Ayelet Gundar-Goshen: “Lügnerin”

Ayelet Gundar-Goshen: “Lügnerin”

Schon nach wenigen gelesenen Sätzen war klar, dass dieses Buch zu meinen Highlights des Jahres zählen wird.

Als Nuphar zur Welt kam, sagte die Hebamme, dass dieses Kind einmal wunderschön sein würde.
Ihre frisch gebackene Mutter nahm diese Aussage wörtlich und obwohl sie und ihr Mann sich schon auf einen Namen geeinigt hatten, entschied die Mutter umzuschwenken. Wenn das Kind wunderschön sein würde, dann solle es auch einen passenden Namen bekommen. Daher gab die ihrer Tochter den Namen “Nuphar”.
Nuphar, die Seerose.

Als Nuphar heranwächst, stellt sich heraus, dass sie nicht hässlich ist, doch ihre Eltern hatten nunmal ein “wunderschönes” Kind erwartet. Und “wunderschön” ist ihr Kind nicht, sondern einfach ganz normal.
Auch ist Nuphar sehr zurückhaltend und wenn wir ehrlich sind, so ist es so, dass keiner sie wirklich bemerkt. So reift sie zu einem Mädchen heran, das ihre Mitschüler sofort vergessen werden, sobald der Schulabschluss geschafft sein wird.

Jetzt ist Nuphar siebzehn Jahre alt und verbringt ihre Sommerferien arbeitend in einer Eisdiele. Sie hat gehofft, dass sie irgendetwas Aufregendes erleben würde und in der Schule davon berichten könnte.
Doch der Sommer schleicht dahin, sie reicht den Kunden Eis über den Tresen und nichts passiert. So geht das schon Nuphars ganzes Leben lang. Während die anderen Mädchen kichernd durch die Straßen ziehen und sich bei Nuphar Eis kaufen, ohne zu erkennen, dass sie auf die gleiche Schule geht, versucht Nuphar sich einzureden, dass ihr all das nichts ausmacht. Doch dies funktioniert leider nicht.

Der Sommer scheint so ereignislos zu enden, wie er begonnen hat, doch dann betritt Avischai Milner die Eisdiele.
Vor einiger Zeit hat er eine Talentshow gewonnen und ganz Israel liebte ihn. Doch inzwischen hat man ihn vergessen. Der Ruhm war nur von kurzer Dauer.
Dass ihn nun selbst diese popelige Eisverkäuferin nicht wiedererkennt und es sogar wagt seine Aussprache zu korrigieren, macht ihn rasend und so schlägt er mit seinen Fingern auf die Glastheke und beginnt sie wüst zu beschimpfen. Niemals hätte er gedacht, was seine Worte auslösen bzw. anrichten könnten.
So kommt es, dass Nuphar innerhalb kürzester Zeit eines der bekanntesten Mädchen Israels wird.
Mit Hilfe einer kleinen Lüge, die jedoch Großes bewirkt…

Vor einiger Zeit las ich Ayelet Gundar-Goshens Roman “Löwen wecken”, von dem mir von vielen Seiten vorgeschwärmt worden war. Meine Erwartungen waren so sehr hoch und so kam es, dass sie nicht ganz erfüllt worden sind.
An “Lügnerin” bin ich frei von jeglichen Erwartungen gegangen und war nach wenigen Seiten hin und weg.
Hier zeigt Ayelet Gundar-Goshen weshalb sie eine großartige Schriftstellerin ist: Zum einen, weil es ihr gelingt einen brisanten Roman zu schreiben, der uns alle angeht und mit dem wir uns identifizieren können.
Mit einem Roman über den Wunsch nach Aufmerksamkeit, Zuwendung, Wertschätzung und Liebe.

Da ist Nuphar, die immer übersehen wird und für andere nicht interessant genug ist, während ihre Schwester Maya alles zu haben scheint, was Nuphar sich so dringend wünscht: Gutes Aussehen, Charme und ein Lächeln bei dem alle dahinschmelzen.
Da ist aber auch Lavie Maimon, der über der Eisdiele wohnt und wie Nuphar mit seinem Namen zu kämpfen hat. Lavie, der Löwe. Doch Lavie hat nichts Löwenähnliches. Er ist klein und schmächtig und eine Enttäuschung für seinen Vater, einen ehemaligen Oberst der Reserve vor dessen Launen die Soldaten früher immer auf der Hut gewesen sind.
Und da ist Avischai Milner, der Talentshowgewinner, den die Medien vergessen haben.
Sie alle werden im Laufe des Romans Aufmerksamkeit bekommen, doch was sie dafür tun, nagt an ihnen, denn sie alle setzen eine Lüge in die Welt. Der eine eine Große, der andere eine Kleinere.

Das andere, das dieses Buch so besonders macht, ist Ayelet Gundar-Goshens Einfühlungsvermögen in ihre Figuren, sowie ihr feines Gespür, kleine, alltägliche Beobachtungen in Worte zu fassen – und den Humor dabei nicht aus den Augen zu verlieren.
Mit “Ein taubstummer Bettler streckte den Leuten die Hand entgegen, doch sie stellten sich blind.” ergänzt sie zum Beispiel die Beschreibung einer Straßenszene und fügt hinzu “Traten die Leute dann aus den Läden, rieben sich die Einkaufstüten mit einem Rascheln aneinander, was in der Stadt den Herbst ebenso ankündigte, wie das Rascheln der fallenden Blätter. “.
Was für ein schöner Satz.

Ich habe die Lektüre sehr genossen und komme nicht umhin, Ayelet Gundar-Goshens Roman als charmant zu bezeichnen – und ihn auf die Liste meiner Highlights des Jahres 2017 zu setzen.

» zur Verlagsseite


ISBN:  978-3-0369-5766-1
Verlag: Kein & Aber
Erscheinungsjahr: 2017
Übersetzung: Helene Seidler
Preis: 24,00 €


Das könnte Dir vielleicht auch gefallen:

4 thoughts on “Ayelet Gundar-Goshen: “Lügnerin”
Daniela

Wunderbare Rezension, die die Atmosphäre wiedergibt, ohne zuviel zu verraten. Ein Buch, das ich mir notieren werde.
Daniela

von http://buchvogel.blogspot.de

    Friederike

    Vielen Dank!

Buchstabenträumerin

Ich kann dir nur voll und ganz zustimmen! Die feine Beobachtungsgabe, der Humor, die wundervolle Sprache – sie machen „Lügnerin“ zu einem ganz wunderbaren Buch 🙂

Liebe Grüße,
Anna

    Friederike

    Sehe ich ganz genauso :).

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: