Tanja Raich: „Jesolo“

Tanja Raich: „Jesolo“

Ein intensives, feinfühliges Buch und sehr ehrliches Buch, das definitiv zu meinen Highlights des Jahres 2019 zählt.

Andi und Georg sind schon ewig zusammen und machen erneut Urlaub in Jesolo in Italien. Das ist nur drei Stunden von ihrem Wohnort entfernt.
Wenn es nach Andi ginge, würden sie auch mal Urlaub woanders machen. Mal wegfliegen. Nach Bali zum Beispiel.
Aber Georg findet es so praktisch und außerdem spart er für die Renovierung.

Diese Renovierung ist der Knackpunkt. Denn nicht irgendeine Wohnung soll rundum erneuert werden, sondern Georgs Wohnung, die sich im Haus seiner Eltern befindet.
Das wäre doch so praktisch, dann könnten Andi und Georg doch endlich zusammenziehen. Warum Andi sich nach wie vor weigert, versteht sowieso niemand.
Seit langer Zeit weicht sie Georg aus, wenn das Gespräch wieder darauf kommt, denn Andi möchte nicht auf dem Land versauern.
In einem kleinen Dorf, in dem jeder jeden kennt und jeder jeden beobachtet.

Außerdem ist es mit Georg auch nicht so einfach. Das war es einmal. Und schön war es auch.
Als sie zum ersten Mal in Jesolo waren, hat Georg sich für Andi am ersten, oder letzten Abend immer etwas Besonderes ausgedacht. Zum Beispiel hat er sie im Restaurant mit einer eigens für sie zubereiteten Pizza in Herzform überrascht.

Jetzt ist es komplizierter, denn Georg setzt sich zum Beispiel im Restaurant prinzipiell um. Der zugewiesene Tisch ist entweder zu zugig, zu mittig, zu nah an der Küche, oder zu nah an den Toiletten.
Immer ist es etwas anderes.

Es ist auch schwierig, dass Georg sich partout nicht als Tourist sehen will. Alle anderen reservieren sich ihre Liegen am Strand morgens mit einem Handtuch. Andi würde das auch gerne machen, aber Georg möchte das nicht. Deshalb liegen sie immer ganz hinten. Aber mit Georg zu diskutieren hat keinen Wert.

Die einzige Sache, bei der Andi nicht nachgibt, ist die Sache mit der Wohnung. Sie will nicht bei Georg wohnen und immer auf einem blauen Sofa sitzen, das so aussieht, “wie eines dieser Sofas, die man sich als Gesamteinrichtung eines Wohnzimmers im Katalog bestellen kann.”
Dieses Sofa sieht nicht nur so aus, es ist aus einem Katalog. Die Vorhänge passen zum Teppich und zu den Kästen an der Wand. Alles passt zusammen. Georgs Mutter hat es bezahlt.

Georgs Eltern sind auch ein Grund, weshalb Andi nicht mit Georg zusammenzieht. Georg hingegen betont, dass seine Eltern sich überhaupt nicht einmischen würden. Andi und Georg würden ihr Leben haben und Georgs Eltern einfach weitermachen, als ob ihr Sohn und seine Freundin nicht da wären.
Dass dies nicht der Fall ist, muss Andi feststellen, als sie nach einem großen Streit mit Georg zu diesem zurückkommt und schließlich einknickt und der Renovierung und ihrem Einzug zustimmt.
Normalerweise wäre das nicht geschehen. Aber Andi ist ungeplant schwanger geworden…

Tanja Reich hat bereits viele Auszeichnungen und Literaturstipendien erhalten und legt mit “Jesolo” nun ihren Debütroman vor.
Ein Buch, das ich innerhalb von zwei Tagen inhaliert habe. Es sind die kleinen Beobachtungen, das feine Gespür für Situationen und eine gewisse Art der Melancholie, die “Jesolo” so besonders machen.
Wie Andi zum Beispiel bemerkt, dass Georg sich immer mehr wie sein Vater zu kleiden beginnt. Etwas moderner vielleicht, aber Georgs Hosen haben den gleichen Grauton. Außerdem trägt er hellblaue Hemden, obwohl er nie Hemden getragen hat.

Zehn Monate dürfen wird Andrea begleiten. Zehn Monate, in denen sich ihr Leben komplett verändert, ohne dass sie das gewollt hat.
Wir sind dabei, wie sie beobachtet, dass Georg im Hotel immer die gleichen Dinge vom Frühstücksbuffet mitbringt. Wie sie feststellt, dass er nie etwas Neues ausprobiert.
Hier merken wir schon, dass die beiden eigentlich nicht zusammenpassen. Dass sie etwas anderes vom Leben möchten.

Georg wünscht sich eine Familie und als die beiden ein Mädchen am Strand beobachten stellt er Andi die rhetorische Frage “Wird unser Kind auch mal so süß sein?”.
Andi denkt sich ihren Teil nur. Denkt sich, dass sie dann sonntags um sechs geweckt werden würde und sich alle Gespräche nur noch um Babywindeln und Kinderzubehör drehen würden. “Willst Du das wirklich?” fragt sie. Allerdings nicht laut, sondern nur im Kopf für sich. Und weiter: “Vielleicht kann man es ja zurückgeben. Aber erst nach zwanzig Jahren.”.

Die Sache ist, dass Andi vollkommen passiv bleibt. Sie hat wahrscheinlich Angst das gewohnte Terrain zu verlassen, klar, die beiden kennen sich schon von klein auf.
So eine lange Beziehung, die schmeißt man doch nicht einfach so weg.
Das sagen auch Andis Freunde. Wahrscheinlich, weil Georg und sie so perfekt darin sind, das harmonische, glückliche Paar zu spielen.
Wer genauer hinschaut, der merkt aber, dass Andi sich im Kleinen rächt. Zum Beispiel, als sie den Fisch, den Georg gekocht hat kräftig vor den Augen der Freunde nachsalzt. Das hasst Georg wie die Pest.

Aber was helfen diese kleinen Gesten, wenn es nie zur Aussprache kommt.
Es ist ja nicht so, dass Andi Georg gar nicht mehr liebt. Das tut sie und in vielen Momenten sind sie auch sehr glücklich miteinander.
Aber über alles reden würde helfen und vielleicht würde man auch einen Kompromiss finden. Aber sind wir einmal ehrlich: Georg und Kompromisse?
Er ist sehr festgefahren in seinen Zukunftsplänen und der Leser stellt sich nach und nach die Frage, ob es ihm überhaupt um Andi als Mensch geht. Oder vielleicht nur darum, ein Haus zu haben und Kinder. Wie man das eben so macht.
Ob das jetzt unbedingt Andi sein muss, ist die Frage. Ich denke, er wäre vielleicht auch mit einer anderen glücklich. Hauptsache seine Lebensziele sind verwirklicht.

Tanja Raich schreibt in diesem Buch über nichts anderes, als über das Leben. Unsere Träume, unsere Wünsche und darüber, wie es ist, wenn man sich den Lebensentwürfen anderer ergibt.
Es liegt in der Natur der Sache, dass “Jesolo” kein Buch ist, bei dem man viel lachen muss. Es ist ein Buch, das nachdenklich macht.
Ein Buch, in dem wir uns wiederfinden und bei dem wir nicht umhin kommen, uns zu fragen: Was hätte ich an Andis Stelle getan?
Ja, was. Ich wüßte es nicht.

Tanja Raich hat mir ein sehr intensives Leseerlebnis beschert, das in mir noch lange nachhallen wird und definitiv eines meiner Highlights des Jahres 2019 ist.

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ISBN:  978-3-89667-644-3
Verlag: Blessing
Erscheinungsjahr: 2019
Seiten: 224
Preis: 20,00 €


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