Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“

Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“

“Das ist die Geschichte vom Leben und den Träumen des Joghurt- und Boza-Verkäufers Mevlut Karatas.”
So beginnt Orhan Pamuks neues Buch, auf das ich mich schon lange vor der Ankündigung der deutschen Übersetzung gefreut habe. Ich weiß noch, wie ich die bereits erschienene englische Version in den Händen hielt und gleich dachte, dass das bestimmt ein tolles Buch sein müsse. Das hat sich jetzt bestätigt.

Den Inhalt der Geschichte hat Orhan Pamuk kurz und knapp in seinem ersten Satz zusammengefasst, wobei sich dem Leser zunächst die Frage aufdrängt: “Boza? Was ist das?”
Doch bevor ich Google zu Rate ziehen konnte, erklärt Orhan Pamuk: Boza ist “ […] ein aus Asien stammendes, zähflüssiges Getränk aus vergorener Hirse, dunkelgelb,wohlriechend und leicht alkoholisch”.
Boza wurde zu osmanischen Zeiten vor allem im Winter in Geschäften verkauft, da es bei Hitze leicht verdirbt. Doch diese Geschäfte wurden 1923 weitgehend von den deutschen Bierstuben verdrängt. Doch auf der Straße ging der Verkauf weiter, von Herren die abends schwer bepackt durch die Straßen wanderten und ihren charakteristischen Ruf (“Bozaa!“) verlauten ließen.

Genau dies der Beruf der Hauptfigur im Roman: Mevlut, der ein sehr gutgläubiger, herzensguter Mensch ist und einfach nicht wahrhaben möchte, dass der Verkauf von Boza, sowie der von Joghurt, auf der Straße nicht zukunftsträchtig ist. Denn die technischen Innovationen gefährden den Beruf. Zum Beispiel war es früher so, dass die Frauen die Körbe vom Balkon herunter ließen, Mevlut die sich darin befindenden Gefäße mit Joghurt füllte und das darin liegende Geld kassierte.
Inzwischen werden allerdings Mevluts “Bozaa!”-Rufe von den lauten Fernsehgeräten in den Wohnungen übertönt und infolgedessen gar keine Körbe mehr herunter gelassen.

Noch schwieriger wird es, als die Molkereien beginnen Joghurt in Plastikbechern zu verkaufen und sämtliche Läden mit Kühlschränken ausgestattet werden, sodass Joghurt immer gekühlt verfügbar ist. Wer kauft denn dann dieses Produkt noch auf der Straße.
Das alles und die Veränderung der Stadt Istanbul im Laufe der Jahre schildert Orhan Pamuk in diesem Buch sehr anschaulich, was unglaublich interessant ist.

“Diese Fremdheit in mir” bietet aber noch viel mehr: Es ist ein Einblick in die türkische Kultur und die Geschichte der letzten ca. 40 Jahre Istanbuls.
Man erfährt hier so viel einfach nebenbei. Zum Beispiel, dass erst zu Zeiten Atatürks die Familiennamen in der Türkei eingeführt worden sind, oder was nach dem Militärputsch von 1971 passierte, als der Verkauf von Büchern auf der Straße verboten wurde und das Militär begann alle schmutzigen Orte in der Stadt (also fast alles) weiß anzustreichen, wie einen Kasernenhof.
Für Mevlut, der zu diesem Zeitpunkt die Atatürk Knabenschule besuchte, hatte dies zur Folge, dass ihm und allen anderen Schülern die Haare erbarmungslos abgeschnitten wurden. Zwar hatte der Rektor schon vorher immer die langen Haare seiner Schüler bemängelt, wirklich vorgehen konnte er gegen diese aber erst, als das Militär auf das Schulgelände kam.
Das genau ist das spannende an diesem Roman, wie sich große Veränderungen im Kleinen, in Mevluts Leben, widerspiegeln.

Das ist die eine Ebene. Die andere ist Mevluts Familien bzw. Liebesleben, was nicht minder interessant ist.
Mit 25 Jahren hat sich hat Mevlut auf der Hochzeit seines Cousins verliebt. In die Schwester der Braut, die aus einem kleinen Dorf kommt. Er hat nur ihre Augen gesehen und seit dem kann er an nichts anderes mehr denken.
Von seinem Cousin hat er ihren Namen erfahren: Rahiya. Drei Jahre lang schreibt er ihr Liebesbriefe, oder besser gesagt, läßt sie schreiben und zwar von seinem Freund Ferhat.
Natürlich schreibt ihm Rahiya nicht zurück, aber schon alleine die Vorstellung, wie sie seine Briefe liest, läßt Mevlut seinen Militärdienst leichter ertragen.
Schließlich beschließen er und sein Cousin Rahiya zu entführen, was sie auch in einer Nacht und Nebelaktion in die Tat umsetzen. Natürlich ist es zum Zeitpunkt der Entführung dunkel und auch im Transporter des Cousins, der das Paar zum Bahnhof bringt ist kein Licht zugegen. Im Licht des Bahnhofs folgt für Mevlut dann das dunkle Erwachen: Er sieht seine Braut zum ersten Mal seit drei Jahren vor sich und stellt fest: Er hat die falsche Frau entführt.
Denn es gab noch eine weitere Schwester in der Familie. Doch jetzt ist es für Mevlut zu spät. Entführt ist entführt.

Bemerkenswert ist, dass Orhan Pamuk sehr starke Frauenfiguren kreiert. Sie sind nicht nur Beiwerk, die den Haushalt zusammen halten und die Kinder erziehen. Samia zum Beispiel, die Frau, in deren Augen sich Mevlut eigentlich verliebt hat ist weder brav, noch zurückhaltend, sondern setzt sich durch und vertritt ihre Meinung vehement. Sie nimmt auch zum Beispiel Einfluß auf Mevluts Töchter und macht sie ebenfalls zu starken Persönlichkeiten, in dem sie sie unterstützt und darin bestärkt zu studieren, was Fatma (Mevluts Tochter) auch tut und zwar an einer Universität, an welcher sie kein Kopftuch tragen darf.

“Die Fremdheit in mir” ist zur Zeit das meistverkaufte Buch Pamuks in der Türkei. Vielleicht ist das so, weil er erstmals einen Menschen der einfachen arbeitenden Schicht zur Hauptfigur macht und somit auch das Leben der einfachen Leute schildert. Bisher kamen seine Figuren eher aus dem Bildungsmilieu.
Ich persönlich muß auch zugeben, dass ich in manche seiner Bücher nicht wirklich hineingekommen bin. Mit “Istanbul” hatte ich Schwierigkeiten, obwohl ich zu diesem Zeitpunkt gerade in Istanbul gewesen bin und dachte, es sei die optimale Lektüre.

Ausnehmend gut gefallen hat mir allerdings: “Das Museum der Unschuld”, in dem es um einen jungen Mann geht, der einer Frau versprochen ist, sich dann jedoch in seine Cousine verliebt. Alle anderen bestärken ihn allerdings darin, die versprochene Frau zu heiraten, was er schließlich auch tut. Am Tag seiner Hochzeit merkt er allerdings, dass er die falsche Entscheidung getroffen hat.
Dieses Thema wiederholt sich in “Die Fremdheit in mir”, denn auch hier heiratet der Protagonist die falsche Frau. Allerdings ist er in diesem Falle unwissend, traut sich dann aber nicht das Ganze rückgängig zu machen. Und tut gut daran, denn mit Rahiya hat er die perfekte Ehefrau gefunden.

Das ist vielleicht das Einzige, was man diesem Roman ankreiden kann. Er ist manchmal zu nett und zu betulich seinen Figuren gegenüber, denn obwohl in Istanbul viel passiert, auch in politischen Dimensionen, hat die Hauptfigur keine wirkliche Meinung zu diversen Problemen. Es gibt keine Reibungspunkte, was ich persönlich etwas schade finde, aber so hat Orhan Pamul seine Hauptfigur eben angelegt.

Mevlut ist ein guter Mensch und politisch sehr unentschieden, beziehungsweise einfach eben  nicht politisch. Orhan Pamuk formuliert es im Interview mit der Süddeutschen Zeitung so:
“Mevlut ist nicht unbedingt unpolitisch, er versucht eher, der Politik aus dem Weg zu gehen. Die eine Hälfte der Kunden eines Straßenverkäufers kann säkular, die andere Hälfte konservativ eingestellt sein und er will es sich mit keinem verscherzen. Aber es ist sicherlich so, dass der türkische Jedermann sich nicht allzu sehr für Politik interessiert. Anstatt über das Weltgeschehen zu diskutieren, schaut er sich lieber seine tägliche Soap-Opera an.”
Das tut auch Mevlut, denn seine Soap Opera ist die Straße und das ändert sich auch während seiner beruflichen Laufbahn nicht, ob er nun Pilav, oder Döner verkauft, oder abends sein geliebtes Boza: Immer beobachtet er das Geschehen auf der Straße und das ist ihm viel lieber, als über Weltpolitik zu diskutieren.

Ich jedenfalls habe zwei Wochen in einer anderen Welt verbracht, wobei es sicherlich hilfreich war, dass ich Istanbul bereits selbst erleben durfte.
Vor meinen Augen lief während der Lektüre ein kompletter Film ab, ich sah die mittlerweile restaurierten Holzfassaden von Arnavutköy, die Bauten und Geschäfte im heute sehr westlichen Stadtteil Beyogu, den Taksim Platz, die allgegenwärtigen Straßenhunde (wobei es deutlich weniger geworden sind, seitdem man große Müllcontainer anstatt kleiner Mülleimer ohne Deckel verwendet – so steht es im Roman) und natürlich die Straßenverkäufer, denen Orhan Pamuk mit diesem Roman ein Denkmal gesetzt hat.

“Diese Fremdheit in mir” ist ein großartiger Roman über Veränderung, über die Leidenschaft zu einem Beruf und darüber, dass Glück nicht unbedingt gleichbedeutend mit großem Erfolg und Geld sei muß. Es ist eine Art privater und moderner Geschichtsroman, dessen heimliche Hauptfigur eine Stadt ist. Die schillernde Metropole Istanbul.

» zur Leseprobe

» zum vollständigen Interview mit Orhan Pamuk in der Süddeutschen Zeitung

» ein Interview zum Hören mit Orhan Pamuk bei Deutschlandradiokultur


ISBN: 978-3-596-03403-1
Verlag: Fischer
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Gerhard Meier
Preis: 12,00 €

Die gebundene Ausgabe dieses Titels ist 2016 bei Hanser erschienen.


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