder wie er uns trocken schildert, dass das Bureau d´étrangers in Addis Abeba nur einen einzigen Mitarbeiter hat. Mr. Hall, dessen Aufgabe darin besteht, sich alle Sorgen anzuhören, Beschwerden entgegenzunehmen, den Besucher zu besänftigen, ihn “mit einem Lächeln und der Versicherung seines guten Willens” hinauszukomplimentieren – und nichts zu unternehmen.

“Expeditionen eines englischen Gentleman” gehört meiner Meinung nach zu den Werken Evelyn Waughs, das man lesen kann, wenn man den Autor als Reiseschriftsteller kennenlernen möchte. Ein absolutes Muss ist es nicht.
Da gibt es meiner Ansicht nach wichtigere Werke, wie zum Beispiel “Eine Handvoll Staub”, oder “Scoop”.

Für mich hat sich die Lektüre jedoch sehr gelohnt, zumal ich mehr über Afrika weiß, als vorher und mir vom reisenden, leidenden Evelyn Waugh ein Bild machen kann, der seine Ansichten wohl, humorvoll und sehr spitz zu formulieren weiß – und dem sprachlich keiner so schnell etwas vormacht.
Ich habe auch nichts anderes erwartet.

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ISBN: 978-3-257-07026-2
Verlag: Diogenes
Erscheinungsjahr: 2018
Übersetzung:  Matthias Fienbork
Seiten: 336
Preis: 24,00 €


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