Anna Enquist: “Streichquartett”

Anna Enquist: “Streichquartett”

Anna Enquists Stärke ist, ihre Charaktere psychologisch bis ins Kleinste auszuloten. Genau dies gelingt ihr in “Streichquartett” aufs Neue.

Carolien ist Ärztin und arbeitet in einer hausärztlichen Gemeinschaftspraxis. Normalerweise ist sie voll konzentriert auf ihre Arbeit und liebt diese sehr, doch vor einiger Zeit hat sie ein tragischer Vorfall komplett aus der Bahn geworfen. Auch die Kommunikation mit ihrem Mann Jochem (der beruflich Musikinstrumente stimmt und repariert) ist fast zum Erliegen gekommen.

Die einzige Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen, bietet das in regelmäßigen Abständen stattfindende Streichquartett bei Hugo, der das örtliche Musikzentrum leitet. Eigentlich ist er professioneller Musiker: Geige hat er studiert, doch der Bedarf an Musikern ist in der heutigen Zeit gering. Daher die Sache mit dem Musikzentrum. Seine Tätigkeit wird allerdings von Tag zu Tag schwerer, denn der Kultur werden die Gelder immer mehr gekürzt.
Die Vierte im Bunde ist Heleen, eine Krankenschwester, die bei Carolien in der Praxis angestellt ist und sich tagtäglich mit einem immer maroder werdenden Krankensystem konfrontiert sieht.

Alle vier haben ihre Sorgen, aber wenn sie gemeinsam musizieren, können sie vergessen und sich in die Musik fallen lassen. Musik tröstet. Musik lenkt ab. Musik entspannt.
Bis zu dem Zeitpunkt, an welchem die Vier wieder von der Wirklichkeit eingeholt werden…

Das große Thema dieses Buches ist die Liebe zur klassischen Musik. Anna Enquist selbst hat Klavier studiert und das merkt man diesem Roman auch an. Sie spricht von der Musik wie von einer Vertrauten, einer Freundin. Von schwerfälligen Sätzen, von klischeehaften Interpretationen, von düsterem Ausdruck und vor allem davon, was Musik kann und macht diese so für den Leser erlebbar. Ihre Sprache klingt.

Doch Musik scheint in der heutigen Zeit immer unbedeutender zu werden: Hugo zum Beispiel bekam keine Stelle als Musiker und auch seine derzeitige Anstellung im Musikzentrum ist von Kürzungen bedroht, zumal die Konzertsäle sehr oft leer bleiben.
Diese Einsparungen kritisiert Enquist und macht in vielen Momenten deutlich, dass klassische Musik auch heute noch Bedeutung hat und dass wir sie nicht vergessen sollen.

Ein weiteres Thema ist das Gesundheitssystem der Niederlande. Es scheint so zu sein, dass die Altenpflege aus dem normalen Gesundheitssystem ausgegliedert worden ist und die Betroffenen in Einrichtungen fernab des normalen Lebens abgeschoben werden und mehr oder weniger vor sich hin vegetieren. Es wird nicht mehr so viel Wert darauf gelegt, dass ein Patient sich so lange wie möglich selbst versorgen kann. Er belastet das Gesundheitssystem, also muß er in eine Pflegeeinrichtung, obwohl man dies noch hätte gut hinauszögern können.
Dies versucht Heleen, die Krankenschwester im Buch auch so oft wie möglich zu tun, doch es gelingt einfach nicht.

Herr van Aalst ist ein Betroffener. Sowohl im Bereich der Musik, als auch im Bereich der Gesundheit. Er ist alt geworden, war Berufsmusiker und hat noch eine einzige Schülerin: Carolien.
Zur Tür zu kommen, bereitet ihm erhebliche Schwierigkeiten, genauso wie die Teezubereitung. Der Alltag wird problematisch. Nicht nur das bereitet ihm Sorgen, sondern vielmehr, dass es jemandem auffallen, dieser ihn melden und van Aalst so in ein Heim abgeschoben werden könnte.

Enquist beschreibt diese Angst gekonnt. Allerdings stellt sie van Aalst dann die Figur des Nachbarjungen zur Seite und dies war mir etwas zu viel. Der alte Mann, der von der Hilfsbereitschaft des kleinen Nachbarsjungen lernt, dass es auch gute Menschen gibt und eine andere Hautfarbe nicht bedeutet, dass ihm jemand etwas wegnehmen möchte. Da war mir der erhobene Zeigefinger dann doch zu präsent. Das hätte man subtiler machen können.
Des Weiteren finde ich, dass das sehr dramatische Ende nicht zu Anna Enquist passt. Das hätte sie gar nicht nötig gehabt.
Sie ist die Meisterin der leisen Töne, des psychologischen Auslotens von Charakteren und ich finde, dass sie darauf vertrauen kann, mit alleine diesen Mitteln einen großartigen Roman zu schreiben.
Und sieht man einmal von den letzten zwanzig Seiten ab, so ist ihr dies hier auch vollkommen gelungen.

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ISBN: 978-3-630-87467-8
Verlag: btb
Übersetzung: Hanni Ehlers
Erscheinungsjahr: 2017
Seiten: 288
Preis: 10,00 € – bei Thalia bestellen (Affiliate Link)

Die gebunden Ausgabe dieses Romans ist 2015 bei Luchterhand erschienen.


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