Lisa Taddeo: „Three Women – Drei Frauen“

Lisa Taddeo: „Three Women – Drei Frauen“

Das Lesejahr 2020 startete für mich weniger erfolgreich, denn nichts konnte mich begeistern. Bis zu diesem Buch, das derzeit kontrovers diskutiert wird.

In der amerikanischen Presse wurde “Drei Frauen” hoch gelobt und als “Das Buch der Stunde über weibliche Sexualität zwischen Lust und Macht” gefeiert. Das “Oprah Magazine” schrieb sogar, dass dieser Roman jetzt schon ein Klassiker der feministischen Literatur sei.
Ich glaube, ich habe ein anderes Buch gelesen.

Meiner Ansicht nach geht es in “Drei Frauen” um so vieles, aber definitiv nicht um weibliche Lust oder um sexuelle weibliche Macht in der heutigen Zeit.
Eher um das Gegenteil. Alle drei Frauen sind sowohl emotional, als auch sexuell von Männern abhängig. Wie zum Beispiel Maggie.

Gerade ist er hineingekommen. Sie hält die Luft an und gesteht sich ein, dass sie wahrscheinlich noch immer in ihn verliebt ist. So lange hat sie ihn nicht gesehen und wenn sie diesen Schritt nicht gewagt hätte, hätte sie ihn wahrscheinlich niemals mehr zu Gesicht bekommen. Er hat sich nie wieder bei ihr gemeldet, oder auf eine ihrer Nachrichten reagiert.
Diesem Treffen konnte er jedoch nicht aus dem Weg gehen, denn Maggie und Aaron befinden sich im Gerichtssaal.
Maggie hat Aaron verklagt.

Aaron Knodel und Maggie hatten eine Beziehung, von der niemand wissen durfte. Deshalb musste Maggie Aaron vor sieben Jahren versprechen, alle Chats zu löschen. Natürlich auch diejenigen, in welchen er sie zu sich nach Hause eingeladen hatte. Abends, während die Kinder schliefen und seine Frau weggefahren war.
Maggie war damals 16. Und Aaron Knodel ihr Lehrer.

Es war keine Liebe auf den ersten Blick, wie in einem Colleen Hoover Roman, sondern ein schleichender Prozess.
Mr. Knodel war der attraktivste junge Lehrer der Schule und viele Mädchen himmelten ihn an. Maggie gehörte nicht dazu. Sie schwärmte für David Beckham.

Mr. Knodel liebte seinen Beruf und kümmerte sich sehr um die Belange seiner Schülerinnen und Schüler.
Für Maggie war Mr. Knodel allerdings mehr als nur ein Lehrer, er war der einzige Mensch, der ihr Aufmerksamkeit schenkte, indem er mit ihr nach dem Unterricht sprach.
“Manchmal gibt es nichts Besseres auf der Welt, als jemanden, der dir durch eine Frage zeigt, dass er sich für dich interessiert.”Aaron Knodel stellte diese Fragen.
Maggie hatte es nicht einfach und es gab viel zu besprechen. Die beiden schrieben sich, sogar in den Ferien. Das veränderte alles.
Als sie Aarons Kursraum nach den Ferien betrat, war sie wahnsinnig aufgeregt. Wie würde er sich ihr gegenüber verhalten? Aber alles war perfekt. Er war perfekt.

Aber wie schafft man es, diese Geheimniskrämerei auszuhalten? Maggie hätte so gerne mit ihren Freundinnen darüber gesprochen, dass sie so verliebt war, aber genau das war nicht möglich.
Und dann war eines Tages alles vorbei. Und auch davon konnte Maggie niemandem erzählen.
Zumindest bis heute.

Jetzt sitzt sie vor Gericht und er ist da, der Mann, der ihr das Leben versaut hat. Seit er Schluss gemacht hat, ist es mit Maggie bergab gegangen. Sie sitzt in einem Loch, aus dem sie nicht mehr herauskommt und niemand weiß, weshalb. Ohne Aaron ist Maggies Leben nicht mehr lebenswert. Ohne den Mann, den sie noch immer liebt.
Den Mann, der sie hasst, denn jetzt ist sie es, die ihm alles nehmen wird.
Seinen Ruf, seine Familie, seine Glaubwürdigkeit. Sein Leben.

Lisa Taddeo hat sich jahrelang mit verschiedenen Frauen getroffen, sie interviewt und ihr Umfeld kennengelernt.
Maggie ist eine von ihnen. Maggie heißt in Wirklichkeit natürlich anders, aber ihre Geschichte ist nicht erfunden.
Sie ist wahr.
Genauso wahr, wie die Geschichte Sloanes, die so hübsch und charmant ist und die im Beisein ihres Ehemannes mit anderen Männern schläft. Oder ihm Videos von ihren Treffen mit anderen Männern schickt.

Genauso wahr, wie die Geschichte Linas, die verheiratet ist, aber von ihrem Mann nicht mehr berührt wird. Dabei ist das Küssen doch alles für Lina. Wichtiger noch als Sex.
Über Facebook kommt sie schließlich in Kontakt mit ihrer Jugendliebe Aiden. Aidan, der inzwischen einen Bauch hat und nicht der Allerhellste zu sein scheint. Aidan, den die inzwischen geschiedene Lina anbetteln muss, um sich mit ihr auf eine schnelle Nummer zu treffen.
Sie treffen sich, aber nur wenn es Adidan in den Kram passt. Danach verschwindet er gleich.
Dabei würde es Lina doch alles bedeuten, wenn er einmal bei ihr liegenbleiben würde. Aber er geht sofort nach Hause. Zu seiner Frau.

Dass es sich bei diesem Buch um echte Biografien handelt, war mir zu Beginn der Lektüre nicht bewusst. Ich habe vor einiger Zeit beim Durchblättern der Verlagsvorschau gedacht: Ah, hört sich gut an. Einfach mal merken.
Als ich einige Zeit und viele Vorschauen später “Three Women” dann auf meinem eReader hatte, habe ich den Klappentext gar nicht gelesen, sondern mich gleich in die Geschichte vertieft – und war nach dem ersten Kapitel gefangen.
Das hätte ich nicht gedacht, zumal mich zuvor kein Buch fesseln konnte. Klar habe ich das eine, oder andere gelesen bzw. angefangen, aber selbst meinem geliebten Evelyn Waugh (mit „Gilbert Pinfolds Höllenfahrt“) nicht gelungen mich zu begeistern. Und das klappt sonst immer.

Das Besondere an “Three Women” ist diese Echtheit und damit meine ich nicht die Tatsache, dass es wir es hier mit wahren Biografien zu tun haben. Ich meine diese Echtheit der Worte, die aus Lisa Taddeos Sätzen spricht.
Ich weiß noch, wie ich nach wenigen Seiten dachte, wie toll sich Lisa Taddeo doch in ihre Figuren versetzen kann.
Wir verstehen, warum es gar keinen anderen Weg für Maggie gab, als sich in Aaron Knodel zu verlieben. Hätten wir mit 16 Jahren denn widerstehen können?
Wären wir nicht auch hingerissen gewesen, wenn uns ein junger Lehrer das Gefühl gegeben hätte, wir wären etwas ganz Besonderes?
Wären wir nicht auch dahingeschmolzen, wenn ein erwachsener Mann unsere Beziehung mit der von Bella und Edward aus Twilight verglichen hätte?

In Filmen oder Büchern ist es hochromantisch und aufregend wenn sich ein Lehrer in eine Schülerin (und umgekehrt) verliebt. Wir denken da nur an den Colleen-Hoover-Jugendroman “Weil ich Layken liebe”, oder an die Romane bzw. die Erfolgsserie “Pretty Little Liars”.
Aber in Wirklichkeit?
In Wirklichkeit könnte das Loch, in das Maggie fällt, als Mr. Knodel die Beziehung beendet, nicht größer sein.
Jetzt hat sie die Hoffnung, dass er für die Zerstörung ihres Lebens zur Rechenschaft gezogen wird. Darüber werden jedoch die Richter und die Geschworenen entscheiden. Bzw. die Strategie der jeweiligen Anwälte.
Aber jetzt mal ehrlich: Ein so beliebter verheirateter Familienvater, der gerade erst zum “Lehrer des Jahres” gewählt worden ist, würde doch niemals etwas mit einem Teenie anfangen….

Lisa Taddeo schreibt in einer klaren, distanzieren Prosa, der ich mich nicht mehr entziehen konnte. Es ist wie bei Artikeln über echte Kriminalfälle. Man kann einfach nicht mehr aufhören zu lesen.
Ich habe mit den drei Frauen sehr mitgefühlt – und ich habe sie verstanden. Denn eigentlich sehnen sie sich doch nur nach einem: Nach Liebe.
Dafür sind sie bereit, alles zu geben. Doch manchmal kommt man im Leben auch mit einem sehr hohen Einsatz nicht ans Ziel. Besonders wenn es um Gefühle geht.
Und genau darum geht es in “Three Women”.

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ISBN: 978-3-492-05982-4
Verlag: Piper
Erscheinungsjahr: 2020
Übersetzung: Maria Hummitzsch
Seiten: 416
Preis: 22,00 €


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