Jesper Wung-Sung: “Opfer”

Jesper Wung-Sung: “Opfer”

Kürzlich prämierte die Stiftung Buchkunst die schönsten Bücher des Jahres 2016.“Opfer” ist eines davon.
Aber nicht nur optisch ist dieses Buch gelungen – es wartet auch mit einer spannenden Geschichte auf, deren Thema das reine Überleben ist.

Benjamins Vater ist Schuldirektor an Benjamins Schule. Dies bedeutet, dass Benjamin ständig unter Beobachtung ist, sich also keine “Fehltritte”, wie zum Beispiel Stunden zu schwänzen, leisten kann. Noch schlimmer findet er es eigentlich, dass auf dem Schreibtisch seines Vaters ein Bild von ihm und seiner Mutter steht. Das ist doch peinlich und unangenehm, aber da Benjamin stets zur Höflichkeit erzogen worden ist, traut er sich nicht, dies seinem Vater mitzuteilen.
Dass diese Art des Unter-Beobachtung-Stehens vollkommen harmlos ist, muß Benjamin auf eine sehr harte Art und Weise lernen.

Benjamins Schule befindet sich in einer Senke, in welcher der Handy Empfang nicht wirklich gut ist. Aber da sowieso alle Schüler der umliegenden Orte auf diese Schule gehen, ist das eigentlich nicht weiter schlimm.
Als ein Lehrer eines Tages plötzlich ins Krankenhaus muß, bekommen die Schüler den Rest des Tages frei. Just in diesem Moment geschieht allerdings etwas sehr Unerwartetes: Drei Männer in schwarzen Anzügen treten zum Schulleiter, flüstern ihm etwas ins Ohr, woraufhin dieser sich korrigiert und sagt, der Unterricht würde zwar nicht stattfinden, doch die Schüler sollten bitte noch auf dem Schulgelände bleiben. Irgendwie ist das wie kollektives Nachsitzen: In der Schule sein, aber eigentlich frei haben. Benjamin überlegt, ob er einfach nach Hause gehen soll, doch er traut sich nicht.

Kurz darauf bekommt er eine SMS von seiner Mutter, in welcher sie schreibt, dass im Fernsehen über eine Grippeepidemie berichtet werde. Kurz darauf hat Benjamin kein Netz mehr, um ihr zu antworten.
Sehr seltsam geht es weiter, als Lastwagen anrollen und damit begonnen wird, einen Zaun um die Schule zu ziehen. Das war es dann mit dem Abhauen, denn ab diesem Zeitpunkt kann keiner mehr aus der Schule heraus und niemand mehr hinein.

Bald darauf beginnen manche Lehrer und Schüler über Kopfschmerzen, Übelkeit und Fieber zu klagen, eine Art Krankenstation wird in der Turnhalle eingerichtet, doch gegen diese Krankheitsanzeichen ist nichts zu machen: Einer nach dem anderen wird sterben.

Das Szenario hat mich an die Serie “Fear the Walking Dead” erinnert, in der ein Stadtbezirk abgeriegelt wird, weil ebenfalls eine “Krankheit” grassiert. Im Falle der Fernsehserie werden die Kranken zu Zombies und müssen getötet werden, während die Kranken im vorliegenden Roman sterben und ihnen kein Medikament helfen kann. Benjamin und seine Mitschüler, besonders Kate, deren Vater sich vor ihren Augen das Leben genommen hat, geben ihr Bestes, aber nichts hält die Krankheit auf und niemand ist vor ihr sicher. Jeder kann der Nächste sein.

Die Situation der Überlebenden ist in der Fernsehserie und in “Opfer” sehr ähnlich: Kein Internet, kein Handyempfang, keine Erlaubnis, das umzäunte Areal zu verlassen und immer knapper werdende Lebensmittel. Im Prinzip geht es in beiden Fällen darum, was Menschen tun, wenn sie in extreme Situationen gebracht werden, wie sie kommunizieren, sich zusammenschließen, welche Gruppen sich bilden und wie sie interagieren, ohne zu wissen, ob diese Krankheit nur die eingeschlossene Gemeinschaft betrifft, oder ob die ganze Welt dem Untergang geweiht ist. Oder ob es überhaupt noch Leben dort draußen gibt.

“Opfer” ist ein sehr spannender Roman, der den Leser nicht schont und auch nicht davor Halt macht, sympathische Charaktere sterben zu lassen. Das ganze Geschehen ist ähnlich drastisch wie Janne Tellers moderner Klassiker “Nichts”, in dem es darum geht, dass Jugendliche etwas opfern müssen, was ihnen wirklich etwas bedeutet. Bei diesem Buch habe ich auch immer gedacht, dass es nicht schlimmer kommen könne, es aber immer schlimmer gekommen ist.
So ist es auch im vorliegenden Roman, wobei ich, wenn ich ehrlich bin, sagen muss, dass “Nichts” im direkten Vergleich ein bisschen tiefsinniger gewesen ist.

Nichtsdestotrotz ist “Opfer” ein sehr spannendes und bedrückend gut geschriebenes Buch darüber, zu was Menschen fähig sind, wenn die Regeln der Zivilisation außer Kraft gesetzt werden.

Ab 14 Jahren.

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ISBN: 978-3-446-25092-5
Erscheinungsjahr: 2016
Übersetzung: Friederike Buchinger
Verlag: Hanser
Preis: 13,90 €


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2 thoughts on “Jesper Wung-Sung: “Opfer”
Sabine

Klingt sehr gut und zack ab auf den Wunschzettel 🙂 Grüße vom Bingereader

Friederike

Da grüße ich doch fröhlich zurück :).

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