Jakob Arjouni: “Hausaufgaben”

Jakob Arjouni: “Hausaufgaben”

Vor einiger Zeit hatte ich in der Buchhandlung ein Gespräch mit einem Kunden über Lieblingsbücher.
Ich erzählte ihm von “Melnitz” und “Scoop” und er sagte mir “Hausaufgaben” von Jakob Arjouni sei sein absoluter Favorit.

Dieser Titel sagte mir zunächst nichts, der Autor natürlich schon, aber ich hatte eher von seinen Kayankaya-Romanen gehört und bisher nur “Cherryman jagt Mr. White” (das mir sehr gut gefallen hat) gelesen.
Der Zufall wollte es, dass ich vor ein paar Wochen erneut aus “Hausaufgaben” stieß und irgendwie war klar, dass ich es nun haben musste.
Nachdem ich es gelesen habe, kann ich nun verstehen, weshalb dieses Buch eines der Lieblingsbücher des oben erwähnten Herrn ist.

Die Hauptfigur des Romans heißt Joachim Linde. Er ist Lehrer und unterrichtet am Reichenheimer Schiller-Gymnasium das Fach Deutsch. Er ist verheiratet, hat einen Sohn, der sich für Amnesty International engagiert und eine Tochter, die vor einem halben Jahr versucht hat sich das Leben zu nehmen, in dem sie sich die Pulsadern aufgeschnitten hat.

Jochim Linde selbst hält sich für sehr gut aussehend (er geht mit der Mode, pflegt sich und macht Gymnastik) und auch für intelligenter und intellektueller, als andere Menschen. Dies stellt er gerne unter Beweis, in dem er Wortspielereien und Anmerkungen in Konversationen einstreut, die dazu dienen sollen dem Gegenüber zu zeigen, dass Linde ihm überlegen ist.
Allerdings haben sogar seine Schüler schon festgestellt, dass er gerne Worte benutzt, die es nicht gibt und reiben ihm das gerne unter die Nase – was Linde jedoch ignoriert.

Der Direktor und Linde selbst sind Studienkollegen. Lindes Frau war einmal Referendarin am Gymnasium und hat schließlich Linde geheiratet. Damals war sie frisch, fröhlich und unbedarft, doch spätestens seit der Sache in Südfrankreich ist der Ofen aus.
Linde schläft seitdem auf dem Sofa und seine Frau ist hin und wieder in einer psychosomatischen Klinik. Des Weiteren packt sie auch gerne ihre Koffer. Zieht dann aber doch nicht aus. Frauen eben.

Sein Sohn Pablo ist lieb und nett, interessiert sich Lindes Ansicht nach aber nicht genug für Frauen. Ein junger Mann muß sich doch ausprobieren – Linde gibt ihm da gerne Tipps und insgeheim hält er seinen Sohn für ein kleines Weichei. Er sollte mehr so sein, wie der Vater. Aber das wird bestimmt noch. Hoffentlich.
Die Tochter ist inzwischen allerdings ausgezogen, was Linde an sich gut findet, denn sie soll auf eigenen Beinen stehen. Allerdings hat sie keinen Schulabschluss gemacht. Wo soll das denn hinführen? Sie wohnt bei ihrem tätowierten Freund in Mailand und das passt Linde übrigens ebensowenig. Als besagter Freund eines Tages aufkreuzt und die Sachen der Tochter holen möchte eskaliert die Sie Situation…

Linde will uns glauben machen, dass er in einer heilen Welt lebt, doch von Anfang an ist klar, dass da etwas nicht stimmt. Er selbst sieht sich als guten Familienvater, der eben ein paar kleiner Probleme hat, dessen Welt aber im Großen und Ganzen in Ordnung ist.
Wie Jakob Arjouni allerdings immer wieder Worte und Sätze ganz nebenbei einstreut, die einen die Augenbrauen hochziehen lassen und immer schockierender werden, das ist große Kunst.
Man denkt zunächst, das wird ein Buch über einen Lehrer, der sich einfach nur auf sein freies Wochenende freut. Falsch gedacht. Dieses Buch ist viel mehr. Dieses Buch ist hinterhältig und führt einen aufs Glatteis, denn alles ist anders, als es zunächst scheint.

Ich jedenfalls beneide jeden, der diesen Roman noch vor sich hat, denn ich hatte einen sehr spannenden Nachmittag auf dem Sofa. An dieser Stelle bedanke mich recht herzlich bei dem Herrn, der mich auf dieses Buch aufmerksam gemacht hat – was wäre mir da entgangen.

Dies ist nach Yael Hedayas Roman „Die Sache mit dem Glück“, das zweite Buch, welches ich im Rahmen der Aktion #GoldenBacklist von Papiergeflüster gelesen habe. Bei dieser Aktion geht es darum geht, die Aufmerksamkeit auf Bücher zu lenken, deren Erscheinungsdatum schon länger als als fünf Jahre zurückliegt. Eine sehr sinnvolle Sache, wie ich finde.

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ISBN: 978-3-257-23504-3
Erscheinungsjahr: 2005
Verlag: Diogenes
Preis: 9,90 €


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