Meg Mason: “Was wir wollen”

Meg Mason: “Was wir wollen”

In jeder Familie oder Partnerschaft gibt es Reibereien, Unstimmigkeiten, Streit und Probleme. In manchen Konstellationen sind sie ausgeprägter, in anderen werden sie zur Nebensache und man verträgt sich schnell. Jeder hat so seine Art damit umzugehen.
Marthas Mutter Celia ist, was dies und auch anderes anbelangt, sehr speziell.

Während Marthas Kindheit trennten sich ihre Eltern alle zwei Jahre.  Ihr Vater packte dann seine Kleidungsstücke und die Schreibmaschine in einen Wäschekorb und zog ins Bed & Breakfast am anderen Ende der Straße.
Ihre Mutter verbrachte die folgenden Tage im Schuppen und arbeitete an ihren Skulpturen.
Obwohl Martha wusste, dass sie den Schuppen nicht betreten durfte (an der Tür hing ein Schild: “MÄDCHEN: Bevor ihr klopft, fragt euch: Brennt irgendwas?”) ging sie ab und an hinein, während ihre Mutter schlief und räumte die vielen leeren Flaschen weg.
Sie wollte nicht, dass ihre Schwester Ingrid diese sah.

Irgendwann schickte Celia Martha oder Ingrid zum Bed & Breakfast, um den Vater zu holen “da die Sache doch verdammt lächerlich sei […], obwohl es jedes Mal ihre eigene Idee gewesen war.”
Danach versöhnten sie sich und es wurde gefeiert.

Partys waren der größte Beitrag, den Celia zum Famileinleben beisteuerte. Deshalb vergaben Martha und Ingrid ihr auch alles, denn die Partys waren toll.
Besonders für die beiden Mädchen, denn das Haus füllte sich mit Künstlern, die Stimmung war ausgelassen und es konnte schonmal vorkommen, dass sie aufwachten und ein Wandgemälde im Bad vorfanden.

Jetzt, als Erwachsene sieht Martha die Partys etwas anders.
Ihre Mutter veranstaltete diese Partys um das Haus mit “außergewöhnlichen Fremden zu füllen und vor diesen selbst außergewöhnlich zu wirken, und nicht jemand zu sein, der über einem Schlüsseldienst wohnt.”
Es genügte ihr nicht, für nur drei Personen, ihre beiden Kinder und ihren Mann, außergewöhnlich zu sein.

Diese Szenen befinden sich direkt auf den ersten Seiten des Romans und ich musste während des Lesens sofort an ein Buch denken, das mich vor einigen Jahren sehr beeindruckt hat:
„Schloss aus Glas“* von Jeannette Walls. (Ich habe gerade nochmal hineingelesen und musste mich sehr beherrschen wieder aufzuhören.)
In diesem Roman geht um eine sehr, sagen wir mal “unkonventionelle Künstlerfamilie”.
Allerdings ist es so, dass die Mutter nur glaubt eine Künstlerin zu sein. Sie gibt das Geld, das sie hat, für Leinwände aus, anstatt Lebensmittel für ihre drei Kinder zu kaufen.

Im Gegensatz dazu ist Marthas Mutter Celia laut der Times zumindest “einigermaßen bedeutend”. Sie also wirklich Künstlerin und wurde schon inder Presse erwähnt.
Geld hat die Familie jedoch dennoch nicht.
Marthas Vater ist Dichter, doch hat er bisher nur ein Gedicht veröffentlicht und das ist auch schon sehr lange her.
Doch Marthas Tante hat reich geheiratet und sorgt dafür, dass es ihrer Schwester Celia gut geht und dass sich die Familie finanziell keinerlei Sorgen machen muss.
Sie hat den beiden sogar ein Haus besorgt und gehofft, dass sie es renovieren. Das ist nicht geschehen und gedankt worden ist ihr auch nicht.
Im Gegenteil. Celia hörte sogar für viele Monate auf, mit ihrer Schwester zu reden, weil diese sie dezent auf die finanzielle Situation aufmerksam gemacht hatte.

Wir sehen, Celia ist keine einfache Person. Nun, ihre Tochter Martha ist es auch nicht.
Heute wird sie vierzig Jahre alt und sie hat etwas, um das sie von viele Frauen beneiden wird: Ihren Ehemann Patrick, der ein ruhiger, zuvorkommender, fürsorglicher Mensch ist.
Er hält Marthas Launen aus und fährt auch nicht aus der Haut, wenn seine Frau mit Gegenständen nach ihm wirft. Manchmal ist Martha nämlich tieftraurig und verletzt bewusst alle Menschen um sich herum.
Aber sie hat auch ganz andere Seiten: Sie ist kreativ, eloquent, sehr schlagfertig und hat (wie die ganze Familie) einen wunderbar trockenen Humor.
Dieser Humor, die treffenden, spitzen Bemerkungen und Dialog sind der Grund dafür, dass mir dieses Buch viel Spaß gemacht hat.

Hier ein Beispiel:

Martha und ihre Schwester Ingrid kaufen sich die gleichen Sweatshirts mit dem Aufdruck “University”, was Ingrids Meinung nach “klarstellte, dass wir eine Hochschulausbildung genossen hatten, jedoch nicht so verzweifelt um Anerkennung kämpften, dass wir den Leuten unter die Nase reiben mussten, wo.”

Das ist die eine Seite des Romans. Die andere Seite ist wie die andere Seite Marthas.
Traurig und depressiv. Es ist die Geschichte einer Frau, die versucht in einer Welt zu überleben, in die sie nicht hineinpasst, weil sie nicht so ist, wie die anderen.
Sie verweigert sich Gedanken und Dinge sie sich sehnlichst wünscht – und weiß nicht, wie sie dies ändern kann.

Es gibt eine Sache, die mich an diesem Buch kurzzeitig gestört hat. Denn ich habe mittendrin mal geblättert und einen Blick in die Anmerkungen geworfen. Was ich dort gelesen habe, hat mich zunächst geärgert.
Dennoch habe ich weitergelesen und dachte eigentlich, dass ich das Buch (das mir bis dahin sehr gut gefallen hatte) “jetzt halt schnell zu Ende lese”, weil es so viel jetzt auch nicht mehr ist.

Nach ein paar Seiten musste ich aber feststellen, dass mein Unmut verflogen war.
Denn was dort steht, ist eigentlich vollkommen irrelevant.
In “Was wir wollen” geht es nicht darum eine Auflösung zu finden, sondern darum, mit Martha gemeinsam einen Weg zu gehen.
Mit ihr zusammen zu lachen und mit ihr zusammen Traurigkeit zu fühlen. Sich zu fragen, warum sie so ist, wie sie ist, obwohl sie so nicht sein will.

Diese Balance zwischen Humor und dem Eindringen in eine Seele, die im Grunde verzweifelt ist, ist das, was mich an diesem Buch so berührt hat.

….außerdem finde ich es super, dass die Hauptperson alle Umzugskisten mit “Diverses” beschriftet.

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ISBN: 978-3-7530-0003-9
Verlag: Ecco
Erscheinungsjahr: 2021
Übersetzung: Yasemin Dinçer
Seiten: 432
Preis: 22,00 €


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